Auktion 946 Kunstgewerbe

Freitag, 20. November 2009

Spitzenlos der Auktion ist mit 400/500 000 ein um 1877 entstandener monumentaler Prunkschrank des französischen Japonismus von Edouard Lièvre. Lièvre zählt zu den bedeutendsten Designern des französischen Historismus, wurde jedoch erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. Das imposante Möbelstück, das nun zum Aufruf kommt, ist eine Demonstration seines erlesenen Geschmacks und seiner überragenden gestalterischen Fähigkeiten. Das französische Kunsthandwerk ist zudem mit einem repräsentativen Art Nouveau-Paravent von Paul Girardet vertreten, das eine atmosphärische Herbstlandschaft zeigt (Lot 713, € 35/40 000). Es ist signiert und 1905 datiert. Aus der Epoche des Art Déco stammen auch ein Rivièrencollier (Lot 480, € 15/20 000, s.l.) sowie eine Brosche mit Naturperltropfen (Lot 479, € 12/15 000, s.l.), die das 106 Lose umfassende Schmuck-Angebot anführen.

Traditionell gehört frühes Porzellan zu den Höhepunkten der Kunstgewerbe-Auktion bei Lempertz. Diesmal ragt eine sehr seltene Höchster Figur der als Pantalon verkleideten Dienerin Isabellas heraus. Die Figur aus der großen Serie der Commedia dell´Arte-Figuren ist wohl nur drei Mal produziert worden und entsprechend höchst rar, als Modelleur gilt Johann Christoph Ludwig von Lücke. Ebenso außergewöhnlich ist ein sehr seltener, aus dem zweiten Viertel des 18. Jh. stammender Hausmalerkrug aus Hanau (Lot 203, € 40/45 000, s.l.).

In der umfangreichen Silber-Offerte werden insgesamt 209 Objekte vom 15. bis zum 20. Jh. angeboten. Zu den bedeutenden Stücken zählt ein St. Petersburger Teeservice von Henrik Hacklin, Nicholls & Plincke aus den Jahren 1864-67. Das Service war ein Hochzeitsgeschenk des russischen Großfürsten Konstantin, eines Sohnes Zar Nikolaus I., an seine illegitime Tochter Anna Konstantinovna Kniazev. Es gelangte bei ihrer Flucht 1917 nach Belgien und blieb seither im Besitz der Familie (Lot 397, € 10/14000). Von besonderem Interesse ist zudem eine um 1900 entstandene Kopie des Kantorstabs aus dem Aachener Domschatz von der Hand des Aachener Silberschmieds Reinhold Vasters (Lot 228, € 18/22 000), der vor einigen Jahren als Fälscher von Kunstkammerobjekten entlarvt wurde - was seiner Reputation als bedeutender Silberschmied des Historismus jedoch durchaus nicht geschadet hat.

Unter den Möbeln ragen eine seltene kleine Kommode von Abraham Roentgen heraus (Lot 631, € 15/25 000), die aus dessen früher Werkphase um 1755 stammen dürfte, sowie eine A. Roentgen zugeschriebene Kommode (Lot 630, € 25/35 000). Das Ergebnis von erlesenem deutschen und französischen Kunsthandwerk ist die Pendule aus der Zeit Ludwigs XV., deren Meißener Porzellanfiguren von J. J. Kaendler stammen, während die Montierung in Frankreich gefertigt wurde. (Lot 629, € 28/32 000, s.o.).

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Gebotszettel

Edouard Lièvre, Prunkschrank Japonismus, um 1877

Lot 693 / Schätzpreis € 400 - 500 000

Der Beginn der europäischen Japanmode ist mit der Weltausstellung in Paris 1867 zu datieren. Erstmals stellte dort das über Jahrhunderte für Europa weitgehend verschlossene Japan aus. Die Besucher hatten die Möglichkeit, die zauberhaften japanischen Kunstobjekte kennen zu lernen, Holzschnitte, Metallarbeiten, Porzellane - und nicht zuletzt die Lacke und Möbel. Gerade bei den Pariser Entwerfern entwickelte sich der neue japanische Einfluss besonders fruchtbar und durchwachsen von der wieder erinnerten Chinamode des 18. Jahrhunderts. Nicht die sklavische Kopie sondern die freie Kombination mit Elementen der asiatischen Kulturen wurden zum Maßstab der zeitgenössischen Produktionen. Einer der Protagonisten dieser ersten frühen Zeit ist der 1829 geborene Edouard Lièvre, der Malerei unter Thomas Couture studierte. Sein erstes großes Werk als Designer von Kunstobjekten ist die Grand vase persan für die Firma Christofle 1874. Von da an war Lièvre regelmäßig beteiligt an den großen Pariser Ausstellungen und besucht von den illustren Käufern der Zeit wie z.B. der Schauspielerin Sarah Bernhardt oder von dem Direktor der Keramikfabrik in Bordeaux, Albert Vieillard, einer der ersten großen Japonismus-Sammler. Die berühmten, für Vieillard entworfenen Möbel stehen heute im Musée d´Orsay in Paris. Nach dem frühen Tod von Lièvre 1886 erwarben George und Henri Pannier seine Zeichnungen und produzierten nach diesen wenige Objekte mit kleinen individuellen Varianten. Über das elegante Pariser Einrichtungsgeschäft Escalier de Cristal, das die Panniers betrieben, wurden die Kunstobjekte weltweit verkauft. So erwarb z.B. der Großfürst Vladimir von Russland einen Kabinettschrank, der heute in der Eremitage St. Petersburg steht.

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