Oberrheinischer Meister
Hortus und Conclusus mit Einhornjagd und Wurzel Jesse
Ende 15. Jahrhundert
Öltempera auf Holz. 124 x 84 cm.
Los 1511/ Ergebnis: EUR 135.000
Provenienz
Privatsammlung Basel. - 1995 erworben bei Fischer, Luzern.
Ausstellungen
Spätmittelalter am Oberrhein, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2001/2002 (außer Katalog). - Stadtmuseum Lindau 2007, Nr. 13.
Literatur
Beat Wyss: Vier Hortus Conclusus-Darstellungen im Schweizerischen Landesmuseum. In: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 20, 1960, S. 113-124, hier S. 123. - Lexikon der christlichen Ikonographie. Bd. 4, Freiburg 1972, Sp. 556. - Jürgen W. Einhorn: Spiritalis Unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters, München 1976, S. 361, Nr. 333. - Zu ähnlichen Gemälden und der Ikonographie siehe z. B. Uta Henning: Zur "mystischen Einhornjagd" in Friesach: "Gut Jäger durch Himmels Thron". Eine spätmittelalterliche Bild- und Liedmetapher. In: Carinthia 189, 1999, S. 177-199.
Der Kreidegrund ist mit Leinwand unterlegt, deren Struktur durch die Malschicht hindurch erkennbar ist. Ebenfalls erkennbar ist die Vorzeichnung, insbesondere im helleren Bereich.
Das Darstellungsthema ist aus spätgotischer Zeit durch Druckgraphiken und Gemälde überliefert, wobei unser Gemälde auch unterstützt durch seine Provenienz aus Basel wohl am ehesten dem oberrheinischen Kunstraum zuzurechnen ist. Es bietet dem andächtigen Betrachter eine detailreiche Beschreibung derMenschwerdung und des Erlösungswerks Christi sowie der heilsgeschichtlichen Bedeutung der Gottesmutter Maria.
Der umfriedete und mit einem Tor verschlossene Garten "Hortus conclusus" dient als Sinnbild der Jungfräulichkeit Mariens, auf die auch zahlreiche auf den Schriftbändern zu findende lobpreisende Zitate aus dem alttestamentarischen Hohelied Salomos verweisen. In der Mitte des Gartens ist zur Rechten die Gottesmutter zu sehen, die in einer Demutsgeste ihre Hände vor der Brust verschränkt. In ihren Schoß flüchtet sich ein Einhorn, das von einem hornblasendem und von vier Hunden begleitetem Engel verfolgt wird; das Einhorn ist ebenfalls ein Symbol der Jungfräulichkeit.
Dass Maria als Klammer zwischen Altem und Neuem Testament, als Brücke zwischen der Zeit der Verheißung und der Erfüllung, gesehen wird, verdeutlicht darüberhinaus die kompositorisch hinzugefügte Darstellung derWurzel Jesse im oberen Teil unseres Gemäldes. Sie ist hier in der Form eines Weinstocks, ausgeschmückt mit Bundeslade und Opfertisch, gestaltet und mündet in der Darstellung Christi als Schmerzensmann mit der Beischrift: "Ego sum vitis vera vos palmites" (Ich bin der wahre Weinstock, ihr die Reben). Auf diese Aussagebeziehen sich auch die Darstellung von zehn Propheten mit ihren Schriftbändern.
Außerhalb des Gartens sind am unteren Bildrand die Figuren der knienden und anbetenden Stifter eingefügt, wobei die Wappen mit Stieglitz (?) und Eberkopf bisher nicht gedeutet werden konnten.