Weitere Meldungen Bedeutende Neuentdeckung Ernst Ludwig Kirchner. Skizzenbuch
Ernst Ludwig Kirchner In einem Café. Ca. 1926/1927 Schwarze Kreide, 15,5 x 12,5 cm Eine von 95 Zeichnungen aus einem neu entdeckten Skizzenbuch Schätzpreis: € 40.000 – 60.000,-
Lempertz ist eine bedeutende Neuentdeckung in einer französischen Privatsammlung gelungen: Ein zwischen 1921 und 1923/25 entstandenes Skizzenbuch Ernst Ludwig Kirchners mit 95 Zeichnungen – eines der wenigen noch in Privatbesitz befindlichen Exemplare. Es handelt sich um ein schwarzes Wachstuchheft mit 90 Blättern bzw. 180 Seiten sowie einem lose beiliegenden Blatt auf festem, weißem Papier mit abgerundeten Ecken und Rotschnitt, mit dem Format 21,6 x 17,6 cm. Enthalten sind 95 Skizzen als Zeichnungen in verschiedenen Techniken sowie eine Textseite als Briefentwurf in schwarzer Tinte. Das Buch ist nicht in Preslers Werkverzeichnis der Skizzenbücher Kirchners aufgeführt, wird aber unter der Werknummer Presler 81 A registriert werden. Die Taxe des Buches, das im Rahmen der Auktion Moderne Kunst am 28. Mai bei Lempertz versteigert wird, beträgt € 40.000–60.000.
Presler äußert sich zu dem Fund in seinem Gutachten wie folgt: "Das 1996 erschienene Werkverzeichnis der Skizzenbücher von Ernst Ludwig Kirchner umfaßt 180 Positionen. Seither wurde kein weiteres Exemplar registriert. Jetzt, nach zwölf Jahren, liegt ein in Umfang und Qualität herausragender Fund vor: Ein Skizzenbuch mit fast 100 Skizzen und einem handschriftlichen Eintrag. Kirchners 181 Skizzenbücher sind nahezu alle in Museumsbesitz. Das macht dieses aus Privatbesitz stammende Exemplar zu einer Rarität."
Die zahlreichen Zeichnungen des Heftes finden teilweise im Werk Kirchners motivische Entsprechungen, sei es zu bestimmten Landschaftsgemälden, zu Radierungen, zu anderen zeichnerischen Skizzierungen und auch Fotoaufnahmen des Künstlers.
Wie Gerd Presler schreibt, benutzte Kirchner das Skizzenbuch „um seinen unmittelbaren schöpferischen Alltag künstlerisch zu verdichten: Menschen im Café und auf der Straße, Arbeiter beim Befestigen eines Abhanges unterhalb des Hauses auf dem Wildboden, das er 1923 bezogen hatte. Er beobachtet den Alltag der Bergbauern. Er skizziert Menschen beim Tanz, im Gespräch, Tiere, Bäume in ihrem bizarren Wuchs. Das geschah in Formen, die er als 'Hieroglyphen' bezeichnete. Das Skizzenbuch ist der Ort, an dem diese hieroglyphische Struktur der Wirklichkeit gefunden wird. Anders als die Gemälde, Zeichnungen und druckgraphischen Arbeiten sind die Skizzenbücher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie blieben jener Bereich, in welchem der Kirchner seine einsamsten und zugleich aufregendsten Stunden verbrachte. ‚Geboren in der Ekstase des ersten Sehens’“, wie der Künstler selbst formuliert hat. Kirchner skizzierte wie in Trance. Er liebte die Schnelligkeit, die Dynamik, die Energie, die Spannung, die sich auf einem Skizzenbuchblatt zusammenballten und die er in dieser Dichte mit keinem anderen Medium erzielen konnte.