Ein Merkwürdiger Fund - Schlichters Schaubude

15.11.2018

Der Kunsthistoriker Professor Dr. Olaf Peters über den 2016 gefundenen Lithostein „Schaubude“ des deutschen Künstlers Rudolf Schlichter, der als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit gilt.

Der Lithostein „Schaubude“

Der uns vorliegende Lithostein trägt den Titel „Schaubude“ und wurde 2016 als herumgedrehter Pflasterstein gefunden. Auf seiner Unterseite wurde eine Zeichnung Schlichters entdeckt, die über die Zeit unversehrt erhalten blieb. Ob von dem Stein lithographische Abzüge gemacht wurden, ist ungewiss, erhalten hat sich wohl keiner.

Die gezeigte Szene ist zwischen Bordell, Varieté und Kostümparty zu verorten. Sexuelle Übergriffe sind anspielungsreich in Szene gesetzt.

Moderne Kunst | 30.11.2018
Lot 217: Rudolf Schlichter - Schaubude
Schätzpreis: €20.000 - €25.000.

 

Rudolf Schlichter

Studienjahre

Der 1890 in Calw geborene Schlichter machte ab 1904 zunächst eine Lehre als Porzellanmaler in Pforzheim, danach besuchte er von 1907 bis 1909 die Kunstgewerbeschule in Stuttgart, bevor er sich ab 1910 dem Studium an der Kunstakademie in Karlsruhe widmete. 

Auflehnung gegen das Bürgertum

In der Zeit seines Studiums an der Kunstakademie in Karlsruhe entwickelte er sich in Auflehnung gegen tradierte bürgerliche Wertvorstellungen zu einem Künstler, der sich den zeitgenössischen Bohème-Idealen verbunden sah. So lebte er beispielsweise mit der Gelegenheitsprostituierten Fanny Hablützel zusammen und verkaufte zeitweise unter dem Pseudonym Udor Rétyl pornographische Grafiken.

Der Erste Weltkrieg und die erste Ausstellung

Während des 1. Weltkrieges wurde Schlichter 1916 zum Militär eingezogen, kam aber im darauffolgenden Jahr nach einem Hungerstreik von der Westfront zurück. Seine erste Ausstellung hatte Schlichter im Jahr 1919 zusammen mit Wladimir von Zabotin in seiner Studienstadt Karlsruhe. Schlichter gehörte zu den Mitbegründern der Gruppe Rih und schloss sich nach seinem Umzug nach Berlin der Novembergruppe, der Berliner Secession, den Berliner Dadaisten und der KPD an.

Erste Internationale Dada-Messe

1920 folgte die erste Einzelausstellung in Berlin sowie die Teilnahme an der ersten Internationalen Dada-Messe, auf welcher sein Objekt – eine an der Decke hängende Soldatenpuppe mit Schweinskopf - für einen Skandal sorgte. Wegen Beleidigung der Reichswehr erfolgte eine Anklage gegen Schlichter, Grosz und andere. 

Die Rote Gruppe

Nach dem Zerwürfnis mit der Novembergruppe gehörte Schlichter 1924 zu den Gründern der Roten Gruppe, die in Opposition zur Novembergruppe stand. Die Rote Gruppe war ein kommunistischer Künstlerbund, dem auch Grosz und Herzfelde angehörten.

Die Kehrtwende

Nachdem im Jahre 1925 seine Werke in der Ausstellung Neue Sachlichkeit in Mannheim zu sehen waren, lerne er seine spätere Frau Elfriede Elisabeth Koehler, genannt Speedy, kennen und begann sich von der Politik abzukehren und dem Katholizismus zuzuwenden. Mit dieser inneren Wendung entstand der Plan einer autobiographischen „Beichte“ und Abrechnung mit seinem Leben. 

Die NS-Zeit

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden siebzehn Werke Schlichters aus Museen und Ausstellungen entfernt. Vier Werke kamen in die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München. Anfang 1938 wurde Schlichter vorübergehend auch aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen und kam kurz darauf, wegen „unnationalsozialistischer Lebensführung“ denunziert, für drei Monate in Untersuchungshaft.

Die Neue Gruppe

Schlichter war neben weiteren bekannten Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff und Willi Baumeister Gründungsmitglied der Neuen Gruppe, einer 1946 in München gegründeten Künstlervereinigung, deren Mitglieder zu einem großen Teil im Dritten Reich geächtet wurden. Zu den weiteren bedeutenden Künstlern der Neuen Gruppe gehören Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Ernst Wilhelm Nay oder Max Pechstein.

Die letzten Jahre

Schlichters Schaffen wandte sich gegen Ende dem Surrealismus zu. 1950 trat er dem wieder gegründeten Deutschen Künstlerbund 1950 bei, an dessen erster Ausstellung im Jahre 1951 in Berlin er mit zwei bereits 1948 gemalten Ölgemälden vertreten war. In den Jahren 1953 und 1955 hatte noch einmal Einzelausstellungen in München, die letzte wenige Wochen vor seinem Tod im Mai 1955.

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