Die Jungen Wilden - Deutsche Kunst der 1980er Jahre

Erstmals wird in der 1979 in Stuttgart abgehaltenen Ausstellung „Europa ‘79“ eine bahnbrechende Entwicklung der zeitgenössischen Kunst sichtbar, vertreten von italienischen und deutschen Künstlern: eine Hinwendung zu einer gegenständlichen, subjektiven Malerei, die mit vielfachen (Selbst-)Bezügen, mit Zeichen, Symbolen und Zitaten arbeitet. Getragen von einer optimistischen Aufbruchstimmung finden sich ab 1980 in Berlin, im Rheinland und in Hamburg Gruppierungen junger Maler zusammen und treten durch Ausstellungen mit ihrer innovativen Kunstauffassung an die Öffentlichkeit.

In Berlin beispielsweise sind das Rainer Fetting, Salomé, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer, die eine Gruppenschau mit dem Titel „Heftige Malerei“ bestreiten; unter dem Namen „Mülheimer Freiheit“ finden in Köln u.a. Peter Adamski, Walter Dahn und Jiři Georg Dokoupil zu einer gemeinsamen Basis. Die „Jungen Wilden“, wie sie allgemein tituliert werden, stehen für eine ganzheitliche Kunstauffassung, in der auch aktuelle Musik und Literatur wichtige Bezugspunkte bilden. In ihren Werken schließen sich Phantasie und Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart, Sinnlichkeit und Intellekt, Ironie und Ernst, Provokation und Gefälligkeit gegenseitig nicht aus. In dieser Auktion können sechs Arbeiten aus dieser Aufbruchszeit angeboten werden, die alle in der großen Überblicksausstellung „Tiefe Blicke. Kunst der achtziger Jahre aus der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, Österreich und der Schweiz“ 1985 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt gezeigt wurden.

„Die Gitarre“ von Helmut Middendorf, 1978 entstanden (Lot 555) und damit das früheste Werk dieser Auswahl, zeugt von der Musikaffinität der „Jungen Wilden“ im Allgemeinen und Middendorf im Besonderen. Der Künstler steht bei seinem Umzug nach Berlin 1973 noch vor der Entscheidung, Musiker oder doch Maler zu werden, und widmet 1977-79 der E-Gitarre ganze Werkserien.

Werner Büttner propagiert in Hamburg gemeinsam mit Albert Oehlen und Martin Kippenberger einen hintersinnigen, gesellschafts- und kunstkritischem Anspruch, nicht aus der Position eines kritischen Beobachters, sondern eines Betroffenen heraus. „Eintauchen in das, was da ist, und sich das auf der Leinwand reiben lassen. Im Grunde genommen sind wir fast unbeteiligt bei der ganzen Geschichte. Wir lesen morgens die Zeitung und malen mittags. Für das Ergebnis ist dieser Staat verantwortlich.“ (Albert Oehlen, zit. nach, Ausst.Kat. Tiefe Blicke, S. 56). Auch Büttners scheinbar banales Motiv „Rundholz trifft Kantholz im Atlantik“ von 1981 muss vor diesem Hintergrund gelesen werden (Lot 554).

Der Düsseldorfer Andreas Schulze beginnt mit Landschaftsbildern, die er ab 1981 unter dem Einfluss abstrakter Bildkonzepte etwa von E.W. Nay oder Victor Vasarely zu monumentalen, bühnenbildartigen Ansichten weiterentwickelt, wie „Wolke“ von 1982 (Lot 556). Die von ihm dargestellten Formen changieren zwischen realem Abbild und Gegenstandslosigkeit, Schulzes Bilder unterlaufen zudem durch ihre tiefen räumliche Perspektive den von der Abstraktion geforderten Verzicht auf einen Bildraum.

Walter Dahn ist der energiegeladene Pragmatiker der „Mülheimer Freiheit“. Er entwickelt seine surrealen Bildideen unmittelbar während des Malprozesses, wie „Mann mit großer Nase“ (Lot 552) und insbesondere „Handwerker, 2. Version“ (Lot 553) in ihrer sichtbar rasanten Ausführung deutlich machen. „Was mich faszinierte war, dass er ein Mann der Tat war: eine Idee und sofort verwirklicht. Sofort. Ich hätte damals wochenlange Vorbereitungen treffen müssen, bis ein Bild entstanden wäre“, äußert sich sein enger Freund Georg Dokoupil bewundernd (zit. nach Ausst.Kat. Tiefe Blicke, S. 75).

Auch in der DDR vollzieht sich zeitgleich eine Entwicklung zu einer „wilden“, subjektiv-expressiven Kunst. Der Leipziger Künstler Hartwig Ebersbach äußert sich in malerischen Selbstbefragungen von außerordentlicher Radikalität, wie „Galion I“ von 1982 verdeutlicht (Lot 559).

Aus derselben Sammlung, aus der die sechs Tiefe-Blicke-Werke nun kommen, stammt das „Pfeifenbild“ von Albert Oehlen aus dem Jahr 1982 (Lot 558). Oehlen, der in dieser Zeit eine enge Freundschaft mit Martin Kippenberger und Werner Büttner verbindet, fügt hier Malerei, Fotografie und reale Pfeifen zu einer Collage, in der er den Dandy-Gestus der Künstler-Clique zugleich zelebriert und ironisiert. Er liefert damit ein eindrucksvolles Beispiel für die Strategie des „Cool“ der damaligen Subkultur. Einen Kontrapunkt dazu bildet die ebenfalls aus der Sammlung stammende Arbeit „Ohne Titel“ von Rosemarie Trockel aus dem Jahr 1984 (Lot 557). Trockel ist eine der ganz wenigen Vertreterinnen der aufstrebenden, jungen „wilden“ Künstlerszene der frühen 1980er Jahre. Sie thematisiert und ironisiert Sujets und Tätigkeiten, die man mit dem herkömmlichen Rollenbild der Frau verbindet, zum Beispiel Herdplatten und Stricken. Dabei entstehen auch Zeichnungen und Öl-Arbeiten, auf denen sie immer wieder Haushalts- und Küchengegenstände festhält – wie auf der Arbeit „Ohne Titel“ von 1984.

 

 

Auktion 1163 - Day Sale Zeitgenössische Kunst - Mittwoch, 9. Dezember um 11Uhr in Köln

Vorbesichtigung in Köln - Freitag, 27. November bis 7. Dezember, nach Terminvereinbarung