Expressionismus

Was unterdrückt wird, lehnt sich irgendwann auf: Die an Revolutionen reiche Kunstgeschichte hat im Laufe der Jahrhunderte viele Umwälzungen erlebt, doch kaum eine erreichte die Intensität und die Wirkmacht des Expressionismus, der mit unwiderstehlicher Gewalt an den aus klirrendem Eisen geschmiedeten Ketten der zeitgenössischen und vielfach kommerzialisierten Kunstwelt rüttelte. Ihren epochemachenden Höhepunkt fand diese Auflehnung da, wo die Formenstrenge in Gestalt des Wilhelminismus und seiner allgegenwärtigen Zwangsmoral am erdrückendsten war: in Deutschland.

Expressionismus - Eine deutsche Epoche mit französischem Namen

Wiewohl die Revolution diesmal eine deutsche war, stammt ihr Name doch aus dem Französischen: Die expression bezeichnet den emotionalen »Ausdruck« der Kunst im Gegensatz zur streng akademisch geregelten naturalistischen Historienmalerei, als »expressionistisch« galt um die Jahrhundertwende die gesamte europäische Avantgarde. Konkretisiert hat den Begriff Expressionismus der Galerist Herwarth Walden, von Haus aus allem Neuen in der Kunst zugewandt, auf dem »Ersten deutschen Herbstsalon« 1913, als er die Mitglieder der Künstlervereinigung Blauer Reiter als »Deutsche Expressionisten« vorstellte. Wenn der Begriff auch zeitweilig die französischen Fauvisten und Kubisten, namentlich Pablo Picasso, sowie die italienischen Futuristen miteinschloss, setzte sich die Verengung auf deutsche und einige österreichische Künstler fort, nicht zuletzt durch das 1914 erschienene Buch Der Expressionismus, dessen Autor, der einflussreiche Kunstkritiker Paul Fechter, sich ganz auf die Brücke und den Blauen Reiter beschränkte. Damit sind auch die beiden Gruppen von Avantgardisten benannt, die dem Expressionismus bis heute in erster Reihe Gesicht und Identität verleihen. Doch ungeachtet aller Deutschnationalisierung dürfen die wichtigen Impulse der ausländischen Malerei nicht übersehen werden: Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Paul Cézanne, Kees van Dongen, James Ensor oder Edward Munch waren prägende Vorbilder.

 

Die Brücke als Wegbereiter des Expressionismus

Die Brücke über den Abgrund des Alten zu einer neuen Ära der Kunst wurde zunächst standesgemäß nicht von der Malerei, sondern von der Architektur errichtet. Trotz des verbindenden Namens war sie ein radikaler Bruch mit allem Überkommenen, eine frische und freie Gemeinschaft, die allen Künstlern offenstehen sollte, die sich allein ihrem schöpferischen Impuls verpflichtet wussten. Ihre Gründer und Baumeister waren die Dresdner Architekturstudenten Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner. Der Name sollte kein Programm sein, sondern einen vagen Aufbruch umschreiben, doch lässt sich auch ein Anklang an Friedrich Nietzsche und seine Rede vom Menschen als Brücke darin finden. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten wurde bewusst in die Ferne geschweift, auf die ebenso urtümliche wie kraftvolle Formen- und Farbensprache der afrikanischen und polynesischen Kunst geblickt. Nicht Realismus und gedämpfte Töne, vielmehr Übertreibung und Verzerrung prägten die frühen Arbeiten der Gruppe, die den Holzschnitt als ihr Medium auserkoren hatte. Später gehörten noch Emil Nolde, Otto Mueller und Max Pechstein zu den namhaften Mitgliedern Gruppe. Das Jahr 1911 brachte mit dem Umzug nach Berlin eine zunehmende Verwässerung des ursprünglichen Gemeinschaftsgedankens; die beteiligten Maler strebten jetzt einen persönlichen Stil an, ihr großer Förderer Walden wandte sich der Abstraktion zu. 1913 sorgte Kirchner mit seiner egozentrischen Chronik der Brücke, in der er seine eigene Bedeutung für das Kollektiv stark überhob, für das endgültige Zerwürfnis.
 

Der Blaue Reiter als Höhepunkt des Expressionismus

Anders als die Brücke-Künstler waren die Blauen Reiter keine eng geschlossene Gruppe, sondern eher ein lockerer Verbund, der keinen einheitlichen Stil anstrebte, vielmehr eigenständige künstlerische Entwicklungen lobte und förderte. Während die Gründung des Blauen Reiters noch unstrittig Wassily Kandinsky und Franz Marc zugeschrieben werden kann – die beiderseitige Vorliebe für die Farbe Blau und das Sujet Pferd und Reiter standen Pate für die Künstlergemeinschaft und ihre berühmte Programmschrift –, verhält es sich mit den weiteren Mitgliedern ungleich schwieriger: August Macke etwa, der oft dem Blauen Reiter zugerechnet wird, nahm eher eine Außenseiterrolle ein und ging immer wieder eigene Wege. Karl Hofer gilt heute zwar als Expressionist, schätzte sich selbst aber nicht als solcher ein. Unzweifelhaft können hingegen Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky und Alfred Kubin zum Blauen Reiter gerechnet werden, Paul Klee, Heinrich Campendonk und der Komponist Arnold Schönberg bewegten sich zumindest zeitweise im näheren Umfeld der Gruppe. Geeint wurde der lose Zusammenschluss verschiedener Künstler durch das Verlangen, das traditionelle Repertoire der malerischen Formen zu sprengen, die Kunst nicht mehr nach dem Äußeren, sondern nach dem Inneren auszurichten. Der Blaue Reiter galoppierte indes nur kurz: Bereits wenige Jahre nach seiner Gründung mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs kam es zur Auflösung der Gruppe.

 

Charakteristische Merkmale des Expressionismus

Übertreibung und Überzeichnung sind der anerkannte Lebenssaft der expressionistischen Malerei, trotzdem fällt es schwer, auf dieser Grundlage einheitliche und vor allem unverwechselbare Charakteristika für expressionistische Gemälde zu finden. Wer die Bilder expressionistischer Künstler nebeneinander stellt und vergleicht, wird unter Umständen kaum auf den Gedanken kommen, dass hier Werke aus einer einzigen Stilrichtung vorliegen. Die Kunstgeschichte spricht demzufolge auch weniger von einem expressionistischen Stil als – getreu dem ursprünglichen Wortsinn – von einem expressionistischen Ausdruck. Expressionistischen Bildern wohnt eine große Unruhe inne, die beständig nach außen drängt, Formen und Flächen verzerrt, Kontraste evoziert, in nervös zuckenden Spitzen kulminiert. Bei der Darstellung von Figuren kann die expressionistische Malerei mitunter geradezu karikierende Gestalt annehmen, Landschaften werden durch die atemlose, fast hektische Pinselführung zu apokalyptischen Abgründen. Franz Marcs Gemälde Kämpfende Formen fasst auf programmatische Weise den Charakter des Expressionismus zusammen – ein innerer Kampf, der nach außen drängt, vom Aufeinanderprallen der unversöhnlichen Gegensätze zehrt, Wärme gegen Kälte, Licht gegen Finsternis, Leben gegen Tod und den Betrachter mit hineinzieht in den seelischen Zwiespalt des sendungsbewussten Künstlers.
 

Die expressionistische Läuterung der Welt in Feuer und Rauch

In den 1920er Jahren hat sich der Rauch der Revolution allmählich verzogen, die unterdrückte Künstlerseele hat sich Gehör verschafft, die Kraft der Farben lässt nach, der tobende Sinnesrausch verblasst allmählich zur scharf beobachteten und exakt modellierten Neuen Sachlichkeit. Die eintretende Ernüchterung hat auch damit zu tun, dass die Kriegsbegeisterung die jungen Künstler reihenweise in den Tod oder wenigstens in ein Trauma geführt hat: Insbesondere die Anhänger des Blauen Reiters steigerten sich in eine übertriebene Heilserwartung, in ein Bedürfnis, die alte Welt zu läutern und auch die Kunst einem reinigenden Feuer zu unterziehen, sodass sich der nahende Erste Weltkrieg ihnen nicht als Schrecken, sondern als Chance darstellte. Bedeutende Maler wie Ernst Barlach, Karl Schmidt-Rottluff und Lovis Corinth verfielen der allgemeinen Kriegseuphorie. Viele, so Oskar Kokoschka, Max Beckmann oder Otto Dix, meldeten sich freiwillig zum Militär, einige, wie Franz Marc, Wilhelm Morgner und August Macke, fielen auf dem Schlachtfeld, wieder andere, darunter Ernst Ludwig Kirchner, kehrten traumatisiert und gebrochen nach Hause zurück. In gewisser Weise gilt also auch für den Expressionismus das alte Menetekel: Die Revolution frisst ihre Kinder.

 

Der Expressionismus lebt im 21. Jahrhundert fort

Die Geschichte des Expressionismus ist damit jedoch nicht zu Ende. Tatsächlich hat erst die moderne Kunstkritik den unerhörten Paradigmenwechsel, der mit den expressionistischen Gruppierungen einherging, zur Gänze erschlossen. Bilder der expressionistischen Meister sind immer wieder Gegenstand vielbeachteter und umkämpfter Auktionen. Das im Kunsthaus Lempertz zur Auktion gebrachte Werk Mädchen in Südwester, auf dem Ernst Ludwig Kirchner seine Muse und spätere Ehefrau Erna Schilling auf reizvolle Weise vor einer Küstenlandschaft mit Leuchtturm verewigt hat, erzielte im Dezember 2016 einen Erlös von mehr als 1,5  Millionen Euro. Weitere Glanzstücke der expressionistischen Malerei waren Der Jäger von Emil Nolde und Häuser im Schnee, ebenfalls von Ernst Ludwig Kirchner. Die großen Themen der expressionistischen Kunst, die reizüberflutete, erdrückende Stadt, die Sehnsucht nach einem paradiesisch-idealisierten Naturleben und der Wunsch nach radikaler Welterneuerung haben an Aktualität eher gewonnen denn eingebüßt – und das Auktionshaus Lempertz verfügt über die notwendige Expertise, um die künstlerische Verarbeitung dieser wichtigen Motive in angemessener Weise zu präsentieren.

 

© Kunsthaus Lempertz