Kubismus

Der Kubismus war das große Würfelspiel der Kunstgeschichte, die erste Bewegung der Avantgarde, die diesen Namen verdiente und das Kunstverständnis nicht nur ihrer Zeit auf den Kopf stellte. Nicht das Auge, sondern der Geist bestimmte die Darstellung; die innere Perspektive ersetzte die äußere.

 

Das Bild, mit dem der Kubismus begann: Les Demoiselles d’Avignon

Die Zeit war reif für Neues in der Kunst: Der einst aufsehenerregende Impressionismus war selbst zur akademischen Institution geworden und hielt die Kunstwelt in festem Griff, die aufkommende Fotografie erwies sich als ernsthafte Konkurrenz für die Malerei. Einer der angehenden Revolutionäre war der junge spanische Maler Pablo Picasso, der in Paris auf dem Montmartre lebte. Nach zaghaften Anfangserfolgen mit unverwechselbarer Farb- und Strichführung begann er, angeregt durch das Bild La Bain turc (»Das türkische Bad«) von Jean-Auguste-Dominique Ingres, die Körperproportionen seiner Modelle konsequent aufzubrechen. Das seine Zeitgenossen zunächst verstörende Ergebnis war das über zwei Meter hohe Bild Les Demoiselles d’Avignon – das Schlüsselbild des Kubismus, bei dem die gleichzeitige Allansichtigkeit in der Fläche umgesetzt wurde. Mehr als zwei Jahre hatte Picasso an diesem epochemachenden Werk gearbeitet. In dieser Zeit entdeckte er seine Leidenschaft für afrikanische und indianische Kunst, sammelte begeistert Skulpturen und Masken, verstand sich selbst als Schamane, Medizinmann und Zauberer, der mit seiner Kunst dem Unaussprechlichen eine Form gab, zwischen dem Greifbaren und dem Ungreifbaren vermittelte.

 

Pablo Picasso und Georges Braque als Gründerväter des Kubismus

Picasso war auf seiner Suche nach neuen Ausdrucksformen nicht allein: Etway zur selben Zeit zeigte sich der gleichaltrige französische Maler Georges Braque fasziniert von der Wildheit eines Henri Matisse und der Kunst des Fauvismus. Paul Cézanne inspirierte ihn zum Bruch mit der klassischen Perspektive; Braque setzte dessen Erklärung, dass alle Formen der Natur letztlich der Geometrie entstammten, in die Tat um, wollte so mehrere Perspektiven in einem Bild vereinen, aus der Leinwand hervorbrechen und den Akademismus überwinden. In seinem Frühwerk setzte er auf knallige Farben und freie Strichführung, wobei er das ehrgeizige Ziel verfolgte, in einem einzigen Bild durch ein raffiniertes Spiel mit Form und Blickwinkel mehrere Bilder darzustellen. Für sein Ölbild Maisons à l’Estaque (»Häuser in L’Estaque«) reduzierte er die Silhouette des kleinen Fischerdorfes L’Estaque bei Marseille auf einfache kubische Formen – und stand damit Pate für den Kubismus, dessen Name sich vom französischen cube ›Würfel‹ herleitet. Braque und Picasso, die ihre ersten Schritte zum Kubismus unabhängig voneinander getan hatten, entwickelten eine enge Freundschaft, die zeitweise dazu führte, dass sich die Künstler jeden Tag trafen, ihre Ideen austauschten und sich in ihren Sujets annäherten.

 

Daniel-Henry Kahnweiler war der große Förderer des Kubismus

Gefördert wurden die jungen Erneuerer der Kunst von dem deutschen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler, der nach dem Willen seiner Eltern eigentlich hätte Bankier werden sollen, einer Laufbahn als Kunsthändler aber den Vorzug gab. Noch nicht etabliert, setzte Kahnweiler auf hoffnungsvolle Nachwuchskünstler – und in niemanden setzte Kahnweiler mehr Hoffnung als in Picasso, für dessen Demoiselles d’Avignon er sich in ebenso überschwänglicher wie weitsichtiger Manier begeisterte. Kahnweiler wurde zum großen und entscheidenden Förderer des Kubismus: Als Braque vom »Salon d’Automne« abgelehnt wurde, verschaffte er ihm eine Einzelausstellung in seiner Galerie, auch kaufte er zahlreiche Bilder von Picasso auf und stattete die Kubisten mit Exklusivverträgen aus. Trotzdem fand die neue Kunstrichtung kaum Akzeptanz, was Kahnweiler auch zu umfangreichen schriftlichen Arbeiten über den Kubismus bewegte, dessen Namen auf den Spott seiner Gegner, namentlich Henri Matisse, zurückging, die den beteiligten Künstlern vorwarfen, sie würden ihre Bilder einfach aus Würfeln zusammensetzen.

 

Guillaume Apollinaire schützte den Kubismus vor seinen Kritikern

Picasso und Braque, die Gründer und Vordenker des Kubismus, verdankten ihre Bekanntschaft dem Journalisten und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire, der ebenfalls nach neuen Ufern Ausschau hielt, Picasso mehrere Gedichte widmete und von diesem mit freundschaftlichen Karikaturen bedacht wurde. Die Verflechtung der künstlerischen Anlagen von Braque und Picasso war so eng, dass die Unterscheidung ihrer Werke den Zeitgenossen mitunter schwerfiel. Die ersten Bilder in kubistischer Malweise provozierten Skandale und heftige Reaktionen konservativer Kritiker, die in den kubistischen Werken unverständliche »Bilderrätsel« erblickten. Auf die öffentlichen Anwürfe in Zeitungen antwortete vor allem Apollinaire mit scharfer Zunge – und scharfer Klinge: Einen allzu frechen Journalisten forderte er unverdrossen zum Duell. Das kam allerdings nicht zustande, weil der weniger energische Picasso sich scheute, als Sekundant zu fungieren. Apollinaires Einsatz verfehlte sein Ziel; die Kubisten um ihren Galeristen Kahnweiler beschlossen, ihre Bilder der Öffentlichkeit vorzuenthalten und nur noch ausgesuchten Sammlern wie Wilhelm Uhde und Gertrude Stein zu präsentieren.

 

Entwicklung vom analytischen hin zum synthetischen Kubismus

Während der Frühkubismus vorrangig von Picasso und Braque getragen wurde, schlossen sich in späteren Jahren weitere Künstler der Bewegung an, darunter Juan Gris, aber auch Albert Gleizes, Jean Metzinger, Robert Delaunay, Henri Le Fauconnier, Raymond Duchamp-Villon und Fernand Léger. Mit einer öffentlichen Ausstellung im »Salon des Indépendants« feierten die kubistischen Maler ihren Durchbruch als Bewegung – aber bei diesen sogenannten »Salonkubisten« fehlten ausgerechnet die Vorreiter Braque und Picasso, die sich als »Galeriekubisten« von den übrigen Künstlern distanzierten. Damit verbunden war auch die Entwicklung vom analytischen hin zum synthetischen Kubismus: Während in den frühen Jahren die Motive analytisch in ihre geometrischen Formen zu zerlegt wurden, näherte sich der neue Malstil jetzt noch mehr der Abstraktion an, indem die einzelnen Elemente zusätzlich gedreht und neu angeordnet wurden. Jetzt wiesen nur noch einzelne Zeichen und Symbole auf das ursprüngliche Sujet hin. Zugleich bedienten sich die Kubisten der damals neuen und revolutionären Technik der Collage.

 

Der Kubismus endete auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs

Während der amerikanische Galerist Alfred Stieglitz die Kubisten in den USA bekannt machte, entfremdeten sich Picasso und Braque immer mehr von ihren früheren Weggefährten. Es kam auch zum Zerwürfnis mit Apollinaire, von dem sich die beiden Malerfreunde nicht mehr ausreichend verstanden und gewürdigt fühlten. Picasso selbst entfernte sich in seiner weiteren Laufbahn deutlich vom Kubismus, dessen Bezeichnung er wie seine Mitstreiter immer als unpassend und lächerlich empfunden hatte. Der Erste Weltkrieg brachte für viele der noch jungen Kubisten die Einberufung; auf den Schlachtfeldern verloren sie den Kontakt zueinander, entfremdeten sich von ihrem bisherigen Kunstverständnis und erlitten wie Braque und Apollinaire schwere Verletzungen. Die Kubisten wandten der geometrischen Abstraktion den Rücken zu, kehrten zur Gegenständlichkeit zurück und gingen fortan verschiedene Wege. Auch die große Künstlerfreundschaft zwischen Picasso und Braque war zerbrochen und wie die rund siebenjährige Kubismus-Ära an ihr endgültiges Ende gelangt.

 

Der Kubismus hat seinen Platz in der Kunstgeschichte gefunden

Der zeitgenössische Streit um die kubistische Malerei ist aus heutiger Sicht kaum nachzuvollziehen. Zu selbstverständlich hat sich in unser Bewusstsein die große kulturhistorische Bedeutung dieser Epoche eingebrannt. Das spiegelt auch das rege Interesse wider, das Auktionen kubistischer Künstler im Haus Lempertz hervorrufen: Für das signierte Ölgemälde Le moulin à café von Georges Braque, auf dem der Maler sich in der für ihn charakteristischen fantastischen Weise ohne starres Konzept oder klare Ikonographie einer kubistischen Darstellung der Welt näherte, wurde ein Ergebnis von über einer Million Euro erzielt – und damit nahezu das Doppelte des ursprünglich veranschlagten Schätzpreises. Großen Anklang fand auch das kubistische Formenspiel Contraste de Formes aus dem Atelier von Fernand Léger, das mit einem Ergebnis von 1.249.500 Millionen Euro ebenfalls die Erwartungen übertraf. Auch kubistische Meister wie Picasso, Gleizes, Szobotka, Archipenko und andere sind immer wieder mit großem Erfolg auf Auktionen vertreten und finden im Kunsthaus Lempertz das fachliche Umfeld, das für eine angemessene Präsentation einer der bedeutendsten Kunstepochen nötig ist.

 

© Kunsthaus Lempertz