Georg Schrimpf - Am Morgen

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Georg Schrimpf

Am Morgen
1931

Öl auf Leinwand 82 x 48 cm Gerahmt. Unten links signiert und datiert 'G. Schrimpf 31.'. - Rückseitig auf dem Keilrahmen mit einem gedruckten Nummernetikett "913" versehen. - Mit einzelnen punktuellen Retuschen und leichten Frühschwundrissen.

Schrimpfs Darstellung einer weiblichen Rückenfigur überrascht durch ihre unmittelbare suggestive Präsenz. Großansichtig an den Bildrand gerückt, ist sie perfekt in den Raum gestellt und bestimmt in horizontaler wie vertikaler Richtung das Bildzentrum. Die ausgewogene Verteilung der Bildvolumina und der Verzicht auf jegliches Detail in der Beschreibung von Figur und Umraum evozieren den Eindruck vollendeter Harmonie. Die mädchenhaft jugendlich wirkende Rückenfigur ist wie häufig bei Schrimpfs figuralen Motiven durch monochrome zu den Rändern nimbusartig aufgehellte Flächen als weicher Körper taktil reizvoll in morgendlichem Lichtschmelz charakterisiert. Fast möchte man als sich identifizierender Betrachter an ihrer statt den Fensterladen öffnen. Die Landschaft, die wie ein Bild im Bild links im Hintergrund dargestellt ist, bildet dazu einen gewissen Counterpart: Detailliert und beinahe winzig sind ein Dörfchen mit Kirche, Baumalleen und schließlich der Zug einer Bergkette gegeben und frappieren ob ihrer geringen Größe gegenüber der monumental beschriebenen Mädchenfigur im vorderen Bildgrund. Schrimpf kehrt an diesem Punkt die Sehgewohnheiten um, indem er das, was in weiter Ferne liegt, überscharf darstellt und das Nahansichtige diffus beschreibt.
Nähe und Ferne sind hier in größtmöglichen Kontrast gesetzt und mögen die Sehnsucht von Bildfigur und Maler nach einem 'einfachen Landleben' visualisieren. In ihrer selbstvergessenen, still konzentrierten Genügsamkeit läßt unser Mädchen im Interieur an niederländische Werke des Goldenen Zeitalters wie etwa die Mädchenbilder Jan Vermeers denken oder aber auch an die deutschen Romantiker wie Philipp Otto Runge. Auch der Einfluß durch die Nazarener, beispielsweise Friedrich Overbeck, wird Schrimpf in den 1930er Jahren attestiert. (vgl. Curt Hohoff, Zum Tode von Georg Schrimpf, in: Die Kunst für Alle, Juli 1938, wieder abgedruckt in: Wolfgang Storch, Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 193 f.).
Das Motiv der "Frau am Fenster" durchzieht das Werk Georg Schrimpfs in unterschiedlichen Interpretationen und bildet beinahe einen eigenen Topos seit Beginn der 1920er Jahre. So schreibt Franz Roh über ein 1925 entstandenes, mit unserem Werk in gewisser Hinsicht vergleichbares, Gemälde "Mädchen am Fenster/Am Morgen" aus dem Kunstmuseum Basel (s. Vergleichsabb.) im Kunstblatt:
"Welche Freundlichkeit kann aber auch im kargsten, ungepolsterten Zustande des Daseins liegen! Hinten kommt der aufsteigende Tag herein, kostbar schimmert auf dem gescheuerten Tisch die Morgenfrühe [...]. Die Farbe sammelt sich zu sanfter Energie im Rot und Blau des Mädchenkleides, in diesem Wesen [...]. Wie groß und einfach ist das alles aufgebaut, ein Menschenkleid zum Beispiel kann kaum einfacher gestaltet werden. [...] Trotz Rückführung auf einfachste Gestalt, überall strenge Raum- und Sachwirklichkeit. Daß hierin der Tisch raumstärker und wirklichkeitsstrenger durchmodelliert wurde als der Menschenleib, hat zur Wirkung, daß der Mensch ein wenig abgeflacht, zurückgebannt erscheint und einen Hauch von Schemenhaftigkeit erhält, was seine letzte Machtlosigkeit gegenüber der Scharfkantigkeit der Umwelt kundtun soll (bezeichnend für die Stellung Schrimpfs). [...]." (zit. nach Curt Hohoff, 1985, op.cit., S. 148).

Werkverzeichnis

Hofmann/Praeger 1931/3

Provenienz

Vom Vorbesitzer direkt beim Künstler erworben (1932), seitdem in Familienbesitz, Privatsammlung Süddeutschland

Literaturhinweise

Wernher Witthaus, Romantisch und Deutsch. So malt Georg Schrimpf, in: Sonntag-Morgen, 18.9.1932, S. 14, mit Abb.

Lot 219 Dα

Schätzpreis:
55.000 € - 60.000 €

Ergebnis:
122.000 €