Pablo Picasso - Femme se coiffant - Studie zu La Guerre et la Paix

Pablo Picasso

Femme se coiffant - Studie zu La Guerre et la Paix
1952

Tuschpinselzeichnung auf Velin "Ingres" 65 x 50,5 cm Unter Glas gerahmt. Unten rechts mit Bleistift signiert 'Picasso' und mit Tuschpinsel datiert '19.8.52' und bezeichnet 'XI'. - Leicht gebräunt mit umlaufendem schwachen Lichtrand. Die ehemals rote Signatur wurde nach ihrem Verblassen später von Picasso mit Bleistift wiederholt. Hier mit einem helleren Fleck, vermutlich von Fixativ.

Welches künstlerisches wie symbolisches Gewicht der vorliegenden Papierarbeit von Picasso beizumessen ist, mag man daran erkennen, daß sie nach dem Krieg in Deutschland 1959 auf der II. Kasseler Documenta zusammen mit 5 großformatigen Ölbildern der Jahre 1954-1956 ("Nu accroupi" 1954, "Femmes d'Alger I" 1955, "L'Atelier" 1955 und "L'Atelier" 1956 sowie "Deux Femmes sur la plage" 1956) gezeigt wurde. Die Arbeit entstand im Kontext von Picassos Gemäldetafeln "La Guerre et la Paix" von 1952, einem Projekt für die Kapelle in Vallauris, die zu einem Tempel des Pazifismus, zum "Temple de la paix" umgewidmet werden sollte. Es ist zweifellos eine der schönsten Zeichnungen von Pablo Picasso aus diesem Werkzusammenhang.
Zwei große Gemäldeformate (je ca. 5 x 10 m) entstanden 1952 für Vallauris, ein drittes wurde 1957 vollendet. Zunächst wurden sie als thematisch sich ergänzendes Diptychon 1953 in Mailand ausgestellt (s. Vergleichsabb. 4, 5), bezeichnenderweise zusammen mit den Werken "Guernica" (1937) und "Massacre en Corée" (1951). Im darauffolgenden Jahr wurden sie der Kapelle eingefügt (s. unsere Vergleichsabb. 6). Zur Vorgeschichte des hier angebotenen Blattes gehört, daß gegenüber der geschlossenen strukturellen Dichte der Komposition von "Guernica" eine erweiterte ästhetische Zielsetzung bei diesem Projekt von "La Guerre et la Paix" zu beobachten war. Wilhelm Boeck führte 1955 dazu aus:
"Im Februar 1954 sind [die Gemälde], wie vorgesehen, der Deckenwölbung einer kleinen, dunklen Kapelle in Vallauris eingefügt worden. Als Dekoration dieses schwach belichteten Raumes, in dem der Betrachter wie in einem 'Traumtunnel' unter den Bildern steht, die sich oben in der Wölbung zusammenschließen - rechts 'Krieg', links 'Frieden' - wird die vom Maler gewollte Wirkung einer 'magischen Illusion' erreicht, die in der Tageshelle und im nackten Gegenüber nicht eintreten kann. Picassos Idealvorstellung wäre es, daß die Besucher sich im Halbdunkel mit Kerzen in den Händen an den Wänden entlang bewegten und wie in vorgeschichtlichen Höhlen die einzelnen Figuren entdeckten, ihren Zusammenhang aber nur teilweise überblickten. Es sollte also von der ästhetischen Einheit des Bildes zugunsten eines raumzeitlichen Erlebnisses bewußt abgesehen werden. [...] Eine gewisse Unabhängigkeit der Teile vom Ganzen entsprach der neuen Schaffensidee des Meisters, die dahin zielte, die Unmittelbarkeit der Niederschrift seiner Eingebungen nicht durch kompositionelle Rücksichten behindern zu lassen [...] 'ich wollte malen, wie man schreibt, so schnell wie der Gedanke im Rhythmus der Phantasie.' Und noch schärfer wird dieses schöpferische Ideal mit den Worten ausgedrückt: 'Wenn ich als Chinese geboren wäre, würde ich nicht Maler, sondern Schreibkünstler sein. Ich würde meine Bilder schreiben.' Diese Auffassung liefert auch den Schlüssel zu dem besonderen Charakter der zahlreichen zeichnerischen Skizzen, die der Ausführung der Gemälde 'Krieg' und 'Frieden' vorausgegangen sind." (Boeck, op. cit. S. 303)
Aus den frühen Kompositionsentwürfen und Skizzen, die Krieg und Frieden noch thematisch verbunden darstellen, kristallisiert sich Mitte Juli 1952 eine Verselbstständigung und Trennung der gegensätzlichen Motivgruppen heraus. Zum Komplex des "Friedens" notiert Picasso weibliche "Kopfstudien", die sich aus frühen Ideenskizzen des Jahres, aus der Darstellung arkadischer Szenen (s. Vergleichsabb. 1, 2), gelöst haben, und sich mit "einem dekorativen, an Matisse erinnernden Konturenstil" zurückmelden. "Sie werden während des August als Halbfiguren liegender oder stehender Frauen, deren Kopf von den Armen umspielt wird, oft in sinnlich schmeichelnder Pinseltechnik fortgesetzt und erscheinen zum Teil in gleicher Serie mit den Kriegsmotiven." (Boeck, op. cit. S. 305 bzw. vgl. Claude Roy, op. cit., S. 113-136 mit Abbildungen; s. auch unsere Vergleichsabb. 3). Im ausgeführten Gemälde von "La Paix" (s. Vergleichsabb. 5) finden diese Darstellungen eine neue Umsetzung in den beiden ausgreifenden, tänzerisch bewegten Aktfiguren, sie werden musikalisch begleitet von einem flötenspielenden Faun am linken Bildrand. Spiel und Gaukelei, der von einem Kind geführte Pegasus, eine lagernde Familie und die Gestalt eines inspirierten Dichters am rechten Bildrand vervollständigen dieses Friedensbild.
Picassos künstlerische Intentionen zielen zweifellos in der Umsetzung einer solchen Thematik nicht auf eine historisierende, mythologische Darstellung, wenn auch alle Elemente eines antiken Arkadien aufgegriffen sind: sein Stil setzt expressiv beim Betrachter Emotionen frei, er soll mit- und hineingerissen werden in die dargestellte Lebensfreude, die ein Ausdruck der Freiheit ist. Das Gegenteil dieses Gefühls ist die Angst, die durch Leid, Terror und Tod entsteht, dafür steht "La Guerre". Im weitesten Sinn gehört in diesen künstlerischen wie programmatischen Kontext auch Picassos berühmte "Taube", die "Colombe de la Paix", die er 1949 zeichnet, und die 1952, in eben diesem Jahr von "La Guerre et la Paix", als "Colombe volant" graphisch so überzeugt, daß sie zum Symbol der internationalen Friedensbewegung geworden ist.
Der Schwung der vorliegenden Tuschezeichnung mit der angeschnittenen Büste ergibt sich aus den schlanken, nach oben gerissenen Armen, sie fassen das Profil des schönen Kopfes harmonisch ein - es ist eine freie wie unwillkürliche Bewegung der Freude und Gelöstheit. Ob sie sich nun frisiert oder ihr Haar für Kränze und Girlanden ordnet, die sich andere Mädchen der Serie einbinden, mag sicher sekundär sein. Die Bewegung ist aus dem Tanz und der Freude geboren und ist zugleich Ausdruck der zeichnerischen Meisterschaft Picassos, die Form und Inhalt zur idealen Deckung gebracht hat. So steht diese gelöste Bewegung in jeder Beziehung in Kontrast zu den düsteren Schattenprofilen waffenstarrender Angreifer in "La Guerre" (s. Vergleichsabb. 4).
"Quand 'la Guerre et la Paix' commencent à fermenter en lui, que la pâte se met imperceptiblement d'abord, puis irrésistiblement à lever, les carnets de croquis qu'il remplit fiévreusement me font songer à ces carnets de notes d'un musicien où des thèmes s'esquissent, s'entremêlent, tournent court, où tout n'est encore qu'à l'état d'interrogation et de sollicitation, de prélude et de confusion créatrice. [...] Picasso reprend obstinément ces prétextes, il prend des notes comme on fait des exercices, pour que l'expression de sa pensée devienne vraiment l'aisance même, on a envie de dire: un automatisme. Il faut que sa main soit vraiment 'libre', et que, sachant à fond ce qu'il veut faire, qu'il retrouve dans l'exécution la spontanéité de celui qui ne sait pas ce qu'il va faire, qui 'improvise'. [...] Il s'acharnait à conquérir le libre automatisme de la main, ce moment où on ne peut plus dire: l'esprit guide la main, ou la main guide l'esprit, parce qu'il s'agit d'une main-esprit, d'un esprit-main. Le dessin est devenu une écriture, un langage aussi transparent qu'un miroir." (Claude Roy, La Guerre et la Paix, op. cit., S. 101/102).

Werkliste

Zervos Vol. 15, 217

Provenienz

Daniel-Henry Kahnweiler, Galerie Louise Leiris, Paris; Michael Hertz, Bremen (1954); Galerie der Spiegel, Köln (1954); Sammlung Sonja Niehues, Nordhorn; Privatsammlung Baden-Württemberg

Literaturhinweise

Claude Roy, Picasso. La Guerre et la Paix, Paris 1954, mit ganzseitiger Abb. S. 126; Wilhelm Boeck, Pablo Picasso, Stuttgart 1955, Nr. 542, S. 499 mit ganzseitiger Abb. S. 317 ("Nu aux bras levés")

Ausstellung

Kassel 1959, II. Documenta '59, Kunst nach 1945 - internationale Ausstellung, Picasso Kat. Nr. 1, S. 312 o. Abb., dort betitelt "La Guerre et la Paix" (mit Rahmenaufkleber)

Lot 227 N

Schätzpreis:
160.000 € - 180.000 €

Ergebnis:
292.800 €