Auktion 1078, Moderne Kunst, 02.12.2016, 18:00, Köln Lot 210

Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester

Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210
Ernst Ludwig Kirchner, Mädchen in Südwester, 1912, Auktion 1078 Moderne Kunst, Lot 210

Ernst Ludwig Kirchner

Aschaffenburg 1880 - 1938 Frauenkirch bei Davos

Mädchen in Südwester

1912

Öl auf Leinwand. 51 x 56 cm. In einem vom Künstler gestalteten Rahmen. Unten links blauschwarz signiert 'E. L. Kirchner' sowie rückseitig mit Pinsel in Blau betitelt 'Mädchen im [sic] Südwester'. - Rückseitig zweifach mit dem Baseler Nachlaßstempel "NACHLASS E.L.KIRCHNER" versehen und in dem größeren in schwarzem Pinsel bezeichnet "Be/Ba 1". - In der mittleren linken Bildpartie eine kleine Fehlstelle vom Künstler behoben und rückseitig mit Leinwandflicken hinterlegt. Ein kurzer Riss an dem oberen Leinwandumschlag fachmännisch restauriert.

Gordon 246

Provenienz

Kirchner-Nachlass; Werner Brunner, Sankt Gallen (1952); Privatbesitz Schweiz (seit 1976); Privatbesitz Berlin

Ausstellungen

Sankt Gallen (Kunstmuseum) 1950, Ernst Ludwig Kirchner, Kat. Nr. 12; Zürich 1952 (Kunsthaus Zürich), Ernst Ludwig Kirchner, Kat. Nr. 25 (mit rückseitigem Rahmenaufkleber); Düsseldorf 1960 (Kunsthalle), Ernst Ludwig Kirchner, Kat. Nr. 34 mit Abb. (mit rückseitigem Rahmenaufkleber); Davos (Kirchner Museum) 2011/2012, "Keiner hat diese Farben wie ich." Kirchner malt, S. 57 mit Abb.

Den Zustand von authentischer Ursprünglichkeit, den Künstler wie Paul Gauguin oder später Max Pechstein bei ihren Aufenthalten in der Südsee zu finden hofften, suchte und fand Ernst-Ludwig Kirchner auf der deutschen Ostseeinsel Fehmarn. Dort gelangte er im Sommer 1912 zu einer bis dahin ungeahnten Reife im künstlerischen Ausdruck, wie er Gustav Schiefler im Dezember des Jahres schrieb: "Wie Sie wohl wissen, war ich diesen Sommer nach 5 jähriger Pause wieder in Fehmarn. Ich will auch nächstes Jahr wieder hin, der ganz starke Eindruck des ersten Dortseins hat sich vertieft, und ich habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife, soweit ich das selbst beurteilen kann." (E.L. Kirchner an G. Schiefler am 31.12.1912, aus: Dies., Briefwechsel 1910-1935/1938, Stuttgart/Zürich 1990, Nr. 33, S. 61)

Nach Fehmarn begleitet wurde er von Erna Schilling, einer Tänzerin aus Berlin, die er erst kurz zuvor kennengelernt hatte und die ihm fortan Muse, Modell und Lebensgefährtin bleiben sollte. Dass es sich bei dem "Mädchen in Südwester" um Erna handelt, erschließt sich im Vergleich mit anderen Werken Kirchners, wie beispielsweise der ebenfalls 1912 entstandenen lavierten Zeichnung von der "Frau mit rundem Hut - (Erna)" mit ihren charakteristischen Zügen und dem vollen schwarzen Haar sowie einer zum Gemälde ähnlich verzierten Kleidung (s. Vergleichsabb. 2). In der Gestaltung des hier angebotenen Bildnisses "Mädchen in Südwester" folgt Kirchner darüber hinaus seiner Vorstellung von einem exotischen Primitivismus, im Menschentypus ähnlich wie er ihn auch in der Holzschnittvignette seiner Anzeige für das von ihm und Pechstein gegründeten Institut "MUIM-Moderner Unterricht in Malerei" Ende 1911 verwendet hatte (vgl. Dube, Holzschnitte 716).

Der Paradiesgedanke, das Streben nach der Einheit von Mensch und Natur, ließ sich für Kirchner auf Fehmarn verfolgen wie nie zuvor. "Mehr als irgendwo sonst früher oder später wurde Fehmarn für ihn zum Arkadien außerhalb der Zeit, umso mehr, als das Erlebnis der Insel mit dem Leben in der Metropole Berlin kontrastierte. Erna war [...] ein selbstverständlicher Teil von Leben und Natur - sie wurde zum groß gesehenen Mittelpunkt der Bilder." (Hermann Gerlinger, Die Fehmarn-Aufenthalte Ernst Ludwig Kirchners, in: Ausst. Kat. Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn, Schloss Gottorf 1997, S. 16. S. Vergleichsabb. 3). Neben der Umsetzung entsprechender Bildmotive baute Kirchner in Verfolgung seines Paradiesgedankens etwa für gelegentliche Fahrten auf der Ostsee einen sonst von Südseevölkern bekannten Einbaum mit Ausleger wie auch eine Grashütte (vgl. dazu Nicole Brandmüller, Der Expressionist in Berlin, in: Ausst. Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Retrospektive, Frankfurt 2010, S. 101; Wolfgang Henze, Fehmarn in Kirchners Werk [...], in: Ausst. Kat. Schloss Gottorf 1997 op.cit., S. 26-34, Abb. 29-32).

Dem Zeitgeist entsprechend verweist Kirchners junge Berlinerin mit ihrem Südwester - diesem einfachen Kleidungsstück, das die holsteinischen Seeleute und Fischer vor Sturm, Regen und Meerwasser schützt und in diesen Jahren gemeinhin nicht zur Garderobe junger Damen gehörte - auf die eskapistischen Tendenzen eines künstlerischen Lebensentwurfs zwischen Großstadt und abgelegener Natur. In jener Verknüpfung von exotischem Utopismus und zeitgenössischem Porträt liegt der große Reiz dieses Bildes, das aus einer der interessantesten Schaffensphasen Kirchners stammt und formal wie inhaltlich von musealer Qualität ist.

Das "Mädchen in Südwester" ist dem Betrachter nahansichtig an den vorderen Bildrand gerückt vor dem steil gegebenen Küstenstreifen; am weiten Horizont aufragend der mit seiner roten gusseisernen Laterne bekrönte Leuchtturm Staberhuk, wo Kirchner sich in einem Zimmer eingemietet hatte. Menschliche Figur und Turm sind aufeinander bezogen in einem landschaftlichen Spannungsfeld, das farblich orchestriert gestimmt ist in einem nahezu visionär sich steigernden Farbrausch von hellen Violett- und Rosatönen zu Purpur- und Weinrot und einem dunkel schimmerndem Magenta bis zu einem kräftigen Türkis, Petrolblau und Grün. Über diese leuchtenden Farbwerte hinaus verbinden sich Süd- und Ostsee atmosphärisch im dunklen, exotischen Phänotyp der Mädchenfigur, die mit Südwester und Mantel dem kapriziösen Wetter des norddeutschen Sommers zu trotzen sucht. Derselbe Hut spielte in weiteren Gemälden wie dem der "Badende[n] zwischen Steinen" oder "Erna am Meer" sowie Aquarellen und Zeichnungen wie etwa "Liegender Akt mit Hut" (s. Vergleichsabb. 4) oder "Mädchen im Mauerbogen" dieses Sommers und im Folgejahr aufgrund seiner signalroten Farbe auch als modisches, den Betrachter bezauberndes Accessoire keine unerhebliche Rolle (jeweils Abb. in: Ausst. Kat. Schloss Gottorf 1997, op.cit., Kat. Nr. 63, S. 118; R.N. Ketterer, E.L. Kirchner, Lagerkatalog 1963 und 1971, Nr. 20, S. 43).

Noch Jahre nach seiner Fertigstellung war Kirchner das Gemälde "Mädchen in Südwester" so wertvoll, dass er es nachträglich leicht überarbeitete. Vermutlich gab ein neuer Bilderrahmen, der ein anderes Format verlangte, den Ausschlag. Die Fotografie von dem Erstzustand des Bildes in dem I. Photoalbum zeigt ein quadratisches Format (lt. Gordon 51 x 51 cm, s. Vergleichsabb. 5), welches Kirchner später an den Seitenrändern malerisch erweiterte. Im vorliegenden Zustand wird deutlich, dass der Künstler im Zuge seiner Überarbeitung das Detail eines Bootes in der linken mittleren Bildpartie zurücknahm zugunsten einer großzügiger gestalteten Meeresbrandung. Ebenso fügte er der dunklen Haarpracht Ernas eine die rechte Gesichtskontur umschmeichelnde Locke an und verhilft ihrem Gesicht zu einem zarteren Ausdruck. In Gold-, Ocker-, Blau- und Violett-Tönen gestaltete Kirchner den Bilderrahmen selbst entsprechend den Farbwerten des Gemäldes, wobei er das maritime Thema des Bildes in einem leichten Wellendekor weiterführt. Farbspuren von der Malfläche und die mit dem Keilrahmen übereinstimmenden Schraublöcher weisen ihn als originären Teil einer Gesamtkomposition aus.

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