George Grosz - Soirée

George Grosz

Soirée
1922

Aquarell, Tuschfeder und Bleistift auf festem Papier mit 3 perforierten Seitenrändern 49,2 x 37,2 cm Unten rechts mit Tinte altdeutsch signiert 'Grosz'. - Äußerst farbfrisch erhalten, das Papier leicht gebräunt, ein kurzer Randeinriss rechts fachmännisch restauriert. In den Ecken mit Passkreuzen in Bleistift.

"Soirée" darf mit Recht als äußerst bedeutendes Blatt bezeichnet werden, das noch im Jahr seiner Entstehung in der kulturhistorisch und gesellschaftspolitisch wichtigen Mappe "Ecce Homo" in der besten Schaffenszeit George Grosz' in Berlin farbig reproduziert und verbreitet wurde.

Mit dadaesk burleskem Humor und einer guten Portion Zynismus verarbeitet George Grosz die Schrecken des I. Weltkrieges, die menschlichen Niederungen, die in der Zeit der Weimarer Republik gerade in einer Großstadt wie Berlin so offenkundig zu Tage treten. Berlin, Synonym für die „Goldenen Zwanziger“, bietet eine Unzahl an Vergnügungen - Theater, Kabarett, Konzerte, Restaurants und Bars - eine Stadt, die nicht zur Ruhe kommt. Hier findet Grosz seine Motive und seziert mit gnadenlosem Blick die heillosen Zustände. Geradezu bösartig karikiert werden Kriegskrüppel und Kriegsgewinnler, Matrosen und Militär, vermögende Firmenbosse und betrogene Gattinnen, Gauner, Zuhälter und leichte Mädchen, mithin Amoralisches, Abnormes und wirtschaftlich Abseitiges werden hier in feiner Präzision zur Schau gestellt und mit Wonne ausgeschlachtet. Nach dem Krieg schreitet die Geldentwertung voran, der Schwarzmarkt floriert und die Inflation steigt ins Unermessliche, der Rubel rollt trotzdem, die Tassen hoch zum Toast - mit verbissener Lust am eigenen Untergang feiern die Figuren von Grosz ihr Überleben des Krieges. Häusliche Gewalt endet nicht selten im Lustmord und wird ebenso detailliert verzückt beschrieben wie scheinbar harmlose Restaurantszenen, für das das vorliegende Aquarell „Soirée“ eindrucksvoll Beispiel gibt.
In männerdominierter Abendgesellschaft sticht eine in großer Emphase fuchtelnde Rothaarige hervor und bietet Einblick in ein mehr als tief ausgeschnittenes Rückendekolleté, gleichsam gerahmt durch die Lehne des Thonetschen Bugholzstuhles. Die Herren an ihrem Tisch wirken amüsiert und angeregt - mögen ihre roten Gesichter dem Alkoholgenuss oder den Erzählungen ihrer Tischdame geschuldet sein.
Allein die Hand des ihr von rechts zuprostenden Herrn zeigt, wo der Abend enden soll: Vom Künstler offenbar formal erst als Zigarre konzipiert, ist die farblich nicht weiter definierte längliche Form nun in der Farbe des Inkarnats verblieben, als die seit der Antike sehr eindeutige Geste des durch den Mittelfinger gesteckten Daumens, die in Verbindung mit dem nackten Hinterteil zu assoziieren ist und die Szenerie mit knisternder Erotik aufladen soll. Das alles geschieht nur unter den Augen des Betrachters und macht ihn zum Mitwisser gegenüber den völlig ahnungslosen Gästen des Speiselokals.
Das tadellos und äußerst farbfrisch erhaltene große Aquarell ist von kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. Es wurde in der Pariser Galerie Billiet als „Soir“ ausgestellt und verblieb dort (Ralph Jentsch in seinem Gutachten). Als Teil einer Folge von 100 im Offsetverfahren lithographierten Zeichnungen und Aquarellen wurde die Arbeit - verbal noch pointierter - als „Soirée“ in der Mappe mit dem vielsagenden Titel „Ecce Homo“ 1922/1923 in dem Berliner Malik-Verlag der mit Grosz befreundeten Brüder Wieland Herzfelde und John Hartfield veröffentlicht. In verschiedenen kompletten und Separat-Ausgaben sind darin Papierarbeiten Grosz' aus den Jahren 1915-1922 in loser Folge, 16 Lithographien nach den Aquarellen (römisch nummeriert) zwischen die 84 Zeichnungen (in arabischer Nummerierung), gereiht.
Im Dezember 1923 wird von der Berliner Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen George Grosz und Wieland Herzfelde wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“ erhoben und die Einziehung des gesamten Werks beantragt. 500 Mark Geldstrafe und die Entfernung einiger Arbeiten aus der Mappe werden gegen die Revisionsanträge der Angeklagten 1924 vom Reichsgericht Leipzig bestätigt. 1930 schreibt George Grosz retrospektiv: „Damals zeichnete ich jenes angeklagte Werk, Ecce Homo … das mir ein Urteil wegen Verbreitung unsittlicher Schriften eintrug. In diesem Werk handelt es sich überhaupt nicht um Pornographie. Es ist ein Dokument jener Inflationszeit … mit ihren Lastern und ihrer Sittenlosigkeit … es ist in seiner Wirkung so brutal wie die Zeit die es mir eingab.“ (zit. nach: Ralph Jentsch, George Grosz. Berlin - New York, Arbeiten aus sechs Jahrzehnten, in: Ausst. Kat. George Grosz, Deutschland, ein Wintermärchen 2011/2012 (Max Ernst Museum Brühl/Stiftung Ahlers Pro Arte/Kestner Pro Arte Hannover), S. 37)

Zertifikat

Mit einer Expertise von Ralph Jentsch. Die Arbeit wird in das Werkverzeichnis der Papierarbeiten von George Grosz aufgenommen.

Provenienz

Galerie Joseph Billiet & Cie, Paris; Belgischer Privatbesitz (in dritter Generation)

Literaturhinweise

Alexander Dückers, George Grosz - Das druckgraphische Werk, Frankfurt/Berlin/Wien 1979, S. 223, S I, IX, aus: Sammelwerk "Ecce Homo", Abb. S. 84; George Grosz, Ecce Homo, Berlin 1923 (Neuausgabe Hamburg 2011), mit ganzseitiger Farbtafel IX

Ausstellung

Paris 1924 (Galerie Joseph Billiet & Cie), 1 re Exposition en France des Oeuvres de George Grosz, Kat. Nr. 7 ("Soir")

Lot 225 Nα

Schätzpreis:
250.000 € - 350.000 €

Ergebnis:
446.400 €