Die Nacht

Die Nacht

Weißer Carraramarmor. Bedeutende, fast lebensgroße Skulptur der weiblichen Allegorie. In Schrittstellung stehend, sich den mit Sternen besetzten Schleier über den Kopf ziehend. In ihren Haaren ein Kranz aus Mohnkapseln, in ihrer linken Hand zwei Mohnkapseln. Zu ihren Füßen ein Käutzchen. Am rechten Rand der Plinthe signiert in Versalien: AEM.WOLFF ROMAE FECIT. Schnabel des Vogels teilweise abgebrochen. Skulptur H ca. 152, B ca. 68, T ca. 45 cm; Sockel 86 cm x 74 cm x 57 cm. Gesamthöhe ca. 240 cm.
Emil Wolff, Rom, um 1830.

Emil Wolff wurde am 2. März 1802 in Berlin als Neffe von Johann Gottfried Schadow geboren. So wurde sein Talent auch schon früh erkannt, denn ab 1815 studierte er an der Berliner Akademie der Künste und hatte dort 1818 sein Ausstellungsdebüt, also im Alter von 16 Jahren. Nachdem er einige Zeit bei seinem Onkel gearbeitet hatte, übernahm er 1822 das Atelier von Christian Daniel Rauch und Ridolfo Schadow in Rom. Innerhalb kürzester Zeit avancierte er dort zu einem der gefragtesten Bildhauer seiner Epoche.

Die Nationalgalerie Berlin besitzt drei Werke von Emil Wolff: eine Nereide mit Dreizack und die fragmentarische Büste einer Circe aus Marmor sowie eine Gipsbüste des Archäologen August Emil Braun. Im Katalog zu diesen Werken hat Bernhard Maatz weitere Aufträge recherchiert. Wolff gestaltete u.a. das Giebelrelief für das Deutsche Archäologische Institut in Rom 1836; er wurde 1842 beauftragt, eine Schlossbrückenskulptur für Berlin zu schaffen, und er beschäftigte sich sogar ab 1853 mit polychromer Skulptur.

Die beeindruckende lebensgroße Skulptur ist nicht ohne Vorbilder entstanden. In der Antikensammlung der Vatikanischen Museen gibt es eine Ceres, die eine gleiche Handhaltung mit einer herabhängenden Mohnkapsel aufweist (Lippolt, Die Skulpturen des vatikanischen Museums, III/2, Berlin 1956, S. 410, Nr. 5). Auch die Inspirationen zur Gestaltung der Draperie, der Proportionen des Torso und der Schrittstellung scheinen auf diese Figur zurückzugehen.
Deutlich ist die Nähe zu Bertel Thorvaldsen erkennbar, vor allem in den anatomischen Details. Das der Nacht zugrundeliegende Frauenbild scheint mit der von Thorvaldsens Hebe verschwistert. Die überragende Ausstrahlung der Werke des in Rom ansässigen dänischen Künstlers hat natürlich den jungen begabten Berliner angespornt, es ihm nachzutun, Gleiches zu schaffen. Das ist ihm mit diesem Werk auch durchaus gelungen. Die anmutige Bewegung, mit der sich die Frau verschleiert, kann als eines der schönsten bildhauerischen Motive der Epoche zwischen Klassizismus und Romantik bezeichnet werden. Stolz hat Emil Wolff signiert. Er wird zum Zeitpunkt der Fertigstellung ungefähr 30 Jahre alt gewesen sein, und er hat damit seinen persönlichen Meilenstein geschaffen.


Literaturhinweise

Vgl. Maatz (Hg), Bestandskatalog der Skulpturen, Nationalgalerie Berlin, Bd. 2, 2006, S. 894 ff.

Lot 442 Dα

Schätzpreis:
60.000 € - 80.000 €

Ergebnis:
124.000 €