August Macke - Kaffeetafel im Garten

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August Macke

Kaffeetafel im Garten
1912

Öl auf Leinwand 69,4 x 53 cm Gerahmt. Unbezeichnet. - In schöner ursprünglicher Erhaltung. In den Ecken jeweils kleine Nagelperforationen ehemaliger Befestigung. - Geringfügige kleinere alte Farbabplatzungen an zwei Stellen im pastosen Bereich der linken Bildhälfte professionell gefestigt.

August Mackes wichtiges Gemälde „Kaffeetafel im Garten“ ist sowohl erzählerisches Familienporträt als auch Beleg für das außergewöhnliche Talent des Künstlers, über die Präsenz des Alltäglichen auf die Welt jenseits ihrer sichtbaren Erscheinungen zu verweisen.
Der Garten spielte in der Familie Macke eine zentrale Rolle, dies belegen nicht nur überlieferte Fotografien (s. Vergleichsabb. 1), sondern auch eine ganze Reihe von Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden von August Macke. Das familiäre Beisammensein zur und um die Kaffeestunde am Nachmittag hielt er wiederholt malerisch fest, etwa im motivisch eng verwandten „Im Garten. Elisabeth und Walterchen mit Wolf“, das sich heute in der Sammlung des Aachener Ludwig Forums befindet, oder dem Gemälde „Kinder im Garten“ aus dem Bonner Kunstmuseum (s. Vergleichsabb. 2 und 3). Ähnlich wie andere Motive aus seiner unmittelbaren Umgebung wählte der Künstler den Garten als Standort und Kulisse gleichermaßen.
Mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn Walter war August Macke im November 1910 aus Tegernsee zurückgekehrt und im darauffolgenden Februar in das Haus an der Bornheimerstraße in Bonn gezogen. Aus dem Jahr 1912, das der Künstler zu großen Teilen im Rheinland verbrachte, lassen sich insgesamt zwölf Arbeiten dem Garten des Wohnhauses zuordnen, so auch das familiäre Gartenidyll zur nachmittäglichen Kaffeestunde (vgl. Margarethe Jochimsen, Eingefangene Blicke, in: August Macke: Blickfänge in und um sein Bonner Haus. op. cit., S. 13). Laut Wolfgang Macke lassen sich unter den dargestellten Personen links August Mackes Sohn Walter an der Hand seiner Urgroßmutter Katharina Koehler, sowie am Tisch dahinter Mackes Ehefrau Elisabeth und ihre Mutter Sophie Gehrhardt identifizieren. Rechts vom Tisch liegt Schäferhund Wolf auf dem Rasen.
Kompositorisch arrangiert Macke die Dreiergruppe am Tisch im Mittelpunkt des Bildes, zwischen Bäumen in kräftigem Grün und einem in Rot- und Gelbtönen leuchtenden Blumenbeet. Sohn Walter, gemeinsam mit Katharina Koehler etwas weiter vorn positioniert, ist unmittelbar in Bewegung begriffen, Blick und rechter Arm scheinen die Richtung zu weisen. Dem kleinen Walter wird in dieser beschaulichen Gartenszene damit die aktivste Rolle zuteil. Dieses Detail vermag durchaus Beachtung verdienen, bedenkt man, dass August Mackes Formvokabular im Kontext seiner Traum- und Paradiesdarstellungen immer wieder symbolisch gedeutet wurde - etwa durch Janice McCullagh, die auf das Kind als Sinnbild der Kontinuität und Hoffnung auf eine neue Welt verweist. In der ewigen Gegenwart lebend befände es sich in jenem Zustand der Selbstgewissheit, in dem Wissen noch nicht in subjektiv und objektiv geteilt sei, lebe so in unberührter Einheit mit der Natur (vgl. Janice McCullagh, Mackes Paradiesvision, in: Ausst. Kat. August Macke, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Westfälisches Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Münster/Städtisches Kunstmuseum Bonn/Städtische Galerie im Lenbachhaus München 1986/1987, S. 97).
In die ungefähre Entstehungszeit des Bildes fällt der Besuch von Mackes Freund Franz Marc und seiner Frau Maria in Bonn im September und Oktober 1912. Während dieses Aufeinandertreffens entsteht im Atelier des Künstlers das gemeinsam geschaffene Wandbild „Paradies“ (s. Vergleichsabb. 4). Erfüllt vom Traum eines harmonischen Idealzustands der Welt verarbeitet Macke das Paradies-Thema durchaus variantenreich. Das Wandbild im Atelier mag in der Form unmittelbar auf das klassische Bildthema des Garten Edens verweisen, doch offenbarte sich die Sehnsucht nach einer neuen Welt bei Macke nicht notwendigerweise in den traditionellen Darstellungsmodi des Paradieses, sondern viel häufiger im Kleid kultivierter Natur, etwa dem Garten und Park, der Stadtlandschaft oder dem zoologischen Garten. Macke malte, was er sah und vermochte den Betrachter so behutsam hinter den Schleier der äußeren Erscheinung zu führen, gleichsam ohne diesem das Gefühl für die Unmittelbarkeit, die Formen, Farben und Strukturen der Welt zu nehmen. So fließen Bilder des Materiellen und Immateriellen ineinander, vermengen sich Metaphorik und Abstraktion. Ganz im Geiste Schopenhauers, dessen Texte der Künstler kannte, entwarf Macke Szenen aus dem Alltagsleben und reicherte sie mit dem Geist des Utopischen an: „Weder irgend ein Individuum noch irgendeine Handlung kann ohne Bedeutung sein: in allen und durch alle entfaltet sich mehr und mehr die Idee der Menschheit […], denn die flüchtige Welt, welche sich unaufhörlich umgestaltet, in einzelnen Vorgängen, die doch das Ganze vertreten, festzuhalten im dauernden Bilde, ist eine Leistung der Malerkunst, durch welche sie die Zeit selbst zum Stillstand zu bringen scheint, indem sie das Einzelne zur Idee seiner Gattung erhebt.“ (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in sechs Bänden, Leipzig 1891, Bd. 1, S. 306 ff).
Als sehr persönliches Idyll vermag „Kaffeetafel im Garten“ über die greifbaren Formen des familiären Alltags unvermittelt zu den Ideen jenes neuen Zeitalters des Geistigen überzuleiten, dessen Anbruch August Macke genauso erahnte, wie seine Zeitgenossen Wassily Kandinsky oder Franz Marc. In der Überwindung des Materialismus und dem Übergang in ein neues Zeitalter des Geistigen lag ein zentrales Moment für das Schaffen der Künstler des Blauen Reiters, dessen geschichtsträchtiger Almanach im Mai 1912 erschien. Dort enthalten war Mackes kurzer Aufsatz „Die Masken“, in dem er schreibt: „Unfaßbare Ideen äußern sich in faßbaren Formen. Faßbar durch unsere Sinne als Stern, Donner, Blume, als Form. Die Form ist uns Geheimnis, weil sie der Ausdruck von geheimen Kräften ist. Nur durch sie ahnen wir die geheimen Kräfte, den 'unsichtbaren Gott'. Die Sinne sind uns die Brücke vom Unfaßbaren zum Faßbaren. Schauen der Pflanzen und Tiere ist: ihr Geheimnis fühlen. Hören des Donner ist: sein Geheimnis fühlen. Die Sprache der Formen verstehen heißt: dem Geheimnis näher sein, leben. Schaffen von Formen heißt: leben. Sind nicht Kinder Schaffende, die direkt aus dem Geheimnis ihrer Empfindung schöpfen, mehr als der Nachahmer griechischer Form? Sind nicht die Wilden Künstler, die ihre eigene Form haben, stark wie die Form des Donners? Der Donner äußert sich, die Blume, jede Kraft äußert sich als Form. Auch der Mensch. Ein Etwas treibt auch ihn, Worte zu finden für Begriffe, Klares aus Unklaren, Bewußtes aus Unbewußtem. Das ist sein Leben, sein Schaffen.“ (August Macke, Die Masken, in: Der Blaue Reiter, München 1912. Zit. nach: Klaus Lankheit (Hg.), Der Blaue Reiter, München/Zürich 1990, S. 56).

Werkverzeichnis

Heiderich 403; Vriesen 325

Zertifikat

Mit einem Fotozertifikat von Wolfgang Macke, Bonn, vom 20.10.1969, mit dem Nachlass-Stempel
Wir danken Ursula Heiderich, Syke, für freundliche Hinweise.

Provenienz

Nachlass August Macke; Privatbesitz (1957); Galerie Änne Abels, Köln, dort erworben 1969; seitdem Privatbesitz Rheinland

Literaturhinweise

Gustav Vriesen, August Macke, Stuttgart 1953, Kat. Nr. 325 ("Kaffeetafel im Garten, Bonn, Nachlaß"); Gustav Vriesen, August Macke, Stuttgart 1957, Kat. Nr. 325 mit Abb.; Lothar Schmitt/ Iris Stollmayer (Hg. Verein Augsut Macke Haus e.V.), August Macke: Blickfänge in und um sein Bonner Haus (Schriftenreihe Verein August Macke Haus Bonn, Nr. 38), Bonn 2001, Werkverzeichnis Nr. 71 mit Abb. S. 165 (nicht ausgestellt, "Aufbewahrungsort unbekannt")

Ausstellung

Das Gemälde ist angefragt als Leihgabe zur Ausstellung "August Macke und Freunde - Begegnung in Bildwelten" (1.10.2017-14.1.2018) anlässlich der Wiedereröffnung des August Macke Hauses, Bonn.

Lot 260 Dα

Schätzpreis:
400.000 € - 500.000 €

Ergebnis:
592.000 €