Jacob van Ruisdael - Landschaft mit Wasserfall, Fachwerkhaus und Brücke

Jacob van Ruisdael

Landschaft mit Wasserfall, Fachwerkhaus und Brücke

Öl auf Leinwand (doubliert). 64,7 x 75 cm.
Signiert unten links: Ruisdael.

Dieses schöne Gemälde des herausragenden Landschaftsmalers Jacob van Ruisdael kann um 1660-1670 datiert werden.
Es zeigt den Ausblick auf einen hochaufragenden Felsenhügel, auf dessen Gipfel ein kleines Fachwerkhaus steht. Rechts davon stürzen große Wassermengen über Felsen schäumend in den Bildvordergrund herab. Am Hang und zentral in der Komposition steht eine gewaltige alte Buche, deren fein gemaltes Blattwerk den beginnenden Herbst anzeigt. Inmitten der wilden Natur überbrückt ein zarter Holzsteg den tosenden Wasserfall. Diese fragile Konstruktion, die von einer einsamen Bäuerin mit Hund gerade überquert wird, stellt einen starken schwindelerregenden Kontrast zu der Naturkraft darunter dar. Eine solche Spannung zwischen wilder Natur und pastoraler Inszenierung aber ist charakteristisch für Jacob Ruisdael, ja sie ist geradezu ein Leitmotiv in seinem Werk. Auf der linken Seite entdeckt das Auge des Betrachters dann eine friedlichere Kulisse. Bildeinwärts schlängelt sich ein Weg mit Wanderern in ein liebliches Tal. Dort sieht er einen See mit Segelbooten und sogar eine Windmühle in der Ferne.
Tobende Naturelemente und fremde Wildheit kannte der holländische Betrachter des 17. Jahrhunderts aus eigener Anschauung nicht. Aber Jacob Ruisdael beschrieb sie mit wunderbarem malerischen Können. Umso überraschender ist es zu erfahren, das Ruisdael solche Landschaften ebenfalls selber nie gesehen hatte. Seine Kenntnisse über die rauhe Natur stammten nicht aus eigener Naturanschauung, sondern über Kunstwerke. Das Fachwerkhäuschen taucht vielfach auf seinen Bildern auf, insbesondere bei Landschaften aus der Gegend von Bentheim, die er in den frühen 50er Jahren malte. Mit der Darstellung von Wasserfällen und reißenden Bächen hingegen beginnt er etwas später. Sein aus Alkmaar stammender Freund Allart van Everdingen (1621-1675) hatte nach einer Reise in den Süden Norwegens 1644/46 diese Landschaftsmotive in die niederländische Malerei eingeführt. Trotz der frühen Begegnung mit Everdingen in Haarlem, kommt diese Art Landschaft in Ruisdaels Werk aber erst in den 50er Jahren auf, als er bereits nach Amsterdam gezogen war. Dann allerdings avancierte der reißende Bach in allen möglichen Variationen zu seinem Hauptmotiv und führte zu großen Erfolgen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Vermutung von Houbraken bezüglich einer Beziehung dieses Bildmotivs zu dem Namen des Malers „ruis dael“, das mit „geräuschvolles" oder „lautes Tal" übersetzt werden kann. Houbraken berichtet weiter, dass Ruisdael „…malte sowohl heimatliche als auch die fremdartigen Landschaften, besonders solche, wo Wassermengen von einem Felsen zum anderen brausen und mit lautem Geräusch (geruis) ins Tal zu fließen (dalen). Er konnte stürzendes und schäumendes Wasser so natürlich und klar malen, dass es wie wirkliches Wasser aussah“ (siehe Slive, op. cit., S. 154 und Houbraken, op. cit., S. 65-66).

Wir danken Ellis Dullaart und Fred Meijer für die Bestätigung, dass es sich bei diesem Gemäldes um ein Werk von Jacob Ruisdael handelt.

Provenienz

Seit 4 Generationen in einer englischen Privatsammlung. - Verso Christie´s-Nummer 192 V. Diese Nummer wurde 1885 eingeliefert, kam aber offensichtlich nicht in eine Versteigerung.

Literaturhinweise

Zum Künstler siehe: S. Slive. Jacob van Ruisdael: A complete catalogue of his paintings, drawings and etchings, Yale University Press, New Haven & London, 2001. - A. Houbraken: De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen, 3 vols., Amsterdam 1718-1721.

Lot 2074 Rα

Schätzpreis:
200.000 € - 300.000 €