Ludwig Meidner - Caféhaus (Caféhausszene)

Ludwig Meidner

Caféhaus (Caféhausszene)
1914

Tuschezeichnung (Rohrfeder und Pinsel) über Bleistift auf festem, leicht bräunlichem Zeichenpapier 47,6 x 34 cm Unten rechts mit Tusche signiert und datiert 'LMeidner 1914'. - Der Bogen oben rechts und links mit mehreren Heftzwecklöchern; die untere Kante mit schmaler Knickspur und links horizontal ausgerissen. - Minimal gebräunt, stellenweise mit kleinen Stockflecken.

"Es ist nicht möglich mit der Technik der Impressionisten unser Problem zu bewältigen. Wir müssen alle früheren Verfahren und Trucs [frz. umgangssprachlich für "Kniffe"] vergessen und ganz neue Ausdrucksmittel uns zu eigen machen", dies notierte Ludwig Meidner in seiner 1914 in der Zeitschrift Kunst und Künstler publizierten "Anleitung zum Malen von Großstadtbildern" (zit. nach Ausst. Kat. Ludwig und Else Meidner, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, 2002, S. 30). Nicht zuletzt setzt sich Meidners eminent zeichnerische Begabung mit den Erfahrungen und Begegnungen in der Großstadt in expressiven, heftigen Notaten auseinander, die die neuen Stilmittel von Kubismus und Futurismus verarbeiten. Insbesondere seine Porträts und entwickelten Skizzen erscheinen wie genialische Interpretationen des Menschen, des einzelnen Individuums wie der zeitgenössischen Gesellschaft. Es sind formal-aggressive, empfindsame wie hellwache künstlerische Beobachtungen zum herrschenden Zeitgeist.
In der vorliegenden "Caféhausszene" ergibt sich eine lebendige, einladende Spannung durch Anschnitt und Diagonale, durch zeichnerisch aufgefächerte, rhythmisierte Schraffuren, zu deren Liniengewirr Verdichtungen satter schwarzer Flächen kontrastieren. Die nach hinten abschliessenden Café-Kulissen sind schwer zu deuten: ein geraffter Vorhang, dunkle Blenden vor tiefen Fenstern, Spiegelverkleidungen... Das Gegenständliche, das Erzählerische des Motivs, die Zusammenhänge sind auseinanderdividiert und schiessen in abstrahierten Details wie in einem kristallinen Prisma wieder zusammen: Man erkennt erst allmählich in schöner Reihung die Figuren und die Männerköpfe, ihre Physiognomien, die dunklen Anzüge und schimmernden schwarzen Zylinder, gesteifte Hemdkragen, Frackausschnitte und Manschetten, dazu runde Tischchen mit Gläsern, Karaffen und Kaffeetassen, - und überall verteilt natürlich: schmale, elegante Zigaretten. Markant sind Einzelheiten wie der schräge, auf den Betrachter gerichtete Blick des links am Rand angeschnittenen Profils, das in der Bildmitte zentral aufblitzende Monokol eines nervösen älteren Herren, sowie rechts unten eine isolierte, überproportional grosse Hand, die unter dem Tisch einen ausbrennenden Zigarettenstummel zwischen spitzen Fingern weghält, der eine Begleiterin, nur angedeutet in Mantel und Hut, vielleicht inkommodiert.

Für dieses Los gelten gesonderte Versteigerungsbedingungen (Legende "D").

Zertifikat

Wir danken Erik Riedel, Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum Frankfurt, für freundliche Auskunft.

Provenienz

Ehemals Sammlung Thomas Grochowiak, Recklinghausen; Graphisches Kabinett Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen; Sammlung Klaus J. Jacobs, Zürich

Literaturhinweise

Thomas Grochowiak, Ludwig Meidner, Recklinghausen 1966, mit Abb. Nr. 105

Ausstellung

Recklinghausen/ Berlin/ Darmstadt 1963/1964 (Kunsthalle Recklinghausen/ Haus Am Waldsee Berlin/ Kunsthalle Darmstadt), Ludwig Meidner, Kat. Nr. 92 mit Abb.; New York 1985 (Helen Serger/ La Boetie Inc. mit Wolfgang Werner KG, Bremen), Strictly Drawings 20th Century Masters, Kat. Nr. 21 mit Abb.; Darmstadt 1991 (Mathildenhöhe), Ludwig Meidner, Zeichner, Maler, Literat, S. 510 o. Kat. Nr. mit Abb. S. 119 ("Caféhausszene")

Lot 313 D

Schätzpreis:
25.000 € - 30.000 €

Ergebnis:
42.160 €