Lot 1004 D α

Herkules im Kampf mit der Hydra

Auktion 1117 - Übersicht Köln
16.11.2018, 15:00 - Schätze aus einer niedersächsischen Sammlung
Schätzpreis: 150.000 € - 250.000 €

Herkules im Kampf mit der Hydra

Elfenbein, vollplastisch geschnitzt. Der Sockel aus ebonisiertem Hartholz, mit Elfenbeinrelief. Allansichtig gearbeitete Skulptur des griechischen Helden, seine Astkeule schwingend, den linken Fuß auf zwei Köpfe des zu seinen Füßen liegenden Ungeheuers gestellt, den rechten auf dessen Schwanz. Ein Kopfband um das lockige Haar, um die Hüften das Fell des Nemäischen Löwen. Die Hydra mit Drachenkörper auf vier mächtigen Klauenfüßen, zwei ausgebreiteten Schwingen und sieben verschiedenen Köpfen an langen, gewundenen Hälsen, die Mäuler weit aufgerissen, die verschiedenen Zungen herausgestreckt.
Um die Basis eine fortlaufende Szene um Merkur im Triumphwagen, die weiblichen Allegorien der Tugenden und Laster. Ganz geringe Abbrüche und Verluste, z.B. an drei Fingern des Herkules, den Spitzen der Schwingen und einer Zungenspitze. Skulptur H 30,4, mit Sockel H 55,3 cm.
Süddeutschland oder Österreich, vor 1644, das Relief des Sockels später, Ende 17. / 18. Jh.

1576 bestellte Papst Francesco I. sechs Herkulesarbeiten in Silber für die Tribuna der Uffizien-Galerie bei Giambologna. Ausgeführt wurden die Plastiken, von denen heute keine mehr bekannt ist, vom Goldschmied des Hofes, Michele Mazzafirri. In diesem Zusammenhang sind auch die ersten Herkules-Bronzen entstanden. Giambolognas Schüler Adriaen de Vries nahm das Sujet mit auf seinen Weg nach Prag zu Rudolf II. Zwischen 1597 und 1600 realisierte er zusammen mit dem Gießer Wolfgang Neidhardt den Herkulesbrunnen in Augsburg, heute auf der Maximilianstraße. Die bekrönende Gruppe Herkules tötet die Hydra wurde durch Augsburger Kupferstecher aber auch von Jan Muller in Amsterdam publiziert und galt als Vorlage für zahlreiche spätere Interpretationen.
Die Gestaltung auch dieses Herkules folgt der Komposition, die de Vries nach Giambologna ausgeführt hat: Ein auf und über der Hydra stehender Herkules mit weit erhobener Keule. Während der Herkules von de Vries in seinen entscheidenden Schlag sehr viel mehr Kraft investiert und gesenkten Kopfes seine Konzentration ausdrückt, ist der Herkules des unbekannten Bildhauers erheblich entspannter. Fast lässig holt er zum letzten beidhändigen Schlag aus, um das Ungeheuer zu töten, dessen einer Kopf ihm gleichzeitig in das rechte Knie beisst und dessen krallenbewehrter Schwanz seine linke Wade zwickt. Seine Pose nimmt den Ausgang der Aktion vorweg: Er ist bereits der Sieger.
Das interessanteste Merkmal dieser Skulpturengruppe ist die Porträtierung des Helden. Die bekannten Plastiken nach Giambologna und Susini bieten genau wie der Herkules von Adriaen de Vries das Bild eines griechischen Athleten mit ausgeprägter Muskulatur und dem idealisierten Götterkopf, meistens orientiert am Herkules Farnese. Dieser Bildhauer löst sich von der Vorgabe und zeigt, betont durch den wildlockigen Bart und die mit einem Band mühevoll gezähmten Haare, eine expressivere Mimik.
Doch vergleichen wir ihn mit Christoph Mauchers Herkules aus der Zeit um 1682 - 95 (SMPK), der gleichzeitig mit Hydra und dem Nemäischen Löwen ringt und deren Körper so umeinander verschlungen sind, dass sie sich optisch nur mühevoll voneinander trennen. Sein konzentrierter Gesichtsausdruck mit den zusammengebissenen Kiefern lässt das Resultat des Kampfes schon erahnen: Herkules möchte und wird Sieger sein. Dieser Herkules kämpft ernsthaft und nicht spielerisch.
Auch um 1695 datiert ist Permosers kämpfender Herkules in der Sammlung des Bode-Museums Berlin. Er ist optisch zwar auch noch weitgehend dem Farnese-Typus verhaftet, aber das Spannungskonzept der Anatomie mit den konzentriert zusammengezogenen Brauen identifiziert das Stück als meisterhafte Barockskulptur. Komplett gelöst vom Ideal des Herkules Farnese, mit zusätzlich gealtertem Körperbau stellt sich erst der Hydra erschlagende Herkules im Domherrenhof Graz von Veit Königer dar, der 1764 im Ensemble errichtet wurde.
Diese drei Darstellungen des Themas liegen eindeutig zeitlich weiter von Giambolognas Typus entfernt. Zwar gestaltet sich eine präzise Datierung der vorgestellten Elfenbeinskulptur in diesem Kontext nicht einfach, aber sie muss zwischen Adriaen de Vries und Christoph Maucher liegen, was uns auch die C14-Analyse bestätigt hat. Die Darstellung folgt nicht dem gängigen akademischen Modell. Die Proportionen, die Körperhaltung und -modellierung zeigen durchaus manieristische Merkmale, aber die Physiognomie ebenso wie die kräftigen Hände und die sehnigen Füße verweisen schon auf den neuen späteren Realismus.

Zertifikat

Radiokarbondatierung der University of Cologne - Centre for Accelerator Mass Spectrometry vom 8. Juli 2019 liegt vor.
Das Elfeinbein der Skulptur wird datiert auf AD 1472 - 1644.

Provenienz

Ehemals Slg. der Earls of Rosebery, Mentmore Towers, verst. Sotheby Parke Bernet, 18. Mai 1977, Lot 1883.

Literaturhinweise

Zum Herkules von Adriaen de Vries s. Kat. Adriaen de Vries 1556- 1626. Augsburgs Glanz, Europas Ruhm, Augsburg/Heidelberg 2000, S. 342 ff.
Zum Herkules von Maucher s. Theuerkauff, Nachmittelalterliche Elfenbeine, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin 1986, S. 214 ff., Nr. 59.
Zum Herkules von Permoser s. Asche, Balthasar Permoser Leben und Werk, Berlin 1978/79, Abb. 117.