Auktion 1120, Photographie, 30.11.2018, 14:00, Köln Lot 53

Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch

Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch, 1946, Auktion 1120 Photographie, Lot 53
Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch, 1946, Auktion 1120 Photographie, Lot 53
Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch, 1946, Auktion 1120 Photographie, Lot 53
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Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch, 1946, Auktion 1120 Photographie, Lot 53
Hein Gorny, Entwurf zum Berlinbuch, 1946, Auktion 1120 Photographie, Lot 53

Hein Gorny

Witten 1904 - 1967 Hannover

Entwurf zum Berlinbuch

1946

Maquette für ein Photobuch mit zahlreichen Photographien und Photocollagen. 32,4 x 24 x 4 cm. 84 Seiten. Auf dem Schmutztitel mit Tinte signiert, datiert und beschriftet sowie mit Photographenstempel. Einige Seiten von fremder Hand mit Bleistift bezeichnet.

Mit beiliegendem handschriftlichen Brief Hein Gornys

Weitere Abbildungen auf Anfrage

“Reproduktion verboten” stempelt Hein Gorny Pfingsten 1946 vorne auf die Leerseiten seiner Maquette, um dann handschriftlich zu ergänzen, dass es sich hierbei um “Proben aus einem demnächst erscheinenden Buch“ handele. Zu einer Publikation seines Bildbandes, einer ebenso faszinierenden wie bedrückenden Dokumentation der von Bomben zerstörten Hauptstadt, sollte es jedoch nie kommen; angesichts der Wirren und wirtschaftlichen Not fand sich, nur ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kein Verleger für ein solches Projekt.

Spricht Hein Gorny in einem handschriftlichen Brief, der seinem Buchentwurf beiliegt, von „einigen bescheidenen Proben aus einem grossen Plan“, so überrascht diese Bemerkung angesichts der wohlüberlegten und in sich schlüssigen Dramaturgie, der seine Photographien und Photomontagen auf 42 Doppelseiten folgen.

Das Bild, das sich hier entfaltet, ist angesichts der allgegenwärtig erscheinenden Zerstörung ein Verheerendes: Ausgehöhlte Ruinen ragen in den Himmel, Dachstühle sind ausgebrannt, Kuppeln erscheinen wie skelettiert, ganze Wohnblöcke sind dem Erdboden gleichgemacht. Der Tiergarten, in der Not der Nachkriegsjahre abgeholzt, erscheint als kahle, staubige Brache, in den Straßen türmen sich die Trümmer.

Verwendung fanden neben Gornys eigenen Berlin-Aufnahmen aus den Vor- und Nachkriegsjahren Bilder des ebenfalls in Berlin als Photograph tätigen Friedrich Seidenstücker sowie Luftaufnahmen, die Gorny 1945 gemeinsam mit dem amerikanischen Photographen Adolph Carl Byers gemacht hatte. Darüber hinaus griff er auf bereits publiziertes, d.h. vorgefundenes Bildmaterial zurück. Historische Stadtansichten der repräsentativen Bauten Berlins aus der Vorkriegszeit zählen ebenso dazu wie Bilder, die Gorny aus der Tagespresse abphotographierte, darunter eine Aufnahme der im Mai 1944 nach einem Bombenangriff in Flammen stehenden Kuppel des Französischen Doms.

Besonders erwähnenswert ist hier jedoch eine Montage John Heartfields, die Gorny aus Kurt Tucholskys 1929 publiziertem Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ übernahm. Abgebildet auf einer der ersten Seiten der Maquette, verortet Gorny mit seinem Rückgriff auf das Bild des auf der Kuppel des Reichstagsgebäudes tatenlos und seelenruhig die Zeichen der Zeit verschlafenden Parlamentariers einen der Gründe für die Katastrophe in der politischen Instabilität der Weimarer Republik. Die sich gleichsam auf jeder Seite mitteilende Anklage, die Gorny angesichts der maßlosen Zerstörung mit seinem Buch erhebt, richtet sich demnach keineswegs gegen die Alliierten, die die Stadt ab Herbst 1940 und in weit stärkerem Ausmaß seit Anfang 1943 bombardierten und damit in Schutt und Asche legten. Seinen Standpunkt, dass die Zerstörung Berlins vielmehr Adolf Hitler und seiner aggressiven Außenpolitik geschuldet sei, die die Bombardements erst provozierte, vermittelt der Photograph bereits sehr explizit auf der ersten Doppelseite des Entwurfs: Der Luftaufnahme der noch intakten historischen Mitte Berlins auf der linken Seite stellt Gorny eine Montage aus mehreren Photographien auf der rechten Seite gegenüber, in der er ein Portrait Hitlers mit der Ansicht des brennenden Französischen Doms sowie einer Aufnahme gespenstisch aufragender Ruinen kombiniert.

Der hier bereits beschriebenen Methode der Gegenüberstellung eines „Vorher“ und „Nachher“, der Hein Gorny nahezu ausnahmslos durch den gesamten Buchentwurf folgt, stellt das grundlegende kompositorische Prinzip seiner Montagetechnik dar. In der Konfrontation etwa der Aufnahme des sich über dem Gendarmenmarkt herrschaftlich erhebenden Schauspielhauses Karl Friedrich Schinkels, einem Höhepunkt klassizistischer Baukunst in Deutschland, mit einer Aufnahme desselben Gebäudes, durch Bomben derart beschädigt und ausgehöhlt, dass seine Front von großen, grotesk anmutenden, schwarzen Löchern dominiert wird, tritt das Ausmaß der Zerstörung besonders eindringlich und plastisch vor Augen.

Zu den beeindruckendsten Bildern des Buches gehören jedoch zweifellos die Luftaufnahmen. Entgegen der üblichen Verfahrensweise der Luftbildphotographie haben Gorny und Byers, der als Bildauswerter der US Army nach Berlin gekommen war, die Stadt nicht bei hohem Sonnenstand aufgenommen, ein Vorgehen, das eine dokumentarisch-neutrale Wiedergabe des Motivs gewährt. Vielmehr überflogen sie die Stadt am späten Nachmittag, so dass sich im Licht der untergehenden Sonne starke, dramatisch wirkende Schlagschatten über Plätze und Straßen legen. Diesen Aufnahmemodus werden Gorny, dessen eigener photographischer Stil eigentlich der neusachlichen Photographie verpflichtet ist, und sein Kollege Byers gewiss nicht zufällig gewählt haben, trägt er doch ganz wesentlich zur dramatischen Steigerung des Anblicks der in Trümmern liegenden Stadt bei.

Wirken die Bilder der Verwüstung in ihrem apokalyptischen Ausmaß an sich häufig geradezu surreal, so steigert Gorny diesen Eindruck zudem dort, wo er auf Photographien Friedrich Seidenstückers zurückgriff. Denn im Gegensatz zu Gornys am Boden entstandenen, dokumentarischen Aufnahmen der Ruinen betont Seidenstücker in seinen Bildern das Surreale gezielt, und so hält auf den mit seinen Bildern gestalteten Seiten auch das Anekdotische Eingang in das Buch: Ratlos-melancholisch blickt die von Reinhold Begas geschaffene Büste Johann von Buchs auf die sich ihr bietende Zerstörung der Siegesallee im Tiergarten. Nicht minder bizarr wirkt die Aufnahme der zum Neptunbrunnen auf dem Schlossplatz gehörenden weibliche Bronzefigur, die mit bemerkenswerter Gelassenheit noch auf ihre gänzliche Befreiung wartet (der Brunnen war 1942 zum Schutz vor Bomben eingemauert und erst 1946 wieder freigelegt worden).

Mit Gendarmenmarkt und Museumsinsel, Berliner Dom und Lustgarten, Brandenburger Tor und Reichstag sowie dem im Westen der Stadt gelegenen Schloss Charlottenburg und der Gedächtniskirche nimmt Gorny in seinem Buch ganz überwiegend die repräsentativen Bauwerke des 17. bis 19. Jahrhunderts in den Blick. Auch die architektonische Moderne ist präsent, und zwar mit dem 1929 von Peter Behrens errichtete Alexanderplatz-Bebauung sowie dem zwischen 1930 und 1932 entstandenen, von Emil Fahrenkamp entworfenen Shell-Haus am Landwehrkanal, zwei Inkunabeln des Neuen Bauens. Ist Gornys Motivauswahl zunächst an einem tradierten Berlin-Repertoire orientiert, so finden sich auf den letzten Seiten des Buches jedoch außerdem Bauten, die aufs engste mit der Figur Adolf Hitlers und dem Naziregime verknüpft sind: Das Hotel „Kaiserhof“ bezog Hitler 1932, um von dort seinen Wahlkampf zu organisieren, im Obergeschoss hatte zeitweise die Parteizentrale der NSDAP ihren Sitz. Die Alte Reichskanzlei übernahm Hitler nach seiner Machtergreifung ein Jahr später, die Neue Reichskanzlei entstand nach Plänen seines Architekten Albert Speer ab 1934. In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesen zwei Schaltzentralen des NS-Terrors lag an der Nordseite des Wilhelmplatzes das Prinz-Karl-Palais, Dienstsitz von Propagandaminister Joseph Goebbels, das Gorny gemäß seiner visuellen Rhetorik links im Vorkriegszustand und rechts nahezu komplett zerstört zeigt. In seinem Aufsatz über die Berlin-Photographien Gornys vermutet Enno Kaufhold, dass die Haltung des Photographen gegenüber derlei Bauten eine ablehnende gewesen sein muss, da von hier die Weltkatastrophe ihren Ausgang genommen habe. Doch nicht nur das: Zugleich „symbolisieren die Trümmer gerade dieser Bauten den vollständigen Zusammenbruch des ‚Dritten Reichs'.“ Identifiziert Gorny auf den ersten Seiten des Buches Adolf Hitler und seine Gefolgsleute als eigentliche Verursacher des Zweiten Weltkriegs und der damit einhergehenden Zerstörung Berlins, so stellt er, darin einer klaren, linearen Erzählstruktur folgend, die Bilder dieses Zusammenbruchs ganz an sein Ende. Den Schlusspunkt bildet, einer Aufnahme der in Trümmern liegenden Alten Reichskanzlei gegenübergestellt, in deren Bunker sich Hitler das Leben nahm, das Bild dreier Soldaten der alliierten Siegermächte, die im Reichstag posieren.

Überraschen mag den Betrachter des Buches, dass es sich bei der genannten Abbildung der Soldaten um eine der wenigen Aufnahmen handelt, auf der Personen zu sehen sind. Die Bewohner der Stadt Berlin, die zu Tausenden dem Bombenhagel zum Opfer fielen und zu Hunderttausenden ausgebombt und damit obdachlos wurden, diese große menschliche Tragödie, sie wird über die Bilder der Ruinen nur indirekt zum Thema des Buches; das Barbarische der Luftangriffe teilt sich ausschließlich durch die zerstörten bzw. beschädigten, im Objektiv der Kamera allerdings tatsächlich „verletzt“ erscheinenden Gebäude mit. Hein Gorny, der bei einem Bombenangriff im Jahr 1943 nahezu sein komplettes Negativarchiv verlor und dessen Wohnung im Folgejahr von einer Luftmine zerstört wurde, hatte die Folgen der Luftangriffe am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vielleicht auch deswegen ist es vornehmlich ein Gefühl, das seine Montagen transportieren, nämlich das einer großen Trauer angesichts der in Trümmern darnieder liegenden Stadt.

In welchem Verlag Hein Gorny sein Berlinbuch veröffentlicht sehen wollte, ließ sich bislang nicht rekonstruieren. Für die Publikation eingesetzt hat sich, wie aus dem Begleitschreiben hervorgeht, der in jenen Jahren in Berlin tätige Graphiker Klaus Wittkugel, der speziell auf dem Gebiet der Buchgestaltung aktiv war.

Hein Gornys Entwurf zum Berlinbuch, das letzte große Projekt des Photographen, galt bis zu seiner nun erfolgten Wiederentdeckung als verschollen. Sie ist aus photogeschichtlicher Perspektive ebenso bedeutsam wie aus (stadt-)historischer, denn als wichtiges Zeitdokument halten die Photographien Hein Gornys, Adolph C. Byers' und Friedrich Seidenstückers „die zerstörerischen Folgen des Krieges ebenso sichtbar fest wie das, was nach dem Krieg durch städtebauliche Entscheidungen verändert oder gar ausgelöscht wurde. Dieser Erkenntnisgewinn weist weit über die ästhetischen Qualitäten der Photographien hinaus.“

Maren Klinge

1. Über die Zusammenarbeit Gornys mit Byers, der frühestens Anfang 1945 als Angehöriger der US-Armee nach Berlin gekommen war, sind keine weiteren Details bekannt. Mit dem ebenfalls in Berlin lebenden und dort als Photograph tätigen Friedrich Seidenstücker könnte Gorny über die ähnliche thematische Ausrichtung ihrer Arbeit, der Tierphotographie, in Kontakt gekommen sein, vgl. Enno Kaufhold, Eine Stadt in Trümmern, in: Marc Barbey (Hg.), Hommage à Berlin. Photographie 1945/46. Hein Gorny, Adolph C. Byers, Friedrich Seidenstücker, Ausst.kat. Collection Regard, Berlin 2011, S. 35.

2. Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch von Kurt Tucholsky und vielen Fotografen. Montiert von John Heartfield, Berlin 1929, S. 138.

3. Darauf verweist, basierend auf den im Nachlass Gornys befindlichen Originalabzügen, bereits Enno Kaufhold, dem zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Aufsatzes die Maquette nicht vorlag, vgl. a.a.O., S. 45.

4. Eine Aufschlüsselung der Autorenschaft eines großen Teiles der Aufnahmen ermöglicht der Anhang im genannten Katalog der Collection Regard, vgl. ebenda, S. 139 - 152.

5. Ebenda, S. 37.

6. Ebenda, S. 39.

7. Ebenda, S. 33.

8. Ebenda, S. 47.

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