Auktion 1121, Moderne Kunst - 30. November 2018, 30.11.2018, 17:00, Köln Lot 222

Paul Klee, Seiltänzer

Paul Klee, Seiltänzer, 1923, Auktion 1121 Moderne Kunst, Lot 222
Paul Klee, Seiltänzer, 1923, Auktion 1121 Moderne Kunst, Lot 222
Paul Klee, Seiltänzer, 1923, Auktion 1121 Moderne Kunst, Lot 222
Paul Klee, Seiltänzer, 1923, Auktion 1121 Moderne Kunst, Lot 222

Paul Klee

Münchenbuchsee bei Bern 1879 - 1940 Muralto-Locarno

Seiltänzer

1923

Original-Farblithographie auf geripptem Büttenpapier mit Wasserzeichen "BSB" im Kreis, unten rechts mit dem ovalen Ganymed-Blindstempel der Marées-Gesellschaft. 44 x 26,8 cm (52,3 x 38,2 cm). Signiert, datiert und mit der Werknummer versehen '23 138 Klee'. Eines von 220 Exemplaren auf diesem Papier aus einer Gesamtauflage von 300 Drucken. Blatt IV der Mappe "Kunst der Gegenwart", München, R. Piper / Co., 1923. Gedruckt vom Staatlichen Bauhaus, Weimar. Verlag der Marées-Gesellschaft, R. Piper & Co., München. - Im Original-Passepartout der Mappenedition mit der Prägung "IV"; im Passepartout minimal gebräunt mit schwachem Lichtrand. In schöner Farberhaltung.

Kornfeld 95 IV.B.b.; Catalogue raisonné, Band 4, 3232; Söhn HDO 335-4

Provenienz

Ehemals Norddeutsche Privatsammlung

Ausstellungen

U.a.: Dresden (Mai) 1924 (Galerie Neue Kunst Fides), Paul Klee; Los Angeles (April) 1927 (Los Angeles Museum), European Modernists, Nr. 54; Dresden 1927 (Graphische Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Jahresschau Deutscher Arbeit, Nr. 282; Oakland 1928 (Oakland Art Gallery), Thirty European Modernists, Nr. 71; Hannover 1931 (Kestner-Gesellschaft Hannover), Paul Klee. Gemälde, Aquarelle, Graphik 1903-1930 ; Düsseldorf 1931 (Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Verbindung mit der Galerie Alfred Flechtheim) Paul Klee, Nr. 250; Zürich 1940 (Graphische Sammlung, ETH Zürich), Gedächtnisausstellung Paul Klee 1879-1940, Nr. 215; Bern/Paris/Brüssel 1947/1948 (Kunstmuseum Bern/ Musée National d'Art Moderne/ Palais des Beaux-Arts Brüssel), Paul Klee. Ausstellung der Paul-Klee-Stiftung, Nr. 356; Wuppertal 1956 (Kunst- und Museumsverein Wuppertal), Paul Klee. Werke aus den Jahren 1904 bis 1940, Nr. 28; Tokyo 1961 (Seibu Museum of Art), Paul Klee, Nr. 30 mit Abb.; Saint-Paul-de-Vence 1977 (Fondation Maeght), Paul Klee, Nr. 253; Berlin/München/Bremen 1985/1986 (Bauhaus-Archiv Berlin/ Städtische Galerie im Lenbachhaus/ Kunsthalle Bremen), Paul Klee als Zeichner 1921-1933, Nr. 26 und 27 mit Abb.; Martigny 1985 (Fondation Pierre Gianadda) Klee, Nr. 33 mit Abb.; Barcelona 1986 (Museo Picasso), Paul Klee dibuixant. 1921/1933 Obres del periode de la Bauhaus, Nr. 60 und 17; Cambridge 1993 (Busch-Reisinger Museum, Harvard University Art Museum Gallery), Paul Klee, Nr. 16; Jena 1999 (Stadtmuseum Göhre, Jena), Paul Klee in Jena 1924, S. 262, mit Farbabb.

Literatur

U.a.: Will Grohmann, Paul Klee. Handzeichnungen 1921-1930, Potsdam/Berlin 1934, Nr. 8; Herbert Read (Hg.) Surrealism, mit Beiträgen von Herbert Read, André Breton, Paul Eluard u.a., mit Abb.; John Anthony Thwaites, Paul Klee and the Object, in: Parnassus, Bd. 9, Nr. 6, 1937, S. 11; James Thrall Soby, The Prints of Paul Klee, New York 1945, mit Farbabb.; Hans-Friedrich Geist, Paul Klee, Hamburg 1948, S. 27 mit Farbabb.; Jürg Spilller (Hg.) Paul Klee. Das bildnerische Denken. Form- und Gestaltungslehre, Bd. 1, Basel/Stuttgart 1956, S. 520 mit Farbabb.; Eberhard W. Kornfeld, Verzeichnis des graphischen Werkes von Paul Klee, Bern 1963, Nr. 95 mit Farbabb.; Sara Campbell (Hg.), The Blue Four Galka Scheyer Collection, Pasadena 1976, Nr. 310; Jim M. Jordan, The Structure of Paul Klee's Art in the Twenties. From Cubism to Constructivism, in: Arts Magazine 1977, S. 155 mit Abb.; Charles Werner Haxthausen, Klee, The Reluctant Printmaker, in: Ausst. Kat. Stanford 1979, S. 9-17, insbesondere S. 12 mit Abb.; Jürgen Glaesemer, Paul Klee. Handzeichnungen II. 1921-1936, Berlin 1984, S. 20 mit Abb.; Jim M. Jordan, Paul Klee and Cubism, Princeton 1984, S. 179-181 mit Abb.; Sara Lynn Henry, Paul Klee's Pictorial Mechanics from Physics to the Picture Plane, in: Pantheon, 47. Jg., 1989, S. 147-165, insbesondere S. 151 mit Abb.

Eine der bekanntesten graphischen Arbeiten Paul Klees ist "Der Seiltänzer" von 1923. Als Ölpause bzw. Ölfarbezeichnung und Aquarell nach einer Bleistiftzeichnung entstanden (vgl. Cat. rais. 3215, 48,7 x 32,2 cm sowie Cat. rais. 3309, 28,1 x 22 cm, beide Arbeiten aus dem Nachlass, Lily Klee, Bern), verwendete Klee das Motiv für die gleichermaßen berühmte, hier vorliegende Farblithographie. Sie erschien als Druck der Weimarer Steindruckerei zusammen mit Original-Graphik und Lichtdrucken anderer Künstler in der Mappe "Kunst der Gegenwart". Es ist das künstlerisch wertvollste Blatt.

Wolfgang Wittrock hatte darauf verwiesen, wie sich bei Paul Klee die unterschiedlichen medialen, bildnerischen Verfahren gegenseitig beeinflussen: das Zeichnen, das Umdruckverfahren - das Klee im Lithographischen bevorzugte - und die von ihm entwickelte Ölpaus-Technik (Wolfgang Wittrock, Erläuterungen zu Klees graphischen Techniken, in: Paul Klee. Das Werk der Jahre 1919-1933. Gemälde, Handzeichnungen, Druckgraphik, Ausst. Kat. Köln 1979, S. 137). Bei dieser Farblithographie benutzte Klee nur einen farbigen Tonstein, in der Bildmitte ein konstruktives Balkenkreuz freilassend, das das Grundflächenmaß vertikal wie horizontal definiert. Dieses statische Element gibt genausogut die Koordinaten eines imaginären Raumes vor, in dem das lineare Gerüst und der Seiltänzer, schwarz gedruckt, schweben. Inseln von Restfarbe im Druck erinnern an die Ölpaus-Technik.

Für Klee ist die Zeichnung von Anbeginn ein elementares Ausdrucksmittel. Die Spontaneität und Dynamik in den expressiven Illustrationen zu Voltaires "Candide" von 1911/1912 ist nun allerdings gewichen und die Linie hat sich als ein Medium des Ausdrucks einer kunstvollen Synthese, einer neu gewonnenen Bildarchitektur, anverwandelt. Dazu gehört in dieser Komposition auch die ausbalancierte Zentrierung des zeichnerischen Motivs, ohne Überschnitte und Verspannungen zum Rand.

Der "Seiltänzer" ist nicht nur eine Umsetzung formaler Prinzipien von Klees früher Bauhaus-Lehre. Der Künstler klammert Phantasie und Gedankliches nicht aus. In abstrakter Weise scheint er Erzählungen des Lebens metaphorisch nachzuzeichnen: die Gefährdungen, die menschlichen Naivitäten, die spielerischen und waghalsigen Experimente, nicht zuletzt in Liebesdingen - schwebt doch der "Seiltänzer" über dem angedeuteten Profil einer jungen Frau. Sein fragiles Gerüst und sein Gleichgewicht findet tief unten einen solitären Ankerpunkt, der "ihrem" Auge entspricht. So lange sie da ist, ist ihm darüber hinaus ein rettender Abgang über die Leitern und Rampen sicher.

Der "Seiltänzer" ist ein klassisch gewordenes Bildbeispiel für Klees früh formuliertes Bemühen "architektonische und dichterische Malerei in Einklang zu bringen" (zit. nach Christian Geelhaar, Paul Klee. Leben und Werk, Köln 1974, S. 28).

Vergleichsabbildung: Paul Klee, Der Seiltänzer. 1923, 121. (Sonderklasse, von Klee bez. „S.-Cl“)

Aquarell über Ölfarbezeichnung 48,7 x 32,2 cm

Aus: Jürgen Glaesemer, Paul Klee. Die farbigen Werke im Kunstmuseum Bern, Bern 1976, S. 216

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