Thomas de Keyser, zugeschrieben - Bildnis eines jungen Mannes mit weißer Halskrause

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Thomas de Keyser, zugeschrieben

Bildnis eines jungen Mannes mit weißer Halskrause

Öl auf Holz, auf eine weitere Holztafel aufgezogen. 60 x 50 cm.

Das vorliegende Bildnis zeigt einen jungen Mann in Halbfigur, dessen Identität bislang noch nicht geklärt werden konnte. Aufgrund der kostbaren, aufwendig verarbeiteten Kleidung gehörte er jedoch sicher dem führenden Patriziat seiner Heimatstadt an, bei der es sich um Amsterdam handeln dürfte. Zur vornehmen Strenge der schwarzen Kleidung kontrastiert effektvoll eine runde, locker gefältelte Halskrause in strahlendem Weiß. Der Maler unseres Bildnisses vermochte nicht nur die Fältelungen des durchscheinenden weißen Stoffes der Halskrause überzeugend wiederzugeben, sondern evozierte auch feinste Nuancen im tiefen Schwarz der Kleidung. Das von links einfallende Licht nutzte er zur präzisen Modellierung der Gesichtszüge in einem fein vertriebenen Farbauftrag, bei dem die vergleichsweise kräftigen Rosatöne auffallen. Der leicht geöffnete Mund und der direkte Blick zum Betrachter sorgen für eine unmittelbare Ausstrahlung des Dargestellten, die den repräsentativen Anspruch des Bildnisses ergänzt und abmildert. Während die rechte Hand den Stoff des Gewands umfasst, ist die linke Hand von diesem Stoff halb verborgen, wobei die souveräne, perspektivisch verkürzte Darstellung des Daumens ins Auge springt.
Unser Bildnis eines jungen Herrn galt, seit es 1928 im Besitz der Galerie van Diemen nachweisbar ist, als eigenhändiges Werk des Amsterdamer Malers Thomas de Keyser. Kurzfristig wurde eine Zuschreibung an Werner van den Valckert erwogen, jedoch gab Pieter J. J. van Thiel, der damalige Kurator des Amsterdamer Rijksmuseums, das Gemälde 1983 in einem Aufsatz in „Oud Holland“ an Thomas de Keyser zurück. In jüngerer Zeit haben Ann Jensen Adams und Rudi Ekkart die Eigenhändigkeit abgelehnt, das RKD in Den Haag führt das Gemälde jedoch weiterhin als „zugeschrieben an Thomas de Keyser" (RKD-Nr. 10638).
Thomas de Keyser war im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts - noch vor dem Eintreffen Rembrandts - einer der führenden Portraitmaler Amsterdams, neben Cornelis van de Voort, der vermutlich sein Lehrer war, wenn sich dies auch archivalisch nicht belegen lässt, Werner van den Valckert und Nicolaes Eliasz gen. Pickenoy. Thomas war der Sohn des Architekten und Bildhauers Hendrik de Keyser, auf den u. a. die Amsterdamer Börse am Rokin und das Grabmal von Wilhelm von Oranien in Delft zurückgehen. Infolgedessen ist für Thomas de Keyser zunächst eine zweijährige Ausbildung zum Steinmetz durch seinen Vater gesichert. Als Steinbildhauer wurde er 1622 auch in die Amsterdamer Lukasgilde aufgenommen. Nichtsdestotrotz scheint er sich danach überwiegend der Malerei gewidmet zu haben. Neben wenigen biblischen Historien sowie der Auftragsarbeit „Odysseus und Nausikaa“ für das neu errichtete Rathaus in Amsterdam handelt es sich dabei nahezu ausschließlich um Portraits.
Das „Bildnis eines jungen Mannes mit weißer Halskrause“ befand sich einige Jahre in der Sammlung des Berliner Textilunternehmers Richard Semmel (1875-1950). Zu den Schwerpunkten des jüdischen Sammlers gehörten neben Gemälden niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts auch Werke französischer Impressionisten und Postimpressionisten. Nach der Machtergreifung der NSDAP ging Richard Semmel nach Amsterdam ins Exil. Später übersiedelte er nach New York, wo er 1950 gestorben ist. Das Bildnis des jungen Mannes wurde 1946 dem Niederländischen Staat übergeben und befand sich mehrere Jahre im Museum in Gouda. 2009 wurde es an die rechtmäßigen Erben nach Richard Semmel restituiert.

Provenienz

1928 Galerie van Diemen, Berlin (als: Thomas de Keyser). - Sammlung Richard Semmel, Berlin. - Auktion „Tableaux Anciens provenant de Diverses Collections Privées“, Frederik Muller, Amsterdam, 21.11.1933, Lot 28 (als: Thomas de Keyser). - Galerie D. Katz, Dieren (als: Thomas de Keyser). - Auktion „Mevr. Douaière I. L. Alewijn-van Limburg Stirum e.a.“, Van Marle en Bignell, Den Haag, 28.2.1939, Lot 17 (mit Abb., als: Thomas de Keyser). - Kunsthandel Esher Surrey, Den Haag (als: Thomas de Keyser). - Am 2. Oktober 1940 an den "Sonderauftrag Linz" (Linz-Nr. 1339, als: Thomas de Keyser). - Am 13.7.1945 an den Central Collecting Point München (Inv.-Nr. MÜ 4036). - Am 29. April 1946 an die Niederlande restituiert. - Stichting Nederlands Kunstbezit, Den Haag (Inv.-Nr. NK 2693, bis 1983 als: Werner van den Valckert, dann wieder als: Thomas de Keyser). - Rijksdienst Beeldende Kunst, Den Haag (Inv. NK 2693). - 2009 auf Grundlage des Dossiers 1.75 der Restitutiecommissie, Den Haag, an die rechtmäßigen Erben von Richard Semmel restituiert. - Auktion Bassenge, Berlin, 27.5.2011, Lot 6015. - Deutsche Privatsammlung.

Literaturhinweise

Ausst.-Kat. "Tentoonstelling van 16de en 17de eeuwsche Hollandsche, Vlaamsche en Italiaansche schilderijen uit de collectie der Fa. D. Katz te Dieren“, Stedelijk van Abbe-Museum, Eindhoven, 22.12.1936-31.1.1937, S. 14, Nr. 33 (als: Thomas de Keyser). - Pieter Jacobus Johannes van Thiel: Werner Jacobsz. van den Valckert, in: Oud Holland 97, 1983, S. 128-95 (als: Thomas de Keyser).

Lot 1051 Dα

Schätzpreis:
60.000 € - 70.000 €

Gebot
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