Wolfgang Tillmans - Nachtstilleben

Wolfgang Tillmans - Nachtstilleben - image-1
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Wolfgang Tillmans

Nachtstilleben
2011

C-Print. 27,1 x 40,7 cm (30,5 x 40,7 cm). Rückseitig mit Bleistift signiert, datiert, betitelt und nummeriert. Exemplar 1/10 (+ 1 A.P.). - Unter Glas gerahmt.

Mit seinen Stillleben bewegt sich Tillmans ganz in der Tradition der europäischen Kunstgeschichte: Erste autonome Stillleben entstanden um 1600, ihre Beliebtheit und Verbreitung fand in der niederländischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Das Stillleben umfasst in der Regel die Darstellung lebloser oder unbewegter, zumeist nach formalästhetischen Gesichtspunkten arrangierter Gegenstände: Zubereitete Speisen, (tote) Tiere, Blumen und Früchte gehören zur gängigen Ikonographie. Letztere sind auch bei den meisten Stillleben-Photographien von Tillmans Teil des Bildprogramms. Für das hier vorliegende Nachtstillleben gilt dies indessen nicht: Hier wäre die französische Nature morte die passendere Bezeichnung, sind doch sämtliche Gegenstände im wahrsten Sinne des Wortes leblos. Selbst der vertrocknete Stengel eines Maiglöckchens, einzige Reminiszenz von Naturhaftem, erscheint hier als Vanitassymbol. Die - wie so oft bei Tillmans - auf einer Fensterbank versammelten Dinge sind indessen nicht nur leblos, sie sind überdies vollkommen wertlos - eine scheinbar chaotische Ansammlung von Unrat bestehend aus verschütteter Zigarettenasche, einer leeren Fastfood-Verpackung, einem Glas mit ausgedrückten Zigarettenkippen, etwas Elektroschrott.
Ungeachtet des möglicherweise auf den ersten Blick ob seiner ungewöhnlichen Motive irritierenden Eindrucks ist die Komposition des Stilllebens jedoch als zutiefst ästhetisch, ja geradezu als malerisch zu bezeichnen. Es offenbart sich hier der künstlerische Blick des Photographen. Der durch Bildparallelen bestimmte Flächenaufbau, der fein abgestimmte, im Wesentlichen von den gedeckten Weißtönen im Vordergrund, dem monochromen Schwarzblau im Bereich der Fensterflächen und dem einzelnen roten Farbtupfer des Wasserglases geprägte Farbakkord sowie die gekonnte Platzierung ebendieses Wasserglases als dem einzigen und damit für die Gesamtkomposition bedeutsamen Farbakzents im Goldenen Schnitt des Bildes, zeugt von dem tief verwurzeltem künstlerischen Grundverständnis Tillmans'.

Literaturhinweise

Wolfgang Tillmans, Ausst.kat. Moderna Museet, Stockholm u.a., Mölnlycke 2012, o.S. mit Abb.

Lot 29 D

Schätzpreis:
8.000 € - 10.000 €

Ergebnis:
7.440 €