Auktion 1142, Photographie, 29.11.2019, 13:30, Köln Lot 6

Albert Renger-Patzsch, Industrielandschaft bei Essen, Kiesgrube bei Bottrop

Albert Renger-Patzsch, Industrielandschaft bei Essen, Kiesgrube bei Bottrop, 1929, Auktion 1142 Photographie, Lot 6

Albert Renger-Patzsch

Würzburg 1897 - 1966 Wamel

Industrielandschaft bei Essen, Kiesgrube bei Bottrop

1929

Vintage, Gelatinesilberabzug auf Kodak-Royal-Papier. 37 x 27,2 cm. Rückseitig mit Buntstift datiert, mit Bleistift ausführlich betitelt und zweimal beziffert 'I 142' sowie mit zwei Photographenstempeln.

Provenienz

Privatsammlung, Rheinland

Literatur

Ann und Jürgen Wilde (Hg.), Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften 1927-1935, Ausst.kat. Pinakothek der Moderne München, Köln 2017, Tafel 79 (hier betitelt: Formsandgrube bei Bottrop); Ann und Jürgen Wilde/Thomas Weski (Hg.), Albert Renger-Patzsch. Meisterwerke, Ausst.kat. Sprengel Museum Hannover, München u.a. 1997, Tafel 25; Albert Renger-Patzsch 1897-1966, Ausst.kat. Jeu de Paume, Paris u.a., Madrid 2017, S. 155 mit Abb.; Stefanie Grebe/Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien, Ausst.kat. Stiftung Ruhr Museum, Essen, Köln 2018, S. 49 mit Abb.

Aufgrund seiner Aufträge von Seiten der Industrie-Architekten Fritz Schupp und Alfred Fischer, deren Zechen er photographisch dokumentierte, war Albert Renger-Patzsch in den späten 1920er Jahren häufig im Ruhrgebiet unterwegs. 1929, dem Jahr der Aufnahme der Kiesgrube bei Bottrop, zog er mit seiner Familie auf die Margarethenhöhe in Essen. In den Jahren bis 1932 entstanden mehr als 150 freie, auftragsungebundene Aufnahmen dieser Gegend. Dabei richtete er das Objektiv seiner Kamera keineswegs auf Sehenswürdigkeiten oder Naturidyllen. Vielmehr waren es die eher reizlosen, von der Industrie durchsetzten und gezeichneten, ja als trist zu bezeichnenden Orte - Halden, Brachen, Gruben, Fabrikschlote und Fördertürme samt Rauch, Schotter und Erdreich - die er in den Blick nahm. Ebenso wie in seinen Objektphotographien sah er auch gegenüber der Landschaft seine Aufgabe als Photograph darin, ihren tatsächlichen Charakter in seinen Bildern festzuhalten: „So sollten wir die Wiedergabe der 'Landschaft als Dokument' wie eine Verpflichtung auffassen, die für uns mehr Reiz hat, als die Aufnahme pompöser Sonnenuntergänge.“ (zit. nach Simone Förster, in: Ann und Jürgen Wilde (Hg.),a.a.O., S. 11).

Gleichwohl manifestiert sich auch in Renger-Patzschs Ruhrgebietsphotographien der ihm eigene Wille zu einer in hohem Maße ästhetischen Bildgestaltung. Dies gilt insbesondere für die Aufnahme der Kiesgrube. Der Ausschnitt ist hier eng gewählt, statt einen topographischen Überblick zu gewähren, lenkt der Photograph unseren Blick auf die steil abfallende Abbruchkante der Formsandgrube, die mehr als die Hälfte der Bildfläche einnimmt. Ihre Oberflächenbeschaffenheit, d.h. die durch die Abtragung entstandenen Schürfspuren sowie die unterschiedlich verfärbten Schichten des Sandes, stehen im Fokus des photographischen Interesses und verdichten sich im Bild zu einer Struktur aus feinsten Linien und Graustufen. Auch die unterhalb der Kante verlaufenden Schienen werden aufgrund ihrer Linearität zu einem graphisch wirkenden Element, dessen Diagonale die gesamte Komposition bestimmt. Zwar wählt Renger-Patzsch keine extreme Perspektive und gibt auch die Tiefenwirkung nicht zugunsten einer rein flächig erscheinenden Komposition auf, wie in anderen seiner Bilder der Fall. Doch unterliegt das Motiv auch hier einer ästhetischen Übersetzung, in der die verschiedenen Bildebenen sich zu einem vom Gegenstand unabhängigen, fein austarierten, abstrakt lesbaren Gefüge verbinden. Renger-Patzsch selbst hat dieses Vorgehen präzise beschrieben: „Der Raum soll als Ausschnitt so beschaffen sein, daß er auf die Ebene projiziert eine geordnete Bildfläche ergibt.“ (zit. nach Thomas Janzen, Zwischen der Stadt. Photographien des Ruhrgebiets von Albert Renger-Patzsch, Ostfildern 1996, S. 18). Gelingt es ihm dabei, den real vorgefundenen Ort in einen ästhetischen Bildraum zu überführen, so „kommt Renger-Patzsch neben der Stellung als einem der bedeutendsten Sach- und Industriefotografen der Neuen Sachlichkeit auch eine signifikante Position im künstlerischen Genre Landschaft der 1920er und 1930er Jahre zu. Zurückhaltende Emotionalität und kompositionelle Klarheit sind Bestandteile seiner sachlichen fotografischen Grammatik, nach der er die Landschaften des Ruhrgebiets in seinen Fotografien deklinierte. Es gelang ihm dabei, diesem eigentlich disparaten Landschaftsgefüge im fotografischen Bild eine treffende Form zu geben. Renger-Patzsch erfasste in seinen Aufnahmen des Ruhrgebiets das 'Wesen der Landschaft' auf eine Weise, dass diese fotografische Serie über ihre eigene Zeit hinaus für die Darstellung der Region ikonische Gültigkeit hat.“ (zit. nach: Simone Förster, ebenda, S. 12)

Renger-Patzschs vielfach publizierte Kiesgrube gehört, neben seinem Drahtzaun im Schnee, zu den ersten beiden Photographien, die in den USA ausgestellt wurden, und zwar bereits im Jahr 1932 im „Philadelphia International Salon of Photography“ des Pennsylvania Museum of Art. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem hier zum Aufruf kommenden, großformatigen Abzug auf leicht chamoisfarbenem Kodak-Royal-Papier um das damalige Exponat der Ausstellung.

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