Deckelvase mit Chinoiserie

Deckelvase mit Chinoiserie

Fayence, Blaudekor. Wuchtige Balusterform mit eingeschnürter unterer Wandung, zugehöriger Deckel. Umlaufende chinesische Gartenlandschaft mit zahlreichen Figuren. Ohne Marke. Deckel restauriert. H 43 cm.
Berlin, Manufaktur Gerhard Wolbeer, Anfang 18. Jh.

Berliner Fayence
100 Jahre Forschungsgeschichte

Die erste große Monographie zu „Altberliner Fayencen“ verfasste Otto von Falke 1923. Der frühere Direktor des Kölner und seit 1908 des Berliner Kunstgewerbemuseums publizierte erstmals die Namen und zugewiesenen Produkte der Manufakturisten. Da die frühen Berliner schwer von den Delfter Fayencen zu unterscheiden sind, und auch die Hersteller damit warben „Delftisches Porcellain“ zu produzieren, war seine Arbeit bahnbrechend. Denn Marken findet man auf Berliner Fayencen höchst selten. Formen und Dekore sind, genau wie bei den Delfter Stücken, zunächst inspiriert von chinesischen Porzellanen. So ist auch der Werbeslogan zu verstehen, denn damals war in Europa niemand imstande, Porzellan wie das chinesische zu produzieren. Aber das Wort „Porzellan“ machte die Menschen neugierig auf das neue Kunstprodukt. Und sowohl die Delfter Plateelbakker als auch die Berliner Manufakturen bezeichneten ihre Erzeugnisse als Porzellan, obwohl sie einen anderen Scherben benutzten und viel niedriger brannten.
Durch das vor fast 100 Jahren erschienene Buch von Otto von Falke wurde erstmals klar, dass die Berliner Fayencebäcker Gerhard Wolbeer und sein Schüler und späterer Konkurrent Cornelius Funcke nach der Jahrhundertwende 1700 sukzessive ein eigenes Formenrepertoire, typische Dekore und neue Farben entwickelten. Die Arbeit der Berliner Kunsthistorikerin Christiane Keisch hat die Forschung über diese Fayencen einen Schritt weitergebracht. Sie fand heraus, dass Cornelius Funcke in Berlin als erster in der Lage war, Fondfarben zu produzieren. Im Gegensatz zur Motivzeichnung muss die Fondfarbe einen größeren Bereich gleichmäßig decken. Das ist einfacher gesagt als getan, denn im Brennprozess verziehen sich die Farben, bilden Risse und Ausplatzungen. Um die Rezepte seiner Farben wurde Funcke sogar von Johann Friedrich Böttger, dem großen Meißener Chemiker, beneidet und gefürchtet. Das was in den Berliner Fayencemanufakturen im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts geschah, war, bedingt durch die wirtschaftlichen Voraussetzungen, die der Große Kurfürst und vor allem König Friedrich I. genehmigten, eine Revolution in der Fayencetechnik, aber gleichfalls auch eine bedeutende Veränderung in der Erfindung einer neuen deutschen Gefäßkultur. Die hier vorgestellte, über viele Jahrzehnte entstandene Sammlung bringt uns diese Entwicklung deutlich vor Augen, genauso wie die Liebe zur keramischen Gestaltung, die Sorgfalt der Ausformung und die Würdigung des Gefäßes.

Provenienz

Sotheby´s London am 7. Oktober 1986, Lot 193.
Niedersächsische Privatsammlung.

Literaturhinweise

Vgl. Kat. Herrliche Künste und Manufacturen, Berlin 2001, Nr. 20.

Lot 101 Dα

Schätzpreis:
1.000 € - 1.500 €

Ergebnis:
938 €