Fermo Ghisoni - Adonis

Fermo Ghisoni - Adonis - image-1
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Fermo Ghisoni

Adonis

Öl auf Leinwand. 170 x 115 cm.

Am 20. Oktober 1545 berichtet Kardinal Ercole Gonzaga in einem Schreiben an den Gelehrten Paolo Giovio, dass der Mantuaner Hofkünstler Fermo Ghisoni in Rom weile. Ercole Gonzaga war nicht irgendwer; er war Bischof von Mantua, als Onkel des unmündigen Francesco führte er die Regierungsgeschäfte des Herzogtums Mantua. Bekanntlich zählte der Mantuaner Hof zu den prächtigsten und kunstsinnigsten in Italien, Künstler wie Andrea Mantegna, Giulio Romano, Domenico Fetti und Peter Paul Rubens waren dort als Hofkünstler tätig. Der Brief verdeutlicht, wie zwischen Höfen und Kunstzentren Informationen über Künstler und Kunstwerke ausgetauscht wurden. Er ist in unserem Fall von Interesse, weil er Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte und die Datierung des vorliegenden Gemäldes erlaubt, den Adonis des Fermo Ghisoni.
Das Gemälde zeigt, fast in Lebensgröße, einen nackten Jüngling, der in elegantem Kontrapost steht und den Betrachter anblickt. Er hält mit der Linken einen Speer, den rechten Arm hat er in die Hüfte gestemmt. Er ist unbekleidet, nur ein dünner Umhang bedeckt den Oberkörper und den linken Unterarm. Der Stoff des Mantels flattert wie von einem sanften Windstoß bewegt und umspielt den auf einen Felsstück aufgestützten Arm. An der Seite des Jünglings sieht man einen Jagdhund, der treu zu ihm emporblickt.
Wir wissen heute nicht mehr, wer der Auftraggeber dieses Gemäldes war. Wir können jedoch davon ausgehen, dass dieser Auftraggeber, wie jeder andere kunstsinnige Betrachter jener Zeit, in dem männlichen Akt unmittelbar die Referenz zu einer berühmten antiken Statue gesehen hat, den Adonis, der sich damals in der Sammlung des päpstlichen Leibarztes Franceso Fusconi befand (vgl. Abb. 1). Die Statue war zuvor in Rom entdeckt worden und galt - auch noch in späteren Jahrhunderten - als eine der schönsten Antiken Roms. Fermo Ghisoni muss sie während seines Romaufenthaltes 1545 in der Sammlung Fusconis gesehen haben. Vergleicht man das vorliegende Gemälde mit der antiken Statue, wird deutlich, dass sich Ghisoni im Wesentlichen an die Vorlage hielt, wobei er die fehlende linke Hand ergänzte und den Kopf des Ebers fortließ. Lucco datiert das Gemälde in das Jahr 1546 und damit kurz nach der Rückkehr des Künstlers aus Rom. Er geht zudem davon aus, dass es sich bei der Darstellung tatsächlich um den schönen jungen Adonis handelt, von dessen tragischem Ende die antike Mythologie erzählt. Dies ist erwähnenswert, denn bereits zu jener Zeit gab es eine gelehrte Debatte, ob die antike Statue Adonis oder Meleager darstelle. Während zunächst Adonis favorisiert wurde (auch vom damaligen Eigentümer), setzte sich später Meleager durch; als Meleager Pighini, benannt nach einem späteren Eigentümer, ist die Statue heute bekannt (vgl. Francis Haskell u. Nicholas Penny: Taste and the Antique. The Lure of Classical Sculpture 1500-1900. London 1981, S. 263-265).
Ein Gemälde, das derart auf eine berühmte antike Statue in Rom rekurriert, muss in Mantua Gefallen gefunden haben, besaß der herzogliche Hof doch eine eigene ansehnliche Antikensammlung. Einer der späteren Mantuaner Herzöge sollte - vergeblich - versuchen, den Meleager Pighini zu erwerben. Die vorliegende Darstellung des Adonis stellt eines der seltenen identifizierten Werke Fermo Ghisonis dar, der zu den Künstlern im Umkreis Giulio Romanos zählte, die an der malerischen Ausstattung des Palazzo del Tè mitwirkten, dem manieristischen Gesamtkunstwerk par excellence.

Abb. 1/Ill. 1: Meleager Pighini, Rom/ Rome, Musei Vaticani © bpk

Zertifikat

Prof. Dr. Mauro Umberto Lucco, Bazzano 9.1.2018.

Provenienz

Schweizer Privatsammlung.

Lot 2013 Nα

Schätzpreis:
40.000 € - 50.000 €

Ergebnis:
50.000 €