Lyonel Feininger - Stilleben auf blauem Tisch

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Lyonel Feininger

Stilleben auf blauem Tisch
1911

Öl auf Leinwand 55 x 75 cm Unter Glas gerahmt. Am unteren Bildrand braun signiert 'Feininger'. - Partiell mit feinem Craquelé.

Gleich Lebewesen sind die einzelnen Objekte dieses bedeutenden frühen Stilllebens von Lyonel Feininger charakterisiert: so scheint der Öllampe in ihrer eigentümlichen Form ein Eigenleben innezuwohnen, die Tassen recht unorthodox platziert und die Orangen kullern um die dickbauchige Kanne mit Holzgriff in ihrer Keramikschale herum. Dieselbe Metallkanne mit Holzgriff ist bereits 1907 prominentes Objekt in dem „Stilleben mit grüner Kanne“, einem der ersten, in Paris entstandenen - heute in der Berliner Nationalgalerie bewahrten - Gemälde Lyonel Feiningers sowie in einem Stillleben mit ebenjener Kanne und einer hellgrauen Keramikvase (s. Vergleichsabbildungen).
Im Wechsel von erhöhter An- und Aufsicht auf das Arrangement des Tisches sorgen die Perspektiven für Bewegung in unserem Stillleben. Die Objekte scheinen auf den Betrachter zu, den Tisch hinab zu rutschen. Dazu unterstützt das überschnittene Bildformat die Unmittelbarkeit der Szenerie. Zartes Grün mildert den intensiven Komplementärkontrast von Blau und Orange und unterstreicht das Leuchten von Zinn und Messing. Mediterran in der Formgebung, scheinen auch die Farben an den Midi zu erinnern; die Gemälde von Cézanne und Matisse kommen einem in den Sinn.
Feininger beteiligt sich bereits 1904 mit seinen Karikaturen an Ausstellungen. Als Karikaturist entwickelt er für verschiedene Zeitschriften Comic strips und Figuren, wie die „Frau mit rotem Haar“ oder den „Mann mit Zylinder“, die er fortan auch als feste Typen in seiner Malerei etabliert. Der Blick für das Skurrile und sein Sinn für Humor werden sich weiter durch sein Werk ziehen: „Die Geburt der deutschen Moderne aus dem Geist der Karikatur, die entscheidenden Protagonisten für diese These sind Kubin, Klee, Grosz und Feininger. Formal bietet die Karikatur einen Freibrief für alle Abweichungen von der Regel. Übertreibung, Verzerrung und Deformation machen sie ebenso zu einer Vorschule der Moderne wie ihre Obsession für bizarre Formmischungen. Inhaltlich korrespondiert solcher Phantastie der Formen die Vorliebe der Karikatur für Scherz, Satire, Ironie und für die Verstandesschärfe der Aufklärung ebenso wie für alle möglichen Abgründe der menschlichen Psyche (…).“ (Peter-Klaus Schuster, Prisma-Ismus, in: Ausst. Kat. Feininger - Von Gelmeroda nach Manhattan, Berlin/München 1999, S. 239)
Verschiedene Aufenthalte in Paris bringen dem Maler die Werke der französischen Avantgarde näher. Im Entstehungsjahr unseres Stilllebens, 1911, stellt Feininger mehrere Arbeiten in der Pariser Megaveranstaltung der „Société des Indépendants“ aus, die mit 6 800 Werken von Kandinsky, Lehmbruck, Léger, Delaunay u.a. aufwartet. Große Aufmerksamkeit erlangen die Gemälde der Kubisten Metzinger und Gleizes. Durch die Begegnung mit dem Kubismus ändert sich auch Feiningers Naturauffassung; kubistische und prismatische Strukturen finden Eingang in seine Malerei. Ein Blick zurück auf die vier Jahre zuvor gemalten Kannenstillleben offenbart die Neuerungen und die außergewöhnliche Modernität des aus langjährigem Privatbesitz stammenden Gemäldes „Stilleben auf blauem Tisch“.

Werkverzeichnis

Hess 62

Zertifikat

Wir danken Ulrich Luckhardt, Ingelheim, für ergänzende Hinweise zum Werk.

Provenienz

Privatbesitz, London; Galerie Grosshennig, Düsseldorf (1965); ehemals Sammlung Richard König, Duisburg; seitdem Familienbesitz, Rheinland

Ausstellung

Düsseldorf 1964/1965 (Galerie Grosshennig), Meisterwerke des 19. und 20. Jahrhunderts. Gemälde - Plastik - Aquarelle, S. 23 mit Farbabb.

Lot 11 D

Schätzpreis:
400.000 € - 600.000 €

Ergebnis:
692.000 €