Kaiserlicher Schreibtisch von David Roentgen

Kaiserlicher Schreibtisch von David Roentgen

Thuja auf Mahagoni und Eiche, vergoldete Bronze und Messing. Multifunktionstisch auf acht abschraubbaren, verjüngten Vierkantbeinen, vierseitig dekoriert mit milleraie-Bändern. Gerade Zarge mit Mittelschub, darüber eine ausziehbare Platte, seitlich umlegt mit einer niedrigen Bronzegalerie. Architektonisch gestalteter großer Aufsatz mit einem großen Mittefach hinter einer Jalousie und zwei flachen Seitenkästen mit je einem herausspringenden Schub. Im rechten Schub drei Fächer für Tintengefäße. Unter der Platte zwei Hebel zum Öffnen der seitlich herausspringenden Schubkästen. Allseitige sehr feine symmetrische Furniermaserung, alle Füllflächen umlegt mit Perlbändern, die Ecken des mittleren Aufsatzes optisch betont durch je drei mit Messing gefüllte Kanneluren unter Rosettenbeschlägen. Das Mittelfach bekrönend eine kreisförmig durchbrochene Galerie mit acht kleinen Balustervasenaufsätzen. Die vier mittleren Beine ergänzt, ebenso die an den Rosetten des Aufsatzes befestigten Lorbeerfestons. H 112, B 113, T 60,5 cm.
Neuwied, um 1785.

Nach dem Erwerb auf der Auktion in Monaco wurde der verschlossene Tisch in das Bayerische Nationalmuseum gebracht, wo der Schlüssel des Paralleltisches zum Öffnen diente und für dieses Exemplar kopiert wurde. Das Schloss mit seiner Schlüsselführung in doppelter Dreipassform liegt in der vorderen Schubfront, nicht versteckt aber unauffällig. Das Besondere dieses Möbels wird vor allem durch seine außergewöhnlichen Details definiert, durch die Federmechanismen zum Öffnen der versteckten Schübe und durch die luxuriöse Innenausstattung in dem rötlich schimmernden Mahagoniholz mit dem feinen gleichmäßigen Maserverlauf.
In München entschied man sich auf Anraten der Restauratoren das Möbel optisch zu vervollständigen. Da man das ursprüngliche Bild des Möbels nicht kannte, musste das Münchner Möbel als Vorbild dienen. Die vier mittleren Beine wurden genau wie beim Münchner Schreibtisch ergänzt, ebenso wie der zentrale Schleifenbeschlag und die prachtvollen Lorbeergirlanden, die an den Rosettenbeschlägen aufgehängt sind. Die Schraubgewinde der vier neuen Beine wurden exakt dem Innengewinde angepasst, so dass sie genau wie die vier originalen Beine für den Transport abschraubbar sind. Dadurch ist sozusagen ein Zwillingsmöbel zum Münchner Exemplar entstanden, das sich nur in wenigen Details unterschieden lässt.

Provenienz

Aus dem Besitz Kaiser Wilhelms II., der das Möbel kurz nach 1918 erwarb.
Verst. Sotheby´s Parke Bernet, Monaco, am 12. Februar 1979, Lot 393.
Rheinische Privatsammlung.

Literaturhinweise

Abgebildet bei Fabian, Abraham und David Roentgen. Das noch aufgefundene Gesamtwerk ihrer Möbel- und Uhrenkunst in Verbindung mit der Uhrmacherfamilie Kinzing in Neuwied. Leben und Werk, Verzeichnis der Werke, Quellen, Bad Neustadt 1996, S. 148f, Nr. 184.
Ein nahezu identisches zweites Möbel (ehemals Besitz des Grafen Alexander Serjewitsch Stroganoff, heute als Dauerleihgabe im Bayerischen Nationalmuseum) ibd. unter Nr. 185 bzw. bei Greber, Abraham und David Roentgen. Möbel für Europa, Bd. 2, Starnberg 1980, Abb. 693.
S.a. auch Greber, Abb. 701 (ein kleiner Damenschreibtisch im Neuen Palais in Potsdam).

Lot 402 Dα

Schätzpreis:
150.000 € - 200.000 €

Ergebnis:
262.500 €