Georges de La Tour - Mädchen, in ein Kohlebecken blasend (La Fillette au braisier)

Georges de La Tour

Mädchen, in ein Kohlebecken blasend (La Fillette au braisier)

Öl auf Leinwand. 76 x 55 cm (oben 7 cm angefügt).
Signiert oben rechts: ... a Tour.

Eine Exportgenehmigung für dieses Lot wird erteilt.

La fillette au braisier ist ein spätes Meisterwerk Georges de La Tours, das zwischen 1646 und 1648 entstanden ist. Es zählt zu dem kaum mehr als etwa 48 Werke umfassenden Corpus der eigenhändigen Gemälde des Künstlers und ist eines der wenigen signierten Bilder von seiner Hand. Die Vielzahl der Publikationen, aber auch die Präsentation in einer Reihe bedeutender Ausstellungen - darunter die Pariser Retrospektive im Grand Palais 1997 -, zeugen von der Wertschätzung für dieses Werk. Von seiner Wertschätzung zeugen auch die zuweilen überschwänglichen Einschätzungen der Forscher über dieses Gemälde: La beauté rustique du modèle, la source lumineuse unique, la simplification des formes, tout fascine dans ce petit chef-d´œuvre, schreibt etwa Pierre Rosenberg (Rosenberg 2006, op. cit., S. 372). Seit nunmehr 45 Jahren befindet sich La fillette au braisier in der Sammlung Bischoff. Es ist damit eines der wenigen Werke Georges de La Tours in Privatbesitz, es ist überhaupt die letzte Nocturne, das letzte Spätwerk des Künstlers in privater Hand.
Das Werk entzieht sich eigentlich einer Beschreibung, jedes Wort scheint zu viel, denn obgleich es ein Genrestück darstellt, ist es geprägt von einer kontemplativen Stille, einer außergewöhnlichen Zeitlosigkeit (Mai 1993, op. cit., S. 153): Das Mädchen, im Profil wiedergegeben, schaut hinab und bläst in die Glut in einem kleinen Kohlebecken. Die Glut stellt die einzige Lichtquelle im Bild dar, sie taucht das Gesicht, den Hals und die Brust des Mädchens in ein warmes dämmriges Licht. Der Hintergrund ist in Dunkel getaucht, kein anekdotenhaftes Detail, kein Beiwerk lenkt ab von der Erscheinung des Mädchens, das gänzlich versunken ist in seine Tätigkeit. Immer wieder ist die Erscheinung des Mädchens (charme reelle), die Subtilität des Bildlichts (belle unité lumineuse), die Ökonomie der Gestaltung und die malerische Brillanz hervorgehoben worden, die etwa die souveräne Wiedergabe der Glut offenbart (une qualité picturale digne du maître; Cuzin 1997, op. cit., S. 262). Die Ökonomie in der Verwendung der malerischen Mittel zeigt sich in den wenigen Pinselstrichen, mit denen der Widerschein des Lichts auf dem Ärmel erfasst ist. Wie subtil Georges de La Tour überhaupt das Bildlicht einsetzt, verdeutlicht die Hand, die das Kohlebecken hält und hauchzart beleuchtet wird, oder der Kontur des Kopfes, der im Dunkeln bloß schemenhaft angedeutet ist.
Die Verwendung eines nuancierten künstlichen Bildlichts und die geometrische Vereinfachung der Figur sind charakteristisch für das Spätwerk des Künstlers. Pierre Rosenberg datiert das Gemälde um 1646, Jean-Pierre Cuzin plädiert für eine Entstehung zwischen 1646 und 1648, Jacques Thuillier zählt es zu einem der spätesten eigenhändigen Werke Georges de La Tours. Thurnherr vergleicht es stilistisch mit dem Hl. Sebastian, von Irene gepflegt des Musée du Louvre (Abb. 1; Musée du Louvre, Inv.-Nr. R.F. 1979-53).
Unter den Bildern, die man zu Georges de La Tours späten Genrestücken zählt, ist La fillette au braisier ohne Zweifel das bedeutendste. Die Popularität des Motivs und die Bedeutung der Bilderfindung verdeutlichen die zahlreichen Kopien, die sich erhalten haben (Cuzin 1997, op. cit., S. 262). Ein Aspekt, der bis heute diskutiert wird, betrifft die Frage, ob es ein Pendant zu La fillette au braisier gegeben hat. Rosenberg hat bereits 1972 diese Möglichkeit ins Spiel gebracht und den Jungen, eine Fackel entzündend im Fuji Art Museum in Tokyo als Kandidaten genannt (Abb. 2; Tokyo, Fuji Art Museum, Inv.-Nr. 1236-AB047; Rosenberg 1973, op. cit., S. 176; Rosenberg 2006, op. cit., S. 372). Aufgrund leicht abweichender Maße, der offenen Frage der Datierung und der Eigenhändigkeit des Gemäldes in Tokyo sehen andere wie Cuzin (Cuzin 1997, op. cit., S. 262) und Thuillier (Thuillier 1997, op. cit., 254) diese These skeptisch. Zugunsten der These ist eine Werkstatt-Replik angeführt worden, die tatsächlich beide Kompositionen als Pendants behandelt (Ex-Sammlung Koelliker, Mailand; Auktion, Sotheby´s, New York, 29.1.2009, Lot 28); möglich ist jedoch, dass die Beliebtheit des Themas die Werkstatt dazu veranlasst hat, bei der Schaffung einer Replik zwei eigenständige Kompositionen zu Gegenstücken zu vereinen.
Georges de La Tour hat das Motiv des Mädchens oder Jungen im Schein einer künstlichen Lichtquelle bereits in den 1630er Jahren behandelt. Als erste erhaltene Darstellung gilt ein Bild im Musée des Beaux-Arts in Dijon (Abb. 3, Inv.-Nr. DG 827), und es wird vermutet, dass es weitere solcher Darstellungen gegeben hat. Mit dem Motiv greift Georges de La Tour ein traditionsreiches Thema auf, das seinen - literarischen - Ursprung in einer berühmten Ekphrasis der Antike hat. Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis Historia (Buch XXXIV) unter anderem von einem Bild des Antiphilus, das einen Jungen, eine Fackel entzündend, darstellt. Es sind dann die Utrechter Caravaggisten, die es im nordalpinen Kunstraum verbreiten - von ihnen dürfte Georges de La Tour seine Anregungen erhalten haben. Wie anders - und einzigartig - seine Behandlung des Themas ist, verdeutlich der Vergleich der Fillette au braisier mit Gerrit van Honthorsts Darstellung des modisch gekleideten Jungen, der keck den Betrachter anschaut, während er eine Fackel anbläst (Abb. 4, Chicago, Art Institute of Chicago, Inv.-Nr. 2018.135).
Als das Sammlerpaar Bischoff im Jahr 1975 in der Versteigerung bei Lot 82 die Hand hob, ersteigerten sie ein Meistwerk Georges de La Tours, dessen Werkgeschichte die fortune critique des Künstlers widerspiegelt. Es ist heute schwer vorstellbar, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts Georges de La Tour für die Kunstwelt ein Unbekannter war, dessen Werke anderen französischen, niederländischen oder spanischen Meistern zugeschrieben wurden. Erst ein kurzer, gleichwohl epochaler Aufsatz von Hermann Voss 1915 holte ihn aus der Vergessenheit zurück, die Ausstellungen und Publikationen der frühen 1970er Jahre, vor allem die Forschung Pierre Rosenbergs und Jacques Thuilliers, gaben dem Schaffen des Künstlers eine klare Kontur. So erklärt sich, dass Meistwerke Georges de La Tours auch in bedeutenden Museumssammlungen, im Metropolitan Museum of Art, im Museo Nacional del Prado und sogar im Musée du Louvre erst spät angekauft worden sind. Wie der Pariser Hl. Sebastian, von Irene gepflegt (vgl. Abb. 1), wurde das vorliegende Gemälde erst 1940 in Toulouse entdeckt, zunächst von der Fachwelt diskutiert, um dann einhellig den Status eines späten Meistwerks zu erhalten.
Georges de La Tours Stellung innerhalb der französischen, der westlichen Malerei des 17. Jahrhunderts ist singulär. Er war nicht an einem der Kunstzentren oder fürstlichen Höfe Europas, in Rom, Florenz oder Paris tätig, sondern im heimatlichen Lothringen, in Lunéville. Seine Behandlung der Realität im Frühwerk, seine kontemplative, poetische Behandlung des Bildlichts im Spätwerk sind einzigartig und die Forschung hat in immer neuen Anläufen versucht, das Phänomen seiner Kunst zu ergründen. Dass die Kunst Georges de La Tours rätselhaft geblieben ist, liegt auch darin begründet, dass über sein Leben mittlerweile viel bekannt ist, seine künstlerischen Beziehungen jedoch im Dunklen liegen und nach wie vor Fragen aufwerfen. Hat er sich - wie andere Lothringer Künstler - in Italien aufgehalten? Wenn ja, wo? In Rom? In Florenz? Wie kam er mit der internationalen Bewegung des Caravaggismus in Berührung? Welche Bedeutung hatte ein Aufenthalt in Paris? Kannte er Niederländer wie Hendrick ter Brugghen und Gerrit van Honthorst persönlich? Oder nur deren Werke? Vor allem die Frage einer möglichen Italienreise wird bis heute kontrovers diskutiert. Außer Frage steht, dass es sich bei La Fillette au braisier um ein bedeutendes Nachtstück und Spätwerk Georges de La Tours handelt - das letzte in privater Hand.

Provenienz

Ca. 1940 in Toulouse entdeckt. – Kunstmarkt, Nizza. – Ca. 1947 erworben von Jean Néger, Paris. – Auktion Sotheby’s, London, 26.6.1957, Lot 60, für £2,500 an Johnson. – Auktion Sotheby’s, London, 10.7.1968, Lot 47, für £25.000 an Spencer Samuels. – Spencer Samuels, New York. – Fletcher Jones (verstorben 1972). – Nachlassversteigerung Fletcher Jones, Christie’s, London, 28.11.1975, Lot 82, für £17,850.

Literaturhinweise

Georges Isarlo: "À la Sorbonne. Georges de La Tour", in: Arts, 4.7.1947, S. 1, 4. – François-Georges Pariset: Georges de La Tour. Paris 1948, S. 267, Abb. Tafel 40. –
Hans Haug (Hg.): Ausst.-Kat. „Chefs-d’œuvre de l’Art Alsacien et Lorrain“, Paris, Musée des Arts Décoratifs, 1.10.-30.11.1948, Nr. 490, Abb. Tafel 142. – Marcel Arland und Anna Marsan: Georges de La Tour. Paris 1953, Nr. 20, Abb. 20a-b. – Gilberte Martin-Méry (Hg.): Ausst.-Kat. „La Peinture en Espagne et en France autour du Caravaggisme“, Bordeaux, Musée des Beaux-Arts, 1955, Nr. 102. – Pontus Grate und Per Bjurström (Hgg.): Ausst.-Kat. „Fem Sekler Fransk Konst. Miniatyrer, målningar, teckningar, 1400-1900“, Stockholm, Nationalmuseum, 15.8.-9.11.1958, Nr. 34. – Boris Lossky (Hg.): Ausst.-Kat. „Das 17. Jahrhundert in der französischen Malerei", Kunstmuseum Bern, 1.2.-31.3.1959, Nr. 45. – Hidemichi Tanaka: L’Œuvre de Georges de La Tour. Doctoral diss., Straßburg 1959, S. 83. – Georges Isarlo: „À l’exposition de l’Orangerie. Georges de La Tour, peintres de mœurs et de clandistinités“, in: Combat-Art. Nr. 141, 1972, S. 10. – Benedict Nicolson and Christopher Wright: „Georges de La Tour et la Grande Bretagne“. In: La Revue du Louvre et des Musées de France, 1972, S. 136. – Hidemichi Tanaka: L’œuvre de Georges de La Tour. Tokio 1972, S. xxv, Nr. 13. – Pierre Rosenberg und Jacques Thuillier (Hgg.): Ausst.-Kat. „Georges de La Tour“, Paris, Orangerie des Tuileries, 10.5.-25.9.1972, S. 259, unter Nr. 58. – Jacques Thuillier: Georges de La Tour. Mailand 1973, S. 97, Nr. 59, Abb. S. 96. – Pierre Rosenberg und François Macé de L’Épinay: Georges de La Tour. Freiburg 1973, S. 176, Abb. Nr. 54 – François Solesmes: Georges de La Tour. Lausanne 1973, S. 156, Abb. S. 105. – Benedict Nicolson und Christopher Wright: Georges de La Tour. Oxford 1974, S. 14, 50-1, 54, 200, Kat. Nr. 66, Abb. 61 und 113. – Benedict Nicolson: The International Caravaggesque Movement. Oxford 1979, S. 65. – Hidemichi Tanaka: „Problème de l’école de Georges de La Tour. À propos d’une nouvelle 'Fillette au braisier'“, in: Art History, Tokyo 1979, Abb. 2. – Victor Stoichita: Georges de La Tour. Budapest 1980, Abb. Tafel 45. – T. Bajoy: De La Tour. Paris 1985, S. 95. – Benedict Nicolson und Luisa Vertova: Caravaggism in Europe. Turin 1989, Bd. I, S. 135, Bd. II, Abb. 917. – Marina Mojana: Georges de La Tour. Paris 1992, Abb. Nr. 41. – Jacques Thuillier: Georges de La Tour. Paris 1992, S. 294, Abb. Nr. 73 (und in erweiterter Neuauflage 1997). – Ekkehard Mai: Das Kabinett des Sammlers. Köln 1993, S. 153-155, Abb. Nr. 61. – Francine Roze: „Présentation d’une œuvre nouvelle du Musée historique lorrain. Saint Jérôme lisant“, in: Actes du colloque de Vic-sur-Seille 9-11 septembre 1993, Vic-sur-Seille 1994, S. 115. – Christopher Wright: The Masters of Candlelight. An Anthology of Great Masters Including Georges de La Tour, Godfried Schalcken, Joseph Wright of Derby, Landshut 1995, Nr. 40. – Jean-Claude Le Floch: La Tour. Le clair et l’obscur, Paris 1995, S. 46. – Philip Conisbee (Hg.): Ausst.-Kat. „Georges de La Tour and His World“, Washington DC, National Gallery of Art, 6.10-5.1.1997, S. 137, Abb. Nr. 82. – Jean-Pierre Cuzin, in: Jacques Thuillier, Jean-Pierre Cuzin und Pierre Rosenberg (Hgg.): Ausst.-Kat. „Georges de La Tour“, Paris, Grand Palais, 3.10.1997-26.1.1998, S. 262-263, Abb. Nr. 59. – Jean-Pierre Cuzin: „Après l’exposition La Tour“. In: La Revue du Louvre et des Musées de France, 1998, S. 62. – Jean-Pierre Cuzin und Dimitri Salmon: Georges de La Tour. Histoire d’une redécouverte, Paris 1997, S. 100. – Pierre Rosenberg: La Tour. Mailand 1998, S. 124, Abb. Nr. 39. – Jean-Pierre Cuzin: „La Tour en 2005. Dix questions“, in: Jean-Pierre Cuzin und Akiya Takahashi (Hgg.): Ausst.-Kat. „Georges de La Tour“. Tokio, National Museum of Western Art, 8.3.-29.5.2005, S. 212. – Pierre Rosenberg (Hg.): Ausst.-Kat. „Poussin, Watteau, Chardin, David…. Peintures françaises dans les collections allemandes XVIIe – XVIIIe siècles“, Paris, Grand Palais, 18.4.-31.7.2005, S. 372, Nr. 78, Abb. S. 133. – Laurent Thurnherr, in: Dimitri Salmon und Andrés Úbeda de los Cobos (Hgg.): Ausst.-Kat. „Georges de La Tour 1593-1652“, Madrid, Museo Nacional del Prado, 23.2-12.6.2012, S. 158-159, Abb. Nr. 30.

Ausstellung

Chefs-d’œuvre de l’Art Alsacien et Lorrain, Paris, Musée des Arts Décoratifs, 1.10.-30.11.1948, Nr. 490. – Cent Portraits de Femmes du XVe siècle à nos jours, Paris, Galerie Charpentier, 1950, Nr. 32. – La Peinture en Espagne et en France autour du Caravaggisme, Bordeaux, Musée des Beaux-Arts, 1955, Nr. 102. – Fem Sekler Fransk Konst. Miniatyrer, målningar, teckningar, 1400-1900, Stockholm, Nationalmuseum, 15.8.-9.11.1958, Nr. 34. – Das 17. Jahrhundert in der französischen Malerei, Kunstmuseum Bern, 1.2.-31.3.1959, Nr. 45. – London, Courtauld Institute Galleries, 1972, als Leihgabe nach Reinigung. – Kunsthalle Bremen, als Leihgabe, 1976-1980. – Georges de La Tour, Paris, Grand Palais, 3.10.-26.1.1998, Nr. 59. – Georges de La Tour, Vic-sur-Seille, Musée départemental, als Leihgabe, 2003-2004. – Poussin, Watteau, Chardin, David…. Peintures françaises dans les collections allemandes XVIIe – XVIIIe siècles, Paris, Grand Palais, 18.-31.7.2005, Nr. 78. – Poussin, Lorrain, Watteau, Fragonard…. Französische Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts aus deutschen Sammlungen, Munich, Haus der Kunst, 5.10.2005-8.1.2006. – Poussin, Lorrain, Watteau, Fragonard…. Französische Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts aus deutschen Sammlungen, Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 3.2.-30.4.2006. – Georges de La Tour 1593-1652, Madrid, Museo Nacional del Prado, 23.2.-12.6.2012, Nr. 30.

Lot 11 Dα

Schätzpreis:
3.000.000 € - 4.000.000 €

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