Asger Jorn - Dichter & Denker

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Asger Jorn

Dichter & Denker
1962

Öl auf Leinwand. 100 x 81 cm. Gerahmt. Signiert 'Jorn'. Rückseitig auf der Leinwand signiert, datiert und betitelt 'Dichter & Denker 1962 Jorn' sowie mit Widmung.

„Hüten Sie sich vor Asger Jorn, wenn Sie Widersprüche nicht vertragen. Seine trunkensten, freudigsten Farben - glühende Grün, Gelb, Rot und Blau - schatten Traurigkeit. […] Wenn etwas mühselig erarbeitet scheint oder den Eindruck erweckt, man hätte es schon irgendwo gesehen oder wenn es aussieht, als kenne man es nicht - dann ist es kein Jorn. Wenn man nicht sicher ist, ob er tatsächlich höchst persönlich und intim mit jedem einzelnen seiner Trolle, Ungeheuer und Satyre auf vertraulichstem Fuße steht - dann ist es kein Jorn. Erwarten Sie nicht, dass Jorns Kreaturen unbedingt aus den alten nordischen Wäldern kommen müssen, in denen sie einst gehaust haben. Jorn holt sie sich auch aus den großen Städten, aus dem südlichsten Süden […]." (John Lefebre, in: Asger Jorn, Ausst. Kat. Kestner-Gesellschaft Hannover 1973, S. 7). In dieser „Warnung vor Asger Jorn" verortet John Lefebre den Künstler treffend im Spannungsfeld zwischen der mystischen Sagenwelt seiner skandinavischen Heimat, die mit ihrer archaischen Kraft die inspirierende Grundlage seines künstlerischen Schaffens bildet, und seiner europäischen Weltläufigkeit. Umfassend gebildet und interessiert, mehrsprachig, mit den besten Kontakten in die europäischen Kunstzentren und ständig auf Reisen, schafft er mit leichter Hand und unermüdlicher Schaffenskraft ein gewaltiges Oeuvre, das auch Skulpturen, Keramiken und Tapisserien mit einschließt. Ergänzt wird das bildnerische Werk durch seine schriftstellerischen Arbeiten, in denen er sich mit Naturwissenschaften oder Politik ebenso fundiert befasst wie mit Ästhetik und der Symbolwelt der Volkskunst.
Als Gegenpol zu seinen intellektuellen Auseinandersetzungen schwingen phantastische Mythen in Jorns Gedankenwelt stets im Hintergrund mit, er entdeckt verborgene Phänomene überall im alltäglichen Dasein und lädt die ihn umgebenden Dinge mit magischer Bedeutung auf. In seinen bildnerischen Werken brechen sich diese tiefliegenden metaphysischen Wahrnehmungen in einem automatistischen Malprozess Bahn.
In dieser Auktion können vier Bilder von Asger Jorn angeboten werden, die die Entwicklung seiner Malerei über zwei Jahrzehnte hinweg nachzeichnen. Das frühe, unbetitelte Gemälde von 1942 (Lot 65) steht in seiner lichten Farbigkeit und den frei gesetzten Farbflächen noch unter dem Einfluss der École de Paris, die Jorn während seiner Zeit in der französischen Hauptstadt 1936/1937 als Schüler von Fernand Léger und als Mitarbeiter von Le Corbusier intensiv kennenlernt. Die sich von links in die Bildfläche hineinschiebenden verschatteten Bereiche kündigen bereits die nach und nach in sein Schaffen vordringenden mysteriösen Themen der Traum- und Sagenwelt an.
Die beiden Arbeiten aus den 1950er Jahren sind ganz diesen dramatischen Mythen verschrieben und stehen damit im Einklang mit den Grundsätzen der COBRA-Bewegung, die Jorn 1948 mitbegründet. „Ohne Titel" aus dem Jahr 1953 (Lot 66) reißt in seiner starken Bewegtheit den Betrachter mitten hinein in ein unbekanntes, rätselhaftes Abenteuer: ein Schiff im Sturm, eine zerrissene Landschaft, das mit Zähnen bewehrte Maul eines Ungeheuers lassen sich herauslesen. Die Darstellung ebenso wie die Signatur scheint in fiebriger, urwüchsiger Kraft auf den Malgrund geworfen zu sein.
Zwei schwarze, dämonische Gestalten bahnen sich in „On suit son chemin" von 1956 (Lot 68) ihren Weg durch eine helle Landschaft. Die Geister, Ungeheuer, Masken und Chimären, die in Jorns Bildern präsent sind, entstammen der Volkskunst und den uralten Legenden, die er und seine COBRA-Mitstreiter als fundamentalen Bestandteil der Alltagswelt begreifen. „Man kann nur zur Wahrheit kommen, indem man seine Phantasie für die unglaubwürdigsten Bilder wie die von Bosch und Brueghel einsetzt, aber dann in einer bildnerischen Sprache wie bei den alten Indianern, Wikingern, Primitiven und nicht in einer surrealistisch-naturalistischen Sprache. Wir sollen keine Beschreibungen des Menschen als Tier geben. Aber sollen uns selbst als Tier beschreiben. Das ist unser Weg.", schreibt Jorn 1950 an Constant (zit.nach: Ausst.Kat. Asger Jorn 1914-1973. Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Skulpturen, Lenbachhaus München 1987, S. 34f.).
„Dichter & Denker", 1962 entstanden (Lot 67), ist ein Brustbild, dem Kunsthistoriker Werner Haftmann gewidmet, und diesen wohl darstellend. Gemalt in langen, geschmeidigen Pinselbahnen vor einem nahezu monochromen Hintergrund, zeigt es sich deutlich beruhigter als die früheren Arbeiten und fällt in eine Schaffenszeit, in der sich der Künstler vielfach mit Porträts beschäftigt. Als umfassend belesener und selbst schriftstellerisch tätiger Mensch setzt sich Jorn Zeit seines Lebens mit den Schriften von Natur- und Geisteswissenschaftlern, Philosophen und Lyrikern auseinander, zugleich schätzt er die freie, gleichsam archaische Phantasie hoch ein. „Allein die Phantasie kann das Denken zu etwas Lebendigem machen. […] Die Intelligenz und das schöpferische Denken entzünden sich, wenn sie auf das Unbekannte, das Unerwartete, das Zufällige, das Ungeordnete, das Absurde und das Unmögliche stoßen", schreibt er 1958 in seinem Essay „Pour la forme" (zit. nach: Jorn, Lenbachhaus München, München 1987, S. 87).

Werkverzeichnis

Guy Atkins, Asger Jorn, The crucial years 1954 – 1964, London 1977, WVZ-Nr. 1414

Provenienz

Direkt vom Künstler; Sammlung Werner Haftmann, Berlin; Privatsammlung, Süddeutschland

Ausstellung

Humlebaek 1965 (Louisiana Foundation), Asger Jorn, Ausst.Kat.Nr.112 (mit rückseitigem Aufkleber)
Amsterdam 1964/1965 (Stedelijk Museum), Asger Jorn, Ausst.Kat.Nr.109
Basel 1964 (Kunsthalle), Asger Jorn, Eugène Dodeigne, Ausst.Kat.Nr. 92 (mit rückseitigem Aufkleber)

Lot 67 D

Schätzpreis:
100.000 € - 150.000 €

Ergebnis:
125.000 €