Tragbare Kleinorgel, sogenanntes "Bibelregal", aus dem Kloster Berlaymont in Brüssel

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Tragbare Kleinorgel, sogenanntes "Bibelregal", aus dem Kloster Berlaymont in Brüssel

Ölgemälde auf Weichholz, Resonatoren, Zungenpfeifen und Registerkarten aus Messing, die Klaviatur in Buchsbaum und Eiche furniert, zwei keilförmige Faltenbälge aus Pergament mit jeweils sechs Falten. Aus drei Bauteilen konstruierte Orgel zur Aufstellung auf einem Tisch: Ein oblonger Kasten, bestehend aus den beiden übereinandergelegten Bälgen, innen ein Hohlraum als Transportbehälter der Klaviatur. Die Kantenprofile des Kastens ebonisiert, auf den Oberseiten der Bälge jeweils ein ganzfiguriger musizierender Engel unter Rundbogen, im Arcus große Muschelornamente en grisaille. Der Rahmen der Klaviatur dreiseitig bemalt, vorne eine Leiste mit vegetabilen Ranken, auf den Seiten geflügelte Engelsköpfe. Ausgeklappte Rahmenmaße H 12,5, B 61,5, T 91 cm.
Nürnberg, zugeschrieben, letztes Viertel 16. Jh.

Wenn man einen Zeitgenossen der französischen Könige François I. (1494 - 1557) oder Henri IV. (1553 - 1610) gefragt hätte, was ein Regal ist, so wäre Verwunderung die Antwort gewesen. Denn das Instrument war so geläufig, dass die Frage sich erübrigte. Heute ist das Regal fast vergessen, obwohl einige Beispiele in großen Museumssammlungen vorhanden sind. Es handelt sich um eine tragbare Kleinorgel, die nur mit Zungenpfeifen bestückt ist und aus zwei Keilbälgen und der Klaviatur besteht. Im Fall dieses hier vorgestellten Regals bieten die Bälge übereinandergelegt innen einen Stauraum für die Klaviatur. Das Instrument hat dann fast die Dimensionen einer Bibel und durch die in diesem Fall sehr prachtvolle Außengestaltung auch die Anmutung eines Folianten. Die Deckel der Bälge entsprechen Buchdeckeln, und so kommt es, dass man von einem „Bibelregal“ spricht.

Dieses bemerkenswerte und besonders schöne Regal gehörte Marguerite de Lalaing (1574 - 1651), Gräfin von Berlaymont. Sie gründete 1625 zusammen mit ihrem Mann Florent de Berlaymont in Brüssel das Kloster Berlaymont, ein Damenstift der Augustiner-Kanonissen. Der Überlieferung zufolge war die Orgel ein Geschenk des Regenten der Spanischen Niederlande, Erzherzog Albert VII. von Österreich (1559 - 1621) und seiner Frau, der Infantin Isabella-Claire-Eugenie von Österreich (1566-1633), Tochter Philipps II. von Spanien.

Das Instrument taucht das erste Mal in dem Buch von Edouard C.G. Gregoire auf und ist dort irrtümlich beschrieben als aus dem 15. Jahrhundert stammend. Wenige Jahre später, 1876, ist uns eine detailliertere aber immer noch nicht korrekte Beschreibung der Orgel von François-Joseph Fétis überliefert: « J'ai sous les yeux un petit orgue régal qui paraît avoir été construit au quinzième siècle, et peut-être au quatorzième, car les peintures dont il est orné sont exécutées au blanc d'œuf. La largeur de la boîte qui contient le clavier, les tuyaux en cuivre et le mécanisme des soupapes n'est que de huit pouces environ, et sa hauteur, de cinq. Deux soufflets, dont les cavités lui servent d'enveloppe lorsqu'on veut transporter l'instrument, s'adaptent à des petits porte-vent saillants. Les tuyaux, dont le plus long n'a pas plus de quatre pouces et demi et huit lignes de diamètre, sont placés dans une position horizontale. Ce ne sont pas ces tuyaux qui chantent lorsque l'instrument est joué, mais les anches en cuivre qu'ils contiennent. Ces anches battent sur les parois de leur bec, ce qui donne à leur son une intensité dure et rauque qui surpasse celle de certains orgues volumineux composés d'une réunion de plusieurs jeux. Ce curieux instrument appartient au Couvent de Berlaimont à Bruxelles; on le garde comme une précieuse relique, parce que la fondatrice du couvent (morte au seizième siècle (sic)) en jouait ». (Ich habe vor mir eine kleine Orgel, die im fünfzehnten Jahrhundert gebaut worden zu sein scheint, und vielleicht im vierzehnten, denn die Malereien darauf sind in Eiweiß ausgeführt. Die Breite des Kastens, der die Tastatur, die Kupferrohre und den Ventilmechanismus enthält, beträgt nur etwa acht Zoll, die Höhe fünf. An kleinen, ausladenden Windhaltern sind zwei Bälge angebracht, deren Hohlräume als Abdeckung für das Instrument dienen, wenn es transportiert werden soll. Die Rohre, von denen das längste nicht mehr als viereinhalb Zoll und acht Linien im Durchmesser hat, sind in einer horizontalen Position platziert. Es sind nicht diese Pfeifen, die singen, wenn das Instrument gespielt wird, sondern die Messingzungen, die sie enthalten. Diese Zungen schlagen an den Wänden ihrer Mundstücke an, was ihrem Klang eine harte, rauhe Intensität verleiht, die den Klang einiger großer Orgeln übertrifft, die aus einer Kombination mehrerer Register bestehen. Dieses kuriose Instrument gehört dem Kloster von Berlaimont in Brüssel; es wird als kostbare Reliquie aufbewahrt, weil die Gründerin des Klosters (die im sechzehnten Jahrhundert starb) es spielte“.)

Patrick Collon listet in seinem Gutachten 38 weitere publizierte ähnliche und identifizierbare Kleinorgeln in zahlreichen internationalen Museums- und Privatsammlungen, darunter sind neun wie das hier vorgestellte Bibelregal. Collon schreibt das Instrument aufgrund des Parallelstücks im Germanischen Nationalmuseum Michael Klotz, Nürnberg, zu. E. Leipp vermutet auch, dass die Bibelregale in Nürnberg oder Augsburg erfunden wurden. In Nürnberg gab es zahlreiche bekannte Instrumentenbauer, und ab dem 16. Jahrhundert einige bedeutende Orgelbauer. Sie wurden sorgfältig vom Nürnberger Rat kontrolliert und durften, um nicht in Konkurrenz zu den Nürnberger Schreinern zu treten, nur einen Gesellen beschäftigen. Heute sind uns lediglich wenige Nürnberger Orgeln bekannt, die weitgehend mit den Namen Stephan Cuntz (1565 - 1629) und Nicolaus Manderscheidt (1580 - 1662) verbunden sind. Im Gegensatz zur Kirchenorgel kam das Regal im 18. Jahrhundert aus der Mode, weil sein Klang nicht mehr den Anforderungen der Zuhörer entsprach.

Zertifikat

Gutachten von Patrick Collon, Orgelbauer in Brüssel.

Provenienz

Aus dem Kloster Berlaymont in Brüssel.

Literaturhinweise

Beschrieben bei Gregoir, Histoire de l’orgue suivie de la biographie des facteurs d’orgues et organistes Néerlandais et Belges, Brüssel-Antwerpen 1865.
Beschrieben bei Fétis, Historie de la Musique, Paris 1869 - 72.
S.a. Leipp, La Régale, in: Bulletin du GAM, Faculté des Sciences Nr. 38, Paris 1968.
S.a. Mountney, The Regal, in: Galpin Society Journal XXII, London 1969.
S.a. Menger, Das Regal, Tutzing 1973.
S.a. Schindler, Der Nürnberger Orgelbau des 17. Jahrhunderts, Michaelstein 1991.
S.a. Schindler/Ulrich (HG), Die Nürnberger Stadtorgelbauer und ihre Instrumente. Orgelbaumuseum Schloss Hanstein Ostheim, Nürnberg 1995.

Ausstellung

2003 in der Kirche Saint-Michel in Gent.

Lot 34 Dα

Schätzpreis:
60.000 € - 80.000 €

Ergebnis:
118.750 €