Lot 2363 D α

Anselm Feuerbach - Bildnis des Altphilologen Theodor Heyse

Auktion 1197 - Übersicht Köln
21.05.2022, 14:30 - 19. Jahrhundert
Schätzpreis: 4.500 € - 5.500 €

Anselm Feuerbach

Bildnis des Altphilologen Theodor Heyse

Öl auf Leinwand. 50 x 40 cm.

Verso die Inschrift: "Zum Andenken von Pollikeit".

Dieses Bildnis des bedeutenden Altphilologen Theodor Heyse, Onkel Paul Heyses (Nobelpreis für Literatur 1910), ist das Zeugnis einer Freundschaft zwischen Künstler und Dargestelltem, eben zwischen Anselm Feuerbach und Theodor Heyse. Feuerbach lernte den Altphilologen in Rom im Jahr 1859 kennen, wo er seit 1856 lebte. In einem Brief an seine Mutter schildert Feuerbach in lebhaften Worten die Bekanntschaft, die er in Rom gemacht hat: “Der alte, geistreiche, poetische Doktor Heyse (wenn er lacht, ist er täuschend mein Kopf des Hafis) ist mir mitten in meiner Nacht quälender Gedanken wie ein Bote gekommen.......So hat er mir den geistigen Puls gefühlt, Menschenkenner, wie er ist, und wird mir zur Seite stehen, auch später, wenn wir getrennt sind...” (zitiert aus: Karl Quenzel: Der Maler Feuerbach, Hesse & Becker, Leipzig 1919; S.228).
Thedor Heyse ist bis heute vor allem als Übersetzer von Catulls Lieber Carminum, dem Buch der Lieder, bekannt. Dem zweiten Gedicht, Ad passerem Lesbiae (An den Sperling seiner Lesbia) verdankt Feuerbach die Inspiration für das Gemälde „Lesbia mit dem Sperling“ von 1868 (Ecker, op. cit. S. 284, Nr. 448).
Das Gedicht lautet:
Sperling meiner Geliebten kleiner Liebling,
Den im Busen sie hegt, mit dem sie tändelnd
Dem anflatternden ihre Fingerspitze
Giebt, zu Schärferen Bissen ihn zu reizen,
Wenn mein goldenes Holdchen so gelaunt ist,
Was Anmuthiges, wie sie liebt, zu spielen,
Wohl ein Tröstchen in ihrem Leib, vermein´ ich,
Daß der ängstliche Brand ein wenig ruhe:
Könnt´ ich spielen mit dir wie deine Herrin,
könnte lindern des Herzens bittre Wehen,
Wie willkommener wär´ es als dem Schnellen
Mägdlein, sagen sie, einst der goldne Apfel,
Der den lange geschlossnen Gürtel löste.

Das außergewöhnliche Bildnis passt gut zum lebhaften Bericht, den Anselm Feuerbach seiner Mutter von Theodor Heyse geschrieben hat. Die Physiognomie Heyses lässt sich mit einer Skulptur von Adolf von Hildebrand aus dem Jahr 1872 vergleichen, die etwa zwölf Jahre nach diesem gemalten Portrait entstanden ist und sich heute in der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden befindet. Vor allem der Vergleich zu dieser Büste Hildebrands vermag auch Feuerbachs Hinweis auf „mein(en) Kopf des Hafis“ zu erklären – eine Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen!

Provenienz

Ludwigshafener und Mannheimer Kunsthandel. - Slg. Christian Freund, Mannheim. - Deutsche Privatsammlung.

Literaturhinweise

Jürgen Ecker: Anselm Feuerbach - Leben und Werk - Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien, München, 1991, S. 203, Nr. 327, mit Abb.