Lyonel Feininger - An der Seine, Paris

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Lyonel Feininger

An der Seine, Paris
1912

Öl auf Leinwand, Fragment, auf Trägerleinwand (70,5 x 133,2 cm) montiert. 70 x 132 cm (Originalfassung 89 x 134 cm). Unbezeichnet.

Lyonel Feininger begann seine Künstlerkarriere als Illustrator und Karikaturist, seine ersten Gemälde entstanden erst 1907 in Paris. Ausgehend von seinen Karikaturen entwickelte er zunächst eine flächige Bildsprache mit bühnenartigen Szenerien. Das Jahr 1911 markierte dann den entscheidenden stilistischen Wendepunkt. Erneut hielt sich Feininger in Paris auf, wo er zur Teilnahme an der Ausstellung der Société des Artistes Indépendants eingeladen war. Hier wurden erstmals die Arbeiten der Kubisten gezeigt und sorgten für eine Sensation, für Feininger bedeuteten sie eine Offenbarung. Der Kubismus und der Orphismus Robert Delaunays, den er ebenfalls dort kennenlernte, statteten Feininger mit dem Handwerkszeug aus, um seine eigene Lösung für das bildnerische Raumgefüge zu entwickeln. „Jetzt erschlossen sich ihm plötzlich Möglichkeiten, die er in der Zukunft konsequent nutzen würde. Die menschliche Figur verliert ihre bildkonstitutive Stellung zugunsten der Architektur, die sich, in kubisch-kantige Formen gegossen, mit dem Raum in geometrischer Stilisierung zu übersinnlichen Visionen vereint, welche das Ausgangsmotiv allerdings niemals verleugnen.“ (Wolfgang Büche, in: Feininger, Paris 1912, op.cit., S. 21).
Während dieses zweiten maßgeblichen Paris-Aufenthaltes zeigte sich der Künstler begeistert von den in der Stadt allgegenwärtigen Pflasterarbeiten, die es ihm ermöglichten, unzählige Studien der Bauarbeiter und der auf der Seine stattfindenden Materialtransporte anzufertigen. Eine in mehreren farbigen Vorzeichnungen festgehaltene Szenerie faszinierte ihn dermaßen, dass er sie im folgenden Jahr in dem großformatigen Gemälde „An der Seine, Paris“ ausarbeitete, welches als außerordentlich rares Beispiel seiner künstlerischen Entwicklung in dieser Auktion zum Aufruf kommt.
Es befand sich lange Zeit als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) und wurde dort umfangreichen kunstwissenschaftlichen und technologischen Untersuchungen unterzogen, die die Entstehungsgeschichte des Werkes rekonstruieren. 2016 widmete das Museum dem Werk und seiner außergewöhnlichen Historie eine Einzelausstellung.
Das heutige Erscheinungsbild zeigt die vom Künstler über mehrere Jahre hinweg stark überarbeitete Version, eine Fotografie aus den 1910/20er Jahren gibt Aufschluss über den ursprünglichen Zustand. Feininger legte das Gemälde 1912 als sehr detailreiches Panorama an: An dem von Passanten, Bauarbeitern und Pferdefuhrwerken bevölkerten Flussufer haben mehrere Lastkähne angelegt, der von ihnen transportierte Sand wird mittels eines Kranauslegers in großen Haufen am Kai abgeladen. Im Hintergrund spannt sich eine Brücke über die Seine, auf der Spaziergänger zu sehen sind, auch das gegenüberliegende Ufer mit Baumreihen und Gebäuden ist sichtbar. Diese Ursprungsversion zeichnete sich durch eine für Feininger neuartige Nähe zur Realität aus, stand aber ansonsten im Zeichen seiner früheren Schaffensphase; die bahnbrechenden Neuerungen, die er in Paris fand, schlugen sich noch nicht nieder. Als eine Art Erinnerungsbild an diesen wegweisenden Aufenthalt besaß es für ihn jedoch einen hohen emotionalen und symbolischen Wert.
Des Öfteren überarbeitete Feininger im Laufe seiner Schaffenszeit ältere Werke, um sie seinen gewandelten künstlerischen Ansichten anzupassen. Dies geschah auch mit „An der Seine, Paris“, möglicherweise erstmals im Jahr 1917. Doch auch während seiner Zeit als Lehrer am Weimarer und später am Dessauer Bauhaus arbeitete Feininger wohl weiter an diesem Werk. „Erstaunlich ist die Intensität, mit der sich der Künstler dieser älteren Komposition angenommen hat, um sie seinen derzeitigen künstlerischen Vorstellungen anzupassen. Die kunsttechnologischen Untersuchungen haben mehrere Farbschichten auf der Leinwand zutage gefördert. Also muss Feininger über einen längeren Zeitraum versucht haben, das Bild in eine neue, gültige Form zu überführen.“ (Büche, in: op.cit., S. 54). Das Bestreben des Künstlers war es, den Detailreichtum deutlich zu reduzieren. Dazu beschnitt er die Leinwand um den kleinteilig gemalten Bereich oberhalb der Brücke und tilgte diverse Personen und technische Details, wie etwa den Kranausleger. Weiterhin strebte er an, mithilfe einer flächigen Malweise die Komposition in vereinfachte, sich transparent überlagernde Formen zu fassen, die seinem gereiften Stil entsprachen. Im Bereich des Kranbootes und dessen Überschneidung mit dem Brückenpfeiler kommt dieser kristallin erscheinende, für Feiningers Schaffen so charakteristische Bildaufbau bereits überzeugend zur Ausführung. Letztendlich fand er offenbar aber keine befriedigende Bildlösung, so dass er das Werk im unvollendeten Zustand beließ.
Als außergewöhnliches Zeugnis von Feiningers stilistischer und technischer Entwicklung stellt es ein zentrales Schlüsselwerk dar, das für den Maler selbst einen sehr besonderen persönlichen Stellenwert besaß und den maßgeblichen Wendepunkt seiner einzigartigen Künstlerkarriere repräsentiert.

Lyonel Feininger begann seine Künstlerkarriere als Illustrator und Karikaturist, seine ersten Gemälde entstanden erst 1907 in Paris. Ausgehend von seinen Karikaturen entwickelte er rasch eine flächige Bildsprache mit bühnenartigen Szenerien. Das Jahr 1911 markierte dann den entscheidenden stilistischen Wendepunkt. Erneut hielt sich Feininger in Paris auf, wo er zur Teilnahme an der Ausstellung der Société des Artistes Indépendants eingeladen war. Hier wurden erstmals die Arbeiten der Kubisten gezeigt und sorgten für eine Sensation, für Feininger bedeuteten sie eine Offenbarung. Der Kubismus und der Orphismus Robert Delaunays, den er ebenfalls dort kennenlernte, statteten Feininger mit dem Handwerkszeug aus, um seine eigene Lösung für das bildnerische Raumgefüge zu entwickeln. „Jetzt erschlossen sich ihm plötzlich Möglichkeiten, die er in der Zukunft konsequent nutzen würde. Die menschliche Figur verliert ihre bildkonstitutive Stellung zugunsten der Architektur, die sich, in kubisch-kantige Formen gegossen, mit dem Raum in geometrischer Stilisierung zu übersinnlichen Visionen vereint, welche das Ausgangsmotiv allerdings niemals verleugnen.“ (Wolfgang Büche, in: Feininger, Paris 1912, op.cit., S. 21).
Während dieses maßgeblichen Paris-Aufenthaltes im Frühjahr 1911 zeigte sich der Künstler begeistert von den in der Stadt allgegenwärtigen Pflasterarbeiten, die es ihm ermöglichten, unzählige Studien der Bauarbeiter und der auf der Seine stattfindenden Materialtransporte anzufertigen. Eine in mehreren farbigen Vorzeichnungen festgehaltene Szenerie faszinierte ihn dermaßen, dass er sie im folgenden Jahr in dem großformatigen Gemälde „An der Seine, Paris“ ausarbeitete, welches als außerordentlich rares Beispiel seiner künstlerischen Entwicklung in dieser Auktion zum Aufruf kommt.
Es befand sich lange Zeit als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) und wurde dort umfangreichen kunstwissenschaftlichen und technologischen Untersuchungen unterzogen, die die Entstehungsgeschichte des Werkes rekonstruieren.
Das heutige Erscheinungsbild zeigt die vom Künstler über mehrere Jahre hinweg stark überarbeitete Version, eine Fotografie aus den 1910/20er Jahren gibt Aufschluss über den ursprünglichen Zustand. Feininger legte das Gemälde 1912 als sehr detailreiches Panorama an: An dem von Passanten, Bauarbeitern und Pferdefuhrwerken bevölkerten Flussufer haben mehrere Lastkähne angelegt, der von ihnen transportierte Sand wird mittels eines Kranauslegers in großen Haufen am Kai abgeladen. Im Hintergrund spannt sich eine Brücke über die Seine, auf der Spaziergänger zu sehen sind, auch das gegenüberliegende Ufer mit Baumreihen und Gebäuden ist sichtbar. Diese Ursprungsversion zeichnete durch eine für Feininger neuartige Nähe zur Realität aus, stand aber ansonsten im Zeichen seiner früheren Schaffensphase; die bahnbrechenden Neuerungen, die er in Paris fand, schlugen sich noch nicht nieder. Als „eine Art Erinnerungsbild an die Wochen in Paris“ (Büche, in: op.cit., S. 53) besaß es für ihn jedoch einen hohen emotionalen und symbolischen Wert.
Des Öfteren überarbeitete Feininger im Laufe seiner Schaffenszeit ältere Werke, um sie gewandelten künstlerischen Ansichten anzupassen. Dies geschah auch mit „An der Seine, Paris“, möglicherweise erstmals im Jahr 1917. Doch auch während seiner Zeit als Lehrer am Weimarer und später am Dessauer Bauhaus arbeitete Feininger wohl weiter an diesem Werk. „Erstaunlich ist die Intensität, mit der sich der Künstler dieser älteren Komposition angenommen hat, um sie seinen derzeitigen künstlerischen Vorstellungen anzupassen. Die kunsttechnologischen Untersuchungen haben mehrere Farbschichten auf der Leinwand zutage gefördert. Also muss Feininger über einen längeren Zeitraum versucht haben, das Bild in eine neue, gültige Form zu überführen.“ (Büche, in: op.cit., S. 54). Das Bestreben des Künstlers war es, den Detailreichtum deutlich zu reduzieren. Dazu beschnitt er die Leinwand um den kleinteilig gemalten Bereich oberhalb der Brücke und tilgte diverse Personen und technische Details, wie etwa den Kranausleger. Weiterhin strebte er an, die Komposition in vereinfachte, sich transparent überlagernde Formen zu fassen, die seinem gereiften, charakteristischen Stil entsprachen. Im Bereich des Kranbootes und dessen Überlagerung mit dem Brückenpfeiler kommt dieser kristalline Bildaufbau in flächiger Malweise bereits überzeugend zur Ausführung. Letztendlich fand er aber keine befriedigende Bildlösung, so dass er das Werk unvollendet beließ.
Als außergewöhnliches Zeugnis von Feiningers stilistischer und technischer Entwicklung stellt es ein wichtiges Schlüsselwerk dar, das den Wendepunkt in seinem Oeuvre repräsentiert und für den Künstler selbst einen besonderen Stellenwert einnahm.

Werkverzeichnis

Moeller Online Catalogue raisonné 087; Hess 77 (ohne Abb., dort als zerstört angegeben)

Provenienz

Atelier Lyonel Feininger, Dessau; Privatbesitz Sachsen-Anhalt, seit 1998 als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Moritzburg (Halle/Saale)

Literaturhinweise

Christian Philipsen (Hg.), Lyonel Feininger. Paris 1912. Die Rückkehr eines verlorenen Gemäldes (Bd. 11 der Schriften für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)), Halle (Saale) 2016

Ausstellung

Halle (Saale) 2016/2017 (Kunstmuseum Moritzburg), Lyonel Feininger: Paris 1912. Die Rückkehr eines verlorenen Gemäldes; Quedlinburg 2021 (Lyonel-Feininger-Galerie), Becoming Feininger. Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag

Für das Werk liegt eine Leihanfrage der Lyonel-Feininiger-Galerie, Quedlinburg vor.

Lot 52 D

Schätzpreis:
150.000 € - 180.000 €

Ergebnis:
428.400 €