Gerhard Richter
Grau
1970
Öl auf Leinwand. 115 x 95 cm. Gerahmt. Rückseitig auf der Leinwand signiert und datiert 'Richter 1970' sowie mit der Werknummer. - Mit Atelier- und leichten Altersspuren.
„Grau ist für mich die willkommene und einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit, Gestaltlosigkeit. Weil aber Grau, genau wie Gestaltlosigkeit und so fort, nur als Idee wirklich sein kann, kann ich auch nur einen Farbton herstellen, der Grau meint, aber nicht ist. Das Bild ist dann die Mischung von Grau als Fiktion und Grau als sichtbarer proportionierter Farbfläche.“ (G. Richter, Brief an Edy de Wilde, 23.2.1975, zit. n., Dietmar Elger, Gerhard Richter, Maler, Köln 2002, S.272)
Das vorliegende Gemälde „Grau“ (1970) von Gerhard Richter gehört zu seiner zentralen Werkreihe der Grauen Bilder (1968–1976), die einen Wendepunkt in seiner künstlerischen Entwicklung markieren. Bereits seine Fotobilder der 1960er Jahre waren durch eine tonale Zurückhaltung geprägt, die in ihrem Ausgangsmaterial – den Schwarz-Weiß-Fotografien – begründet lag. Die abstrakten, monochromen Arbeiten entstanden in einer Phase, in der Richter nach neuen Ausdrucksformen suchte. Der Beginn der Werkreihe resultiert aus dem Versuch, Arbeiten, die der Künstler als misslungen erachtete, in einem zerstörerisch-neuschöpferischen Prozess zu übermalen. Dabei experimentierte Richter mit der Mischung aus Schwarz, Weiß, Braun und Blau, um differenzierte Graunuancen zu erzeugen, die er mit Pinsel, Spachtel oder Rolle auftrug.
Die Grauen Bilder unterscheiden sich untereinander in ihrer durch den Malduktus bedingten Oberflächenbeschaffenheit sowie in ihren Grauabstufungen. Das vorliegende Werk zeigt einen bewegten Oberflächencharakter, der seine Entsprechung in den wechselnden Nuancen des Graus findet. Das Gemälde wurde im Rahmen der visionären ersten Werkschau gezeigt, die 1974–1975 im Museum Mönchengladbach stattfand und sich ausschließlich der Präsentation der Grauen Bilder widmete.
Für Richter verkörpert Grau eine besondere Ambivalenz: Es ist weder sichtbar noch unsichtbar, ermöglicht aber, ähnlich wie die Fotografie, das Sichtbarmachen des ‘Nichts’: „Richters Grau ist die Distanzierung vom Pathos der modernen Monochromie, ihrer Suche nach (idealistischer oder materialistischer) Essenz. Seine Monochromie ist nicht von der Farbe, sondern von der Figur her gedacht; er inszeniert nicht die Farbe, sondern das Verschwinden der Figur.” (Julia Friedrich, Grau ohne Grund, Gerhard Richters Monochromien als Herausforderungen der künstlerischen Avantgarde, Köln 2009, S.9)
Werkverzeichnis
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gerhard Richter Archiv (Hg.), Gerhard Richter, Catalogue Raisonné, Vol.2, 1968-1976, Ostfildern 2017, WVZ-Nr.247-7 (Werkverzeichnis von Dietmar Elger) (mit abweichenden Maßangaben)
Gerhard Richter Online-Werkverzeichnis Nr.247-7
Provenienz
Galerie Löhrl, Mönchengladbach; Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen
Literaturhinweise
Dietmar Elger, Wirst Du sehen, Gerhard Richter und Konrad Fischer, in: Wolke & Kristall, Die Sammlung Dorothee und Konrad Fischer, Ausst.Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2016, S.125
Christian Lotz, The Art of Gerhard Richter, Hermeneutics, Images, Meaning, London/New York 2015, S.105, S.139
Dietmar Elger, Gerhard Richter, Maler, Köln 2002, S.272
Gerhard Richter, Werkübersicht, Catalogue raisonne 1962-1993, Ausst.Kat. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1993, Bd.III, WVZ-Nr. 247-7
Gerhard Richter, Bilder, Paintings 1962-1985, Ausst.Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Köln 1986, S.376
Ausstellung
Mönchengladbach 1974 (Städtisches Museum), Gerhard Richter, Graue Bilder