Josef Albers
Study to homage to the square: Victorian
1955
Öl auf Masonit. 45 x 45 cm. Gerahmt. Geritzt monogrammiert und datiert 'A 55' sowie am rechten äußeren Rand mit Werkangaben (kaum lesbar). Rückseitig auf dem Masonit signiert, datiert und betitelt 'Study to Homage to the Square: '"Victorian" Albers 1955', mit Maßangaben, mehrzeiligen Angaben zum Werk und Adressaufkleber des Künstlers. - Mit Atelier- und leichten Altersspuren.
„Ich bin nicht an einer raschen Wirkung interessiert. Meine Malerei ist besonnen und ruhig. […] Ich möchte, dass sie langsam einsinkt. Es gibt eine optische Bewegung in meinen Bildern, aber sehr zärtlich, sehr sanft. Wäre ich ein Fisch, ich spielte mit den kleinsten Wellen, mit der leichtesten Flut. […] Meine Malerei ist geräuschlos. Ich versuche, die Stille einer Ikone zu schaffen. Darum geht es mir: um die meditativen Ikonen des 20. Jahrhunderts.“ (Josef Albers, zit. n. Jean Clay, Albers, Josef’s Coats of Many Colors, in: Réalités, August 1968, S.68)
Die vorliegende Arbeit von 1955 gehört zur frühen Phase der ikonischen Werkserie „Homage to the Square“, die Josef Albers ab 1950 entwickelte und bis zu seinem Tod im Jahr 1976 fortführte. Die Kompositionen folgen einem konstanten Aufbau: Drei oder vier Quadrate, die entlang einer vertikalen Mittelachse ausgerichtet sind, werden auf einem quadratischen Bildfeld übereinandergeschichtet. Das innere Quadrat befindet sich stets in festem Verhältnis zu dem nächstgrößeren Quadrat: Vom oberen Rand ist es dreimal und von den seitlichen Rändern doppelt so weit entfernt wie vom unteren Rand; ein systematisches Proportionsschema, das Albers zur Erzeugung einer architektonisch wirkenden Bildstruktur einsetzte. Die Farben werden in immer neuen Kombinationen ungemischt beziehungsweise im industriell gefertigten Zustand gleichmäßig mit einem Palettenmesser in das Bildschema eingetragen. Farb- und Formgrenzen fallen zusammen, sodass die Farben unmittelbar aufeinander einwirken können. Durch die serielle Wiederholung der reduzierten Grundform versucht Albers, die Farbwirkung von der Form zu entkoppeln. Sein Interesse gilt den unzähligen Nuancen, die aus dem Dialog der Farben hervorgehen.
Die vorliegende Arbeit „Study to Homage to the Square: Victorian" befand sich einst im Besitz des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer (1925–2025), der als Begründer der Konkreten Poesie gilt. Seine Kunstsammlung bildete 1992 den Grundstock des Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt.In „Victorian“ erscheinen die Quadrate in warmen, gedeckten Farbtönen, die dem Werk eine stille, fast atmosphärische Dichte verleihen. Leuchtend tritt das ockergelbe Zentrum hervor – oder zieht es sich zurück? Das rotbraune Quadrat hellt sich zum innenliegenden, hellbraunen Ton hin auf und bildet dennoch einen deutlichen Kontrast zu diesem. Zum äußeren Rotton hin dunkelt es hingegen so stark ab, dass es darin beinahe zu versinken scheint. In seiner 1963 erschienenen theoretischen Abhandlung „Interaction of colour“ betont Albers, dass das Farberlebnis, das er als „actual fact“ bezeichnete, niemals mit dem „factual fact“ – der physikalischen Substanz – übereinstimme. Das Betrachten seiner Farbkonstellationen wird so zu einer Versenkung in eine immaterielle Wirklichkeit, die im Moment der Anschauung realer erscheint als der tatsächliche Sachverhalt: „Nur der Schein trügt nicht“. (Josef Albers, zit. n. Max Imdahl, Josef Albers, Huldigung an das Quadrat, in: Angeli Janhsen-Vukićević, Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Frankfurt/M. 1996, S.287).
Die Wechselwirkung der Farben wird hier – mehr noch als das Phänomen eines optischen Wandels – zur bildlichen Darstellung von Wahrnehmung selbst: von Balance und Spannung, Kontinuität und Unterbrechung. Der ständige Wandel offenbart sich als das Wesen unserer Wirklichkeit. (Vgl. Heinz Liesbrock (Hg), Interaction of Color, Grundlegung einer Didaktik des Sehens, Berlin 2023, S.15-17).
Zertifikat
Die vorliegende Arbeit wird in das in Vorbereitung befindliche Josef Albers Werkverzeichnis der Anni and Josef Albers Foundation, Bethany, Connecticut, aufgenommen.
Provenienz
Elisabeth und Rudolf Marx, Bottrop (Josef Albers's Schwester und Schwager), direkt vom Künstler (1958)
Heinrich Marx, Hamburg (Rudolf Marx's Bruder)
Eugen Gomringer, Erkersreuth (1984)
Galerie Elke Dröscher, Hamburg (1984)
Privatsammlung, Baden-Württemberg