Govert Flinck
Tronie eines jungen Mannes mit Barett im Profil nach rechts
Öl auf Holz (parkettiert). 64 x 50 cm.
Der junge Mann blickt melancholisch in die Ferne, er trägt ein Barett und hat einen Brustpanzer umgelegt. Seine gelockten dunkelbraunen Haare umrahmen das Gesicht, sie sind auffallend lang und reichen hinunter bis zum Rücken. Das Bild wirkt spontan gemalt, bei genauer Betrachtung offenbart sich eine brillante Malerei: Wie die melancholische Stimmung im Antlitz des Mannes mit wenigen Pinselstrichen erfasst ist; wie allein durch die Spiegelung des Brustpanzers der Oberkörper definiert wird; wie trotz der zurückhaltenden Verwendung der Farben – das Rot des Baretts, das Blau der Jacke – die Materialität der Stoffe erfasst und das Bild verlebendigt wird; all dies zeugt von großer malerischer Virtuosität. Tom van der Molen hat das zuvor einem Rembrandt-Nachfolger zugeschriebene Werk als ein Tronie Govert Flincks identifiziert und in das jüngst publizierte Werkverzeichnis der Gemälde Flincks aufgenommen (Van der Molen, op. cit., S. 278, Nr. 90).
Tronies waren Darstellungen von Köpfen und Halbfiguren, häufig in Phantasiekostümen, spontan, schnell und skizzenhaft gemalt. Sie entstammten der flämischen Werkstattpraxis und wurden von holländischen Künstlern in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts übernommen. Ursprünglich als Figuren- und Charakterstudien für größere Kompositionen gedacht, emanzipierten sie sich zu einer eigenständigen, auf dem Kunstmarkt äußerst erfolgreichen Gattung. Vor allem Rembrandt und Jan Lievens produzierten zahlreiche solcher Tronies, Govert Flinck zählte zu den Schülern Rembrandts, die maßgeblich von ihnen geprägt wurden.
Auch der junge Mann mit dem Barett und dem Brustpanzer folgt dem charakteristischen Typus, den man bereits bei Rembrandt findet. Van der Molen datiert das vorliegende Werk um 1640 und bringt es mit einem Tronie Jacob Backers in Verbindung, das kurz zuvor entstanden ist (Abb. 1; Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 129). Flinck und Backer verband eine enge Freundschaft. Flinck lernte Backer in Leeuwarden kennen, als er mit 14 Jahren in die Werkstatt des Künstlers Lambert Jakobsz zur Ausbildung ging, wo der sechs Jahre ältere Backer auch lernte. Die beiden Freunde sahen sich später in Amsterdam wieder, wo Backer zu einem gefragten Maler von Historien, Portraits und Tronies wurde und Flinck nach seiner Ausbildung bei Rembrandt ebenfalls eine eindrucksvolle künstlerische Karriere absolvierte. So ist dieses Tronie ein Zeugnis der Beziehung Govert Flincks zu den für ihn wohl wichtigsten zwei Künstlern in Amsterdam, seinem Meister Rembrandt und seinem Freund Jacob Backer.
Abb. 1/Fig. 1: Jacob Backer, Brustbild eines Mannes, um 1638/39 / A Man in Profile, c. 1638/39 © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek.
Zertifikat
Dendrochronologisches Gutachten von Prof. Dr. Peter Klein, Hamburg, liegt vor.
Provenienz
Sotheby's, London, 6.7.2017, Lot 127 (als Rembrandt-Nachfolger). - Deutsche Privatsammlung.
Literaturhinweise
T. van der Molen: Govert Flinck 1615-1660, Zwolle 2025, S. 278, Nr. 90, m. Abb.