Theodor van Loon
Lasset die Kinder zu mir kommen
Öl auf Leinwand. 136 x 177 cm.
Dieses biblische Historiengemälde ist ein Hauptwerk Theodor van Loons, dem wohl eigenwilligsten und individuellsten niederländischen Caravaggisten. Die Größe des Bildformats, die Monumentalität der Figurenauffassung sowie das kraftvolle Helldunkel zeichnen dieses Werks aus, das ohne die unmittelbare Rezeption der Kunst Caravaggios in Rom nicht denkbar wäre.
Theodor van Loon nimmt eine besondere Stellung unter den niederländischen Caravaggisten ein, zählt er doch – wie Peter Paul Rubens - zu jenen Künstlern, die zu Lebzeiten Caravaggios nach Rom gingen und die Entstehung seiner Hauptwerke – in Sant’Agostino in Campo Marzio, San Luigi dei Francesi, in Santa Maria del Popolo – vor Ort miterlebten (der Künstler wohnte in der heutigen Via di Ripetta, unweit von Santa Maria del Popolo). Van Loon sollte 1617 und 1628 nochmals nach Rom reisen und auch den Caravaggismus späterer Künstlergenerationen kennenlernen – auch dies eine Besonderheit seiner Kunst. Van Loon war dabei mehr als ein bloßer Nachfolger Caravaggios, seine Bilder offenbaren auch die Auseinandersetzung mit anderen römischen Barockkünstlern, etwa Annibale Carracci und Federico Barocci, was sein zuweilen äußerst delikates Kolorit erklärt, das sich auch in diesem Bild zeigt.
Eine für van Loon elementare künstlerische Lektion in Rom war es, die Ausstattung der neuerrichteten Barockkirchen mit Altargemälden mitzuerleben, etwa in Santa Maria in Vallicella (Chiesa Nuova), wo Caravaggio, Barocci und sein Landsmann Rubens für ein Bildprogramm von Modernität, Monumentalität und einer dramatischen Bildsprache sorgten. Dass Van Loon nach seiner Rückkehr in die Niederlande ebenfalls als Maler monumentaler Figurenkompositionen angesehen und geschätzt wurde, zeigt die Bildunterschrift unter seinem Bildnis in Antonis van Dycks Iconographie, wo er folgendermaßen charakterisiert wird: Pictor humanarum figurarum maiorum Lovanii (Abb. 1).
Das vorliegende Gemälde ist in den frühen 1620er Jahren entstanden, als Theodor van Loon auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens war und eine Reihe hochbedeutender kirchlicher Aufträge erhielt, unter anderem für die Kirchen Saint-Jean-Baptiste au Béguinage und Notre-Dame de Montaigu (Abb. 2); eindrucksvolle Großaufträge in Brüssel und Umgebung, die eine Vielzahl monumentaler Altarbilder umfassten und – in letzterem Fall – von Erzherzog Albrecht und Erzherzogin Isabelle höchstselbst erteilt wurden. Anne Delvingt hat auf stilistische und konzeptuelle Bezüge des vorliegenden Gemäldes zu den Altarbildern in Notre-Dame de Montaigu hingewiesen, deren Monumentalität der Figurenauffassung auch in diesem Bild spürbar ist (Ausst.-Kat. Brüssel 2019, op. cit., S. 166). Den Erfolg der vorliegenden Komposition zeigt die Tatsache, dass es – wie von anderen Werken des Künstlers – eine schwächere Werkstattreplik gibt, die sich heute in der Alten Pinakothek in München befindet (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Inv.-Nr. 7521).
Abb. 1/Fig. 1: Paulus Pontius nach/after Antonthy van Dyck: Portrait Theodor van Loon © Rijksmuseum, Amsterdam.
Abb. 2/Fig. 2: Theodor van Loon, Himmelfahrt Mariens / The Assumption, Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, ehemals/ex Saint-Jean-Baptiste au Béguinage.
Provenienz
Slg. J.R. Critchley, London. - Christie's, London, 22.4.1994, Lot 38. - Dorotheum, Wien, 17.10.2012, Lot 544. - Privatsammlung, Vereinigte Arabische Emirate.
Literaturhinweise
B. Nicolson: The International Carvaggesque Movement, Oxford 1979, S. 68. - B. Nicolson: Caravaggio in Europe, hg. v. L. Vertova, Milano 1990, Bd. 1, S. 139; Bd. 3, Abb. 1401. - Ausst.-Kat. Brüssel/Luxemburg 2019: Théodore van Loon (vers 1582-1649). Un caravagesque entre Rome et Bruxelles, hrsg. v. S. van Sprang, Brüssel 2018, S. 166-167, Nr. 28, Farbabb.
Ausstellung
Théodore van Loon. Un caravagesque entre Rome et Bruxelles, Palais des Beaux Arts, Brüssel / Musée national d'histore et d'art, Luxemboug, 2019.