Auktion 822, Moderne Kunst 4. Juni 2002, 04.06.2002, 10:30, Köln Lot 338

Otto Modersohn, Mädchen am Birkenstamm

Otto Modersohn, Mädchen am Birkenstamm, 1903, Auktion 822 Moderne Kunst 4. Juni 2002, Lot 338

Öl auf Malkarton 58,3 x 41,9 cm, gerahmt. Unten rechts in Dunkelrot datiert 11. [oder 17, 14? - Ziffer etwas undeutlich] VII. 03. - Die Malpappe im linken und unteren Rand leicht unregelmäßig beschnitten. An den Ecken und Kanten geringfügig berieben.

Das Gemälde ist dem Archiv des Otto-Modersohn-Museums, Fischerhude, bekannt.

Offensichtlich im Juli des Jahres 1903 gemalt, vermittelt das Bildnis eines kleinen Mädchens im Schatten der Birken ein hochsommerliches Heidemotiv. Die Füße der Kleinen stehen versteckt im hohen, weichen Gras, die Stämme des Hains mit dem tief hängenden dunkelgrünen Laub kontrastieren zum Bildhintergrund mit der hellen, nur angedeuteten Landschaft. Die Pinselfaktur unterstreicht wirkungsvoll den unterschiedlichen Charakter der Vegetation, seien es die Gräser, die borkigen Stämme, die Blätterfolie, die in dunklen Flecken vor der hellgrünen Wiesenfläche wie im Staccato gesetzt ist. Das Mädchen im roten Kleid, frontal mit geradem Blick auf den Betrachter gerichtet, ist denkbar einfach und in der Figur und Proportion sehr flach gegeben, sie steht, die Arme hängend, an einen Stamm gelehnt. Allein das pausbäckige Gesicht mit dem struppigen blonden Haar, wenn auch stark verschattet, ist im Detail plastischer durchmodelliert.

Das Motiv der Figur am Baum taucht toposartig sehr häufig im Werk sowohl von Otto Modersohn wie Paula Modersohn-Becker auf. Oft sind es Bauernkinder aus dem landschaftlichen Milieu, in dem sie sich zurückgezogen hatten. Motiv wie Atmosphäre, schließlich auch die bildnerischen Mittel der Umsetzung, orientieren sich dabei zweifellos bewußt oder unbewußt an den künstlerischen Tendenzen der Jahrhundertwende. Die einerseits naturnahe, ungeschönte Bildauffassung wird mit dem symbolistischen, gesteigerten Ausdruckswert der Farbe und der Form verbunden, stimmungsmäßig gilt in der Darstellung einerseits Handfestes, andererseits ein Moment des Elegischen und Unbestimmten. Eines der schönsten Beispiele von Otto Modersohn ist das bekannte, etwas früher datierende Gemälde "Worpsweder Bauernmädchen unter einem Weidenbaum" von 1895 (heute Kunsthalle Bremen), in dem der Darstellung der Bäume und ihrer phantastischen Silhouetten gegenüber der Figur, wieder im roten Kleid, der Vorrang gegeben wird (vgl. Ausst. Kat. Otto Modersohn, Monographie einer Landschaft, Kunstverein Hannover/Landesmuseum Münster, Hamburg 1978, S. 352 mit Farbabb.; vgl. auch die Ausführungen in: Auss. Kat. Paula Modersohn-Becker zum hundertsten Geburtstag, Bremen 1976, "Figur am Baum", Kat.-Nrn. 470 ff.).

Später ist 1903 das Jahr, in dem das Künstlerpaar, nach dem Paris-Erlebnis von Paula Modersohn-Becker, im gemeinsamen Malen vor der Natur zu enger künstlerischer Berührung kommt. Im Juni notiert Otto Modersohn in Bezug auf seine Frau die berühmten Sätze: "Wie ich ihr vom Intimen geben kann, so sie mir vom Großen, Freien, Lapidaren. Wundervoll ist das wechselseitige Geben und Nehmen. Unser Verhältnis ist zu schön, schöner als ich es je gedacht, ich bin wahrhaft glücklich, sie ist eine echte Künstlerin, wie es wenige gibt in der Welt, sie hat etwas ganz Seltenes. Keiner kennt sie, keiner schätzt sie. Das wird einmal anders werden." (Zitat nach Ausst. Kat. Hannover/Münster, op.cit. S. 337).

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