Ernst Barlach - Bildnis Tilla Durieux III

Ernst Barlach - Bildnis Tilla Durieux III - image-1
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Ernst Barlach

Bildnis Tilla Durieux III
1912

Getönte Gipsplastik auf Holzsockel Höhe 18,4 cm, Auf ovalem Holzsockel (6 x 26,5 x 15,3 cm). - Mit leichten Absplitterungen, vorwiegend am unteren Rand.

Als eine der berühmtesten Schauspielerinnen ihrer Zeit, die unter der Regie von Max Reinhardt u.a. in den Rollen der Salome (Oscar Wilde), Lulu (Wedekind) oder Judith (Hebbel) in Berlin Triumphe feierte, ist Tilla Durieux von vielen Künstlern porträtiert worden, die berühmtesten waren Pierre-Auguste Renoir und Oskar Kokoschka. Sie war mit dem Maler Eugen Spiro, seit 1910 mit dem Kunsthändler Paul Cassirer verheiratet.
Sie lernte Ernst Barlach 1907 durch August Gaul, mit dem sie befreundet war, kennen. In ihren Lebenserinnerungen schrieb sie über "diesen wundervollen Menschen [...], der durch seine Werke mich oft in meinen Rollen beeinflußt hat": "Paul [Cassirer] war auf Barlach aufmerksam geworden, der sich damals in einer sehr bedrückenden pekuniären Lage befand. Er machte ihm nun denselben Vorschlag wie seinerzeit Gaul. Eine Rente sollte ihm die Unabhängigkeit für seine Arbeit sichern. Erst wenn eine größere Menge Arbeiten vorlägen, war eine Ausstellung vorgesehen. Barlach nahm an und ging auf Reisen. Näher lernte ich ihn kennen, als er 1911 als Gast bei uns in Noordwijk wohnte. [...] 1912 schuf er meine Büste. Ich saß ihm dazu in unserem großen Ankleidezimmer in der Margaretenstraße. Da erst fanden wir uns richtig im Erzählen von Märchen. Wir belebten jede Ecke mit Geistlein, und sein Gesicht strahlte dann in kindlicher Güte. Nur manchmal zwinkerte er schalkhaft, wenn die Geschichten zu toll wurden. Mein Äußeres kam seiner Geschmacksrichtung sehr entgegen. Oft saß er ruhig da und beobachtete mich, wenn ich im Zimmer auf und ab ging und eine Rolle lernte. Ich glaube mich in seiner 'Schreitenden Frau' wiederzuerkennen [Porzellan-Figur von 1909, Schult 94)]. Aber auch viele andere seiner Gestalten gleichen mir sowohl in den Gesichtszügen als auch in der Bewegung.
Andererseits holte ich mir bei der 'Sorgenden Frau' Hilfe, als ich in dem Stück 'Rote Robe' mit der Bäuerin nicht zurechtkommen konnte. Es wurde eine meiner besten Rollen. Unsere Wohnung füllte sich mit seinen Plastiken. Der 'Spaziergänger', der 'Rächer', der 'Schwertzieher', die 'Singenden Frauen', alles wurde für die Ausstellung gesammelt, und als ich mich später davon nicht trennen wollte, von mir regulär gekauft und mein Eigentum. Barlach schenkte mir auch einige erste Entwürfe in Gips, die ich heute noch besitze. [...] Er war sehr scheu und flüchtete, wo es ging, vor fremden Menschen. Um so stolzer war ich, in vielen Dingen seine Vertraute zu sein." (Tilla Durieux, Meine ersten neunzig Jahre, München/Berlin 1971 und 1979, S. 297 ff.)
Ernst Barlach hat sich mit dem Porträtauftrag 1912 ausführlich beschäftigt. Er hielt den Kopf der Schauspielerin in zwölf Bildnisstudien fest, Bleistiftzeichnungen auf losen Taschenbuch-Blättern (16 x 9,5 cm), von denen Friedrich Schult in seinem Werkkatalog der Zeichnungen Ernst Barlachs zwei unter der Nr. 877 abbildete (Nachlaß Güstrow); drei weitere Zeichnungen in einem Taschenbuch des gleichen Jahres - sie gelangten 1946 als Geschenk des Schweizer Kunsthändlers Walter Feilchenfeldt, Ascona, in das Kunstmuseum Bern - erwähnt er in diesem Zusammenhang nur. Nach den beiden ersten, noch etwas steif und schwerfällig wirkenden Gips-Entwürfen entstand die vorliegende dritte Fassung, die von Flechtheim später in Bronze gegossen wurde (1930, von der angekündigten Auflage von 20 Güssen wurden nur wenige hergestellt). Sie ist der persönlichste, intimste dieser verschiedenen Entwürfe. Die unmittelbar danach entstandene vierte Fassung, eine "Büste von ausgesprochen repräsentativem Charakter auf breitem, an den beiden Seiten abgeschrägtem Sockel" (Schult 128) wurde noch im gleichen Jahr in Porzellan (Schult 129) wie auch 1930 in Bronze (Schult 130) gegossen, wobei auch hier die von der Galerie Alfred Flechtheim angekündigte Auflage von 10 Exemplaren nur mit wenigen Stücken erfüllt wurde.

Werkverzeichnis

Schult 126

Provenienz

Tilla Durieux, Berlin; Privatsammlung Nordrhein-Westfalen

Ausstellung

Köln 2001 - 2003 (Wallraf-Richartz-Museum / Museum Ludwig), Dauerleihgabe aus Privatbesitz

Lot 514 Dα

Schätzpreis:
8.000 € - 9.000 €

Ergebnis:
11.800 €