Hermann Max Pechstein - Liegender weiblicher Akt mit Katze

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Hermann Max Pechstein

Liegender weiblicher Akt mit Katze
1909

Öl auf Leinwand 55,2 x 60,5 cm, Oben rechts schwarz monogrammiert und datiert HMP 09 (H, M und P liegiert). Rückseitig mit einem Etiektt der Kunsthandlung Ludwig Schames, Frankfurt am Main (Original-Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner, Variante zu Dube 735, darin von fremder Hand mit - In tadelloser Erhaltung.

Für die Brücke-Künstler war in ihrer Anfangszeit die Aktdarstellung von überragender Bedeutung.
Die meisten der ursprünglichen Mitglieder waren Architektur-Studenten an der Technischen Hochschule in Dresden und trafen sich zum gemeinsamen künstlerischen Arbeiten in Heckels Atelier. Ein Studium an der Akademie lehnten sie bewußt ab, lediglich Max Pechstein besaß eine entsprechende Ausbildung. Erich Heckel berichtete später, daß Karl Schmidt-Rottluff 1905 für ihre Gemeinschaft den Namen "Brücke" mit dem Hinweis vorgeschlagen hatte, "... das sei ein vielschichtiges Wort, würde kein Programm bedeuten, aber gewissermaßen von einem Ufer zum anderen führen. Wovon wir weg mußten, war uns klar - wohin wir kommen würden, stand allerdings weniger fest." (Heinz Köhn, Gespräch mit Erich Heckel, in: Das Kunstwerk XII, 1958/1959, Heft 3, S. 24). Vor dem gleichen Modell oder Motiv arbeitend, besprach man die Ergebnisse gemeinsam; sie ähnelten sich manchmal sehr, weil die persönliche Handschrift des einzelnen sich in dieser Zeit erst entwickelte (es gibt heute noch frühe Brücke-Bilder, bei denen es strittig ist, wer sie gemalt hat). Dieser Prozess des Von-einander-Lernens half jedem, seine eigenen künstlerischen Möglichkeiten zu entdecken und zu erproben; die Auflösung der Künstlergemeinschaft, die sich 1913 vordergründig aus Meinungsverschiedenheiten über den von Kirchner verfaßten Text der Brücke-Chronik ergab, war dann eigentlich nur eine Konsequenz der Tatsache, daß jeder seinen persönlichen Stil gefunden hatte, womit der Sinn dieser Gemeinschaft erfüllt war.
Den jungen Künstlern ging es beim Aktzeichnen nicht um das imitierende Abmalen der Natur.
Ernst Ludwig Kirchner kam über die Holzstöcke Albrecht Dürers, die er im Nürnberger Museum gesehen hatte, zum Holzschnitt. Er erkannte Dürers während der zweiten Venedig-Reise erworbene Fähigkeit, "... das Zufällige dem großen Stil unterzuordnen, die Form in breiteren Flächen zu sehen" (Wolfgang Hütt, Albrecht Dürer, Das gesamte graphische Werk, Bd. I, München 1970, S. 15). Ähnliches strebten die Künstler der "Brücke" an: Sie richteten das Aktzeichnen als eine Übung ein, die konzentriert zu erfolgen hatte: "Viertelstundenakte" nannten sie es, und in dieser Viertelstunde ging es nicht um das Erfassen von Einzelheiten oder "schönen" Linien, sondern um den lebendigen Eindruck, der mit rein zeichnerischen Mitteln so knapp wie möglich dargestellt werden sollte. Trotz der Mißbilligung ihrer bürgerlichen Umgebung hielten sie daran fest, mit einigen jungen Modellen intensiv im Atelier oder in der freien Natur der Moritzburger Teiche die Aktmalerei zu erlernen, und jeder blieb diesem Motiv auch später treu.
Zu welchen herausragenden künstlerischen Ergebnissen dieses Studium führte, beweist mit anderen Arbeiten Kirchners, Heckels und Schmidt-Rottluffs auch das vorliegende Gemälde "Liegender weiblicher Akt mit Katze". Denn 1909 ist für Max Pechstein das Jahr, in dem er zur Farbe gelangte.
Von den frühen Bildern der ersten Brücke-Jahre mit ihrem gemäßigten Kolorit - etwa "Junges Mädchen" 1908 (Nationalgalerie Berlin) oder "Fischerhäuser in Nidden" 1909 (Privatbesitz Berlin) - gelangte er nun zu jener harmonischen Farbigkeit, die sich zeitlich parallel 1909/1910 auch in den Kirchner-Bildern findet. Die Rosa-, Gelb-, Lindgrün- und schon kräftigeren Blautöne erscheinen, mit Linien in Grün umrissen, als Flächen, wie sie etwa auch in einigen Kirchner-Gemälden vorkommen ("Sitzendes Mädchen (Fränzi)", Gordon 123); der sich in den Raum diagonal hineindrehende Körper entspricht Kirchners "Artistin (Fränzi)" von 1910 (Gordon 125; von Pechstein zeitgleich gemalt als "Mädchen auf grünem Sofa mit Katze", Museum Ludwig, Köln, und für den Katalog der Brücke-Ausstellung in der Galerie Arnold, Dresden im gleichen Jahr in Holz geschnitten (Krüger H 63)).
Die expressive Farbigkeit hat Pechstein nun äußerst differenziert und in aufeinander abgestimmten Tönen angelegt, zu denen das kräftige Rot des Teppichs wunderbar harmoniert und so der Komposition große Festigkeit gibt.
Grund für das geradezu "liebevolle" Kolorit dürfte auch die "Liegende" selbst sein; es war mit Sicherheit Charlotte Kaprolat, ein junges Modell, das Pechstein im Atelier von Georg Kolbe kennenlernte und 1911 als 16jährige geheiratet hat.
Die räumliche Situation mit den im Hintergrund an der Wand erkennbaren dreieckigen Dekorations-Malereien ist auch aus anderen Bildern bekannt (vgl. "Zwei Frauenakte im Zimmer", 1909, Öl auf Leinwand 49,5 x 65,5 cm, Museum Ludwig, Köln).
Es ist erstaunlich, daß dieses so bedeutende Gemälde nach fast einem Jahrhundert erst jetzt öffentlich bekannt wird. Die vorbereitende aquarellierte Zeichnung dazu hat sich erhalten. Sie zeigt das Motiv in gleicher Weise wie das Ölbild (s. Abb. "Liegender weiblicher Akt mit Katze", heute Brücke-Museum, Berlin).
"Skizzen und Zeichnungen quollen mir aus den Händen. Neben Bildnissen, Stilleben und Landschaften [...] sei noch [...] erwähnt der "Liegende Akt mit Katze." - so Max Pechstein in seinem postum erschienenen "Erinnerungen" zum vorliegenden Gemälde.

Zertifikat

Die bisher dem Pechstein-Archiv unbekannte Arbeit wurde mündlich von Max K. Pechstein, Hamburg, bestätigt.
Wir danken Gerd Presler und Magdalena Moeller für freundliche Hinweise und ergänzendes Material.

Provenienz

Kunsthandlung Ludwig Schames, Frankfurt; Rheinische Privatsammlung; seitdem in Familienbesitz, heute Privatsammlung Paris

Literaturhinweise

Max Pechstein, Erinnerungen, Wiesbaden 1960, S. 33

Lot 891 Dα

Schätzpreis:
400.000 € - 450.000 €

Ergebnis:
511.700 €