Gerhard Richter - Ohne Titel

Gerhard Richter

Ohne Titel
1965

Öl auf Kunststoffröhre. Höhe 185 cm. Durchmesser 11 cm. Innen signiert und datiert

"So übersetzt er die Herausforderungen der Bewegungs-, Licht- und Objektkunst in illusionistische Tafelbider, die ihre eigene Objekthaftigkeit in der Vortäuschung objekthafter architektonischer Versatzstücke aufheben [...] Vorläufer der wandbildgroßen Türen-, Fenster- und Wellblechsequenzen von 1967/68, die zwar nicht mehr nach Fotos, jedoch fotoähnlich gemalt werden, sind bereits 1964/65 zu finden. Den Vorhängen I bis IV von 1965/66, angeregt von einem bodenlangen Vorhang in Schmelas Galerie an der Hunsrückenstraße, gehen kleinere Bilder voraus. [...] Das Thema wird durch Verzicht auf die herabziehende Unterkante und durch röhrenförmige Egalisierung des Faltenwurfs strukturell soweit verselbständigt, daß sich der Vergleich mit Wellblech anbietet.
Durch Zufall entstehen außerdem 1965 aus einem Vorhangbild eine variable Röhrenkonstellation (Kat.Nr. 59). Richter bemerkt an einer halb aufgerollt auf dem Boden liegenden Leinwand die rätselhafte "Unschärfe" zwischen der gemalten Illusion der Röhre und der von der Rolle real bewirkten "Abrundung" des natürlichen Lichts. Um diesen Effekt zu intensivieren, stellt er bemalte Pappröhren in den Raum, so als hätte der Vorhang das Geheimnis preisgegeben, das Bilder von Objekten unterscheidet (eine technisch perfektere Fassung aus bemalten PVC-Regenrohren wird 1968 für die gemeinsam mit Uecker in der Kunsthalle Baden-Baden bestrittene Beteiligung an der Reihe "14 x 14" hergestellt)." (Jürgen Harten, Der romantische Wille zur Abstraktion, in: Gerhard Richter Bilder 1962-1985, Ausst.Kat. Düsseldorf, Berlin, Bern und Wien, Köln 1986, S. 31-32).

Im Biennale Katalog schreibt Dieter Helms: "Die vorgetäuschte Rundung (in der Werkgruppe "Wellbleche") wird dann auch in dreidimensionaler Wirklichkeit angewandt, sie wird - unbeirrt von dem wirklichen Licht- und Schattenfall - auf mannshohe stehende Röhren gemalt, die zu einem unsere Raumbegriffe irritierenden Röhrenwald arrangiert werden.
Dieser Werkgruppe lassen sich noch diverse Arbeiten zuordnen [...] Offenbar geht es in dieser Werkgruppe, in der im Unterschied zu früheren Arbeiten konstruktive Formen benutzt werden, nur vordergründig um die Demonstration von Konstruiertem. Alle diese Motive: Türen, Fenster, Vorhänge, Wände haben mit unserer Raumerfahrung zu tun, mit dem Abschluß von Raum, dem Eröffnen neuer Raummöglichkeiten. Sie lassen sich als Metaphern lesen für ein mißtrauisches, wenn nicht enttäuschtes Verhalten zum Raum, zur Erfahrung der Wirklichkeit, zur Ausweitungsmöglichkeit der Person. (Richter hat notiert: Die Türen, Vorhänge, Oberflächenbilder, Scheiben usw. sind vielleicht Gleichnisse einer Verzweifelung über das Dilemma, das zwar unser Sehen uns die Dinge erkennen läßt, das es aber gleichzeitig die Erkenntnis der Wirklichkeit begrenzt und unmöglich macht.)" (Dieter Helms, Über Gerhard Richter, in: Ausst.Kat. Gerhard Richter, 36. Biennale in Venedig, Deutscher Pavillon, 1972, S. 10).

Werkliste

59

Provenienz

Deutsche Privatsammlung¶

Ausstellung

Baden-Baden 1968 (Staatliche Kunsthalle), 14 x 14 Junge deutsche Künstler, mit Ausst.Kat.
Venedig 1972 (36. Biennale, Deutscher Pavillon), Gerhard Richter, Kat.Nr. 59, mit Abb. S. 59

Lot 385 Dα

Schätzpreis:
60.000 €

Ergebnis:
66.640 €