Alexander Rodtschenko - Ohne Titel (Abstrakte Komposition)

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Alexander Rodtschenko

Ohne Titel (Abstrakte Komposition)
1918

Wasserfarben (Aquarell und Gouache), Tusche über Bleistift 33,4 x 20 cm (Rahmenausschnitt) signiert

Mit den Jahren 1914/1915 hatte sich Rodtschenkos Interesse und sein künstlerisches Werk endgültig dem Ungegenständlichen zugewandt, das er bezeichnenderweise über die anfängliche Beschäftigung mit Tendenzen des internationalen Jugendstils sich malerisch, vor allem aber zeichnerisch und im graphischen Entwurf erarbeitet hatte. Ausschlaggebend war dann die Begegnung mit dem revolutionären, stark vom Futurismus geprägten Kunstbegriff Wladimir Majakowskis und mit den Aktivitäten und Bestrebungen der russischen Avantgarde um Wladimir Tatlin und auch Kasimir Malewitsch. Rodtschenkos erste abstrakte Zeichnungen, die 1915 als Serie entstandenen zwölf "Lineal-und Zirkel-Zeichnungen", im März 1916 in Moskau von Tatlin ausgestellt, markieren seinen persönlichen und wegweisenden künstlerischen Durchbruch.
" 'Wir waren für eine neue Welt, für die Welt der Industrie, Technik und Wissenschaft. Wir waren für einen neuen Menschen; wir fühlten ihn und hatten eine ungefähre Vorstellung von ihm. (...) Wir entwickelten eine neue Auffassung von der Schönheit und erweiterten den Begriff der Kunst. Zu der Zeit war ein solcher Kampf, wie ich meine, kein Fehler.' Dieser Kampf hatte im Oktober 1917 kaum begonnen, als die 'linken' Ideen der Künstler von den Idealen der Revolution flankiert wurden." (Rodtschenko zitiert nach Ausst. Kat. Alexander Rodtschenko, Düsseldorf 1998/1999, S. 12).
Revolution und politische Betätigungen lassen erst 1918 wieder eine konzentriertere und intensive Beschäftigung mit dem formal-künstlerischen Experiment zu, aus dieser Zeit, einem kurz bemessenen, aber hochwichtigen Jahr des Übergangs zu radikal reduzierten, minimalistischen Bildkonzepten, stammt die bemerkenswerte wie typische, vorliegende Papierarbeit.
"Hier fügen sich frei schwebende Farbfelder, die jenen in Malewitschs suprematistischen Werken ähneln, zu einer Konfiguration sich überschneidender Elemente zusammen, die analog den Prinzipien der Reliefs von Tatlin strukturiert ist. (Halbrunde zeichnerische Partien erinnern ebenso an Rodtschenkos eigene Lineal-und-Zirkel-Zeichnungen von 1915). Diese Abhängigkeit von Tatlin und Malewitsch wird jedoch bald schon Kompositionen weichen, die durch das Ablösen der Farbe von der Form, wobei jedes Mittel eigene Existenzberechtigung erhält, und durch die Einführung des Lichts als einer Komponente der Form eine neue Bildsyntax erkunden." (Ausst. Kat. Düsseldorf, op. cit., S. 14).
Rodtschenko beschäftigte sich 1918 im Ansatz neu mit der Malerei, mit der Zeichnung, aber auch mit der Entwicklung dreidimensionaler, raumgreifender Konstruktionen. Die selbstständige Erforschung und Entwicklung von abstrakten Strukturen und ihrer Elemente greift bei Rodtschenko bald auch aus auf architektonische Studien und Entwürfe. Wichtig erscheint die Feststellung, daß innerhalb der zeitgenössischen Avantgarde Rodtschenkos Kunst keine spezifische "Theorie" entwickelte:
"Unlike Malevich's Suprematism or Mondrian's Neo-Plasticism, Rodchenko's abstraction had no actual programme. The aesthetic justification of Neo-Objectivist compositions is the works themselves. There is no need for supplementary theories or for associations with the complicated world of emotional-psychical phenomena, as in Kandinsky's abstract art. Rodchenko's art might be characterized as consistent formalism or purism." (German Karginov, Rodchenko, London 1975, S. 15).

Zertifikat

Mit einer Fotoexpertise von Miroslav Lamac, Prag, vom 21. IV. 1973

Provenienz

Galerie Gmurzynska, Köln (dort 1973 erworben); Rheinische Privatsammlung

Lot 970 Dα

Schätzpreis:
50.000 € - 70.000 €

Ergebnis:
90.440 €