Lyonel Feininger - Gelmeroda XI

Lyonel Feininger - Gelmeroda XI - image-1
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Lyonel Feininger

Gelmeroda XI
1928

Öl auf Leinwand 100 x 80,3 cm Unter Glas gerahmt. Unten links dunkelgrün signiert und datiert Feininger 1928, rückseitig auf der oberen Keilrahmenleiste zusätzlich mit dem Pinsel schwarz betitelt GELMERODA sowie signiert und bezeichnet Lyonel Feininger Eigentum Dr. Laurence Feininger - Auf der oberen Keilrahmenleiste mit einem Etikett der Galerie Möller und maschinenschriftlich eingetragener Archiv-Nr. "G. 3942 L. Feininger Gemeroda XI" sowie weiteren Ausstellungsaufklebern versehen.

"Mit Gelmeroda verband den Künstler ein mystisch anmutendes Verhältnis. Ähnliche Bindungen an eine Landschaft gemahnen an Cézanne und die Montagne Saint -Victoire, an Kandinsky und Murnau." (Petra Steinbrenner in: Florens Deuchler, Lyonel Feininger. Sein Weg zum Bauhaus-Meister, Leipzig 1996, S. 150).
Selten läßt sich das Werk eines Künstlers in seiner Entwicklung so lückenlos und schlüssig anhand eines einzigen Bildmotivs nachvollziehen, wie das bei Lyonel Feiningers Folge der 13 Gelmeroda-Gemälde der Fall ist. Fast 50 Jahre lang hat er in allen Techniken dieses Motiv immer wieder neu gestaltet: 10 erhaltene Gemälde, über 80 "Naturnotizen" sowie eine große Anzahl von autonomen, bildmäßig ausgeführten Zeichnungen und Aquarellen (vgl. unsere Kat. Nr. 701), zu denen 15 Holzschnitte, insbesondere aus den Jahren 1918 -1920, dazukamen; noch die letzte Lithographie von 1955 ist dieser Kirche gewidmet (Prasse L 20 - vgl. unsere Kat. Nr. 706). Das Museum of Modern Art in New York besitzt sogar als Geschenk der Witwe Feiningers ein geschnitztes und farbig bemaltes Holzobjekt, eine Darstellung der Kirche als Bestandteil der von Feininger geschaffenen Spielzeugstadt, der "Stadt am Ende der Welt", wie sie im Titel des Bildbandes von Andreas und T. Lux Feininger heißt (München/New York 1965).
Feininger entdeckte Gelmeroda, als er 1906 mit seiner zukünftigen Frau, der Kunststudentin Julia Berg, für einige Monate in Weimar lebte und mit dem Fahrrad die Umgebung erkundete. Schon die erste Skizze vom 24.6.1906 zeigt den Blick auf die Kirche von Osten, der besonders auf die Wirkung des spitzen Turms zielt. Der Anblick der heute restaurierten und dabei unwesentlich veränderten Dorfkirche erlaubt keine Vermutung darüber, was Feininger an diesem schlichten Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert mit dem späteren Turm so beeindruckt, um nicht zu sagen - gerührt hat, daß sie sein Lieblingsmotiv wurde. Der Schlüssel für das Verständnis dieser Frage liegt vielleicht in einer Bemerkung, die er ein Jahr später in einem Brief gegenüber Julia Berg machte: "[...] aber es ist so fast unmöglich von der gewohnten Wirklichkeit abzugehen. Das Gesehene muß innerlich umgeformt und crystalisiert werden". (Brief vom 29.8.1907, zit. nach: Wolfgang Büche, Gelmeroda - Eine Vision wird Symbol, op. cit., S. 67). Die Brauchbarkeit dieses Motivs für sein Kunstwollen geht dann auch aus einer Mitteilung hervor, die er dem Kunstschriftsteller und Verleger Paul Westheim am 14.3.1917 schickte: "Wir haben die innere Vision, die eigene unbeeinflußte letzte Form für unseren Sehnsuchtsausdruck zu suchen und zu geben. [...] mein künstlerischer Fanatismus erstreckt sich auf dieses Ziel, alles andere ist gleichgültig." (zit. nach: "Das Kunstblatt", Heft XV, 1931, S. 216 f.).
Die ersten drei der 13 Gelmeroda-Fassungen, von denen sich 10 erhalten haben, wurden 1913 gemalt. Schon in diesen wird deutlich, mit welchem Ernst Feininger die Architektur mittels Spannungslinien im Raum und damit auch in der Bildfläche zu verankern suchte. Besondere Bedeutung gewinnt dabei eine hohe Tanne, die neben der Kirche steht und sich in ihrem aufstrebenden Wuchs als kompositorisches Gegengewicht zum Turm entwickelt, ein Detail, das sich zudem wunderbar "crystalisieren", d.h. prismatisch aufsplittern läßt.
"Die noch vorhandene Bewegtheit in der Darstellung der Tanne wird durch das dynamisch-ruhige Aufsteigen des Kirchturms kompensiert. Die Schöpfung der Natur steht gleichbedeutend neben dem Bau von Menschenhand, beide sind in einen großen Zusammenhang eingeordnet. Die Gleichstellung von Tanne und Turm ist ein deutlicher Verweis auf Feiningers Nähe zur Romantik, wo jener anschaulich gemachten Symbolik der gedanklichen Gleichung Menschenwerk - Natur [...] oft zu begegnen ist. Feininger nutzte ganz bewußt in der Romantik erarbeitete Symbolwerte, um eigenen Vorstellungen Ausdruck zu verleihen." (Wolfgang Büche, op. cit., Stuttgart 1995, S. 84).

Werkverzeichnis

Hess 295. Das Gemälde wird in der Neubearbeitung des Werkverzeichnisses der Gemälde von Lyonel Feininger durch Achim Moeller, New York (2006 ff.), unter der Nr. 314 erscheinen.

Zertifikat

Das Gemälde wird in der Neubearbeitung des Werkverzeichnisses der Gemälde von Lyonel Feininger durch Achim Moeller, New York (2006 ff.), unter der Nr. 314 erscheinen.
Wir danken Ulrich Luckhardt, Kunsthalle Hamburg, und Achim Moeller, New York, für freundliche Hinweise und zusätzliche Angaben zur Geschichte des Bildes

Provenienz

Geschenk des Künstlers 1935 an Dr. Laurence Feininger (1909-1976), Heidelberg, später Trient, zur Promotion seines Sohnes; Nachlaß Dr. Laurence Feininger; Acquavella Galleries, New York (1985); Galerie Beyeler, Basel; Galerie Neher, Essen (1987/1989); deutsche Privatsammlung
Das Gemälde war 1937-1974 mit anderen Werken Feiningers Hermann Klumpp in Quedlinburg zur Aufbewahrung anvertraut; es befand sich danach bis 1984 in der Nationalgalerie Berlin-Ost unter DDR-Verwaltung und wurde dann erst an die Familie Feininger zurückgegeben.

Literaturhinweise

Hans Hess, Lyonel Feininger, New York 1961 (dt. Ausgabe Stuttgart 1959), Nr. 295 mit Abb. S. 275; Peter Krieger, Lyonel Feininger: Variationen über das Gelmeroda-Motiv, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 21 (1967), S. 89-102 mit Abb. S. 100; Lyonel Feininger - Frühe Werke, in: Du. Zeitschrift für Kunst und Kultur 543, 1986, S. 17-60, Nr. 5, mit Abb. S. 52; Andreas Hüneke, Lyonel Feininger, Maler und Werk, Dresden 1989, mit Abb. 10; Roland März (Hrsg), Lyonel Feininger. Von Gelmeroda nach Manhattan: Retrospektive der Gemälde, Nationalgalerie Berlin 1998, mit Abb. S. 184; Wolfgang Büche (Hrsg.), Lyonel Feininger. Gelmeroda. Ein Maler und sein Motiv. Stuttgart 1995, mit ganzseitiger Farbabb. S. 85

Ausstellung

Breslau 1929 (Schlesisches Museum der Bildenden Künste), Lyonel Feininger, Erich Heckel, Ewald Mataré, Kat. Nr. 48; Basel 1929 (Kunsthalle), Bauhaus Dessau: J. Albers, L. Feininger, W. Kandinsky, P. Klee, O. Schlemmer, Kat. Nr. 23; Berlin 1929 (Galerie Ferdinand Moeller), Die Blaue Vier, Kat. Nr. 15 mit Abb. S. 5; Essen 1931 (Museum Folkwang), Lyonel Feininger; New York 1985/Washington D.C. 1985/1986 (Acquavella Galleries bzw. The Phillips Collection), Exhibition Lyonel Feininger, Kat. Nr. 47 mit Farbabb.; Essen 1987 (Galerie Neher), Blickpunkte Deutscher Kunst im 20. Jahrhundert, S. 22 f. mit Farbabb. (mit rückseitigem Aufkleber); Essen 1989 (Galerie Neher), Moderne mit Tradition: Das Spektrum deutscher Kunst von 1903 - 1989, S. 7 und 9 mit Farbabb. auch auf dem Titel; Halle/Wuppertal 1995 (Staatl. Galerie Moritzburg/Von der Heydt-Museum), Lyonel Feininger: Gelmeroda. Ein Maler und sein Motiv. Kat. Nr. 11 mit Farbabb. S. 85; Bern/Düsseldorf 1997/1998 (Kunstmuseum Bern/Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen), Die Blaue Vier, Feininger - Jawlensky - Kandinsky - Paul Klee, Kat. Nr. 20 mit ganzseitiger Farbabb. S. 219 (mit rückseitigem Aufkleber); Schleswig 1998 (Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloß Gottorf), Lyonel Feininger - Karl Schmidt-Rottluff - Erich Heckel, Künstlerfreundschaften, Kat. Nr. 62 mit Farbabb. S. 192; Weimar 1999 (Schloßmuseum der Kunstsammlungen zu Weimar), Aufstieg und Fall der Moderne, Kat. Nr. 201 mit Farbabb. S. 307

Lot 700 Dα

Schätzpreis:
1.500.000 € - 1.700.000 €

Ergebnis:
1.666.000 €