Ernst Barlach - Lehrender Christus

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Ernst Barlach

Lehrender Christus
1931

Bronzeplastik Höhe 87 cm. signiert - Mit heller, rötlich bis bronzefarben schimmernder Patina.

Zur Figur gibt es eine aus dem Jahr 1922 datierte Vorzeichnung (Schult Zeichnungen 1642). - Gelang es, wie Schult ausführt, leider zu Lebzeiten Barlachs nicht, die Skulptur in einem sakralen Raum zur Aufstellung zu bringen, so ergab sich eine Verwendung des "Lehrenden Christus" 1938 als Hagener Grabmal für Christian Rohlfs.
Die plastischen Arbeiten sind rar, in denen Barlach in direkter Form die Christusgestalt thematisiert. In dem religiösen Fassadenprojekt dieser Jahre, der "Gemeinschaft der Heiligen" für die gotische Kirche St. Katharinen in Lübeck, war sie nicht vorgesehen. Eine der schönsten Plastiken Barlachs ist hingegen die bekannte Figurengruppe "Das Wiedersehen" (1926), die Begegnung des Jüngers Thomas mit dem auferstandenen Christus darstellend. Aus den plastischen Studien zum "Lehrenden Christus" von 1931 entwickelten sich des weiteren die bekannten, kleinformatigen "Christusmasken" (Schult 374-383), deren erster Zustand deutlich selbstbildnishafte Züge trägt.
Dagegen bezeugen Kohlezeichnungen aus den zwanziger Jahren, in der Mehrzahl Skizzen (vgl. Schult Zeichnungen u.a. 1508,1575,1873, 2002), ein wiederholtes Umkreisen des Motivs und eine Beschäftigung des Künstlers mit der Gestalt und ihrem Typus, der über die Jahrhunderte aus der byzantinischen wie mittelalterlichen ikonographischen Tradition erwuchs. Varianten des stehenden, auch "lehrenden" Christus (vgl. Schult Zeichnungen 1601) in Kreuzform mit abgewinkelten Armen gehen u.a. als Studien zum sog. "Kieler Mal", dem späteren "Geistkämpfer" (1928) voraus. In der Darstellung als einfacher Gewandfigur wie auch in der abstrakten Stilisierung des Kopfes wirken bei Barlach unübersehbar die bildnerischen Überlieferungen nach und erwecken die Reminiszenz an den strengen wie jenseitigen Ausdruckscharakter mittelalterlicher Kunst. Doch es kommt nun ein anderes und entscheidenes inhaltliches Moment hier hinzu: die thronende Gestalt im "Lehrenden Christus" erfährt eine Verlebendigung durch den offenen Gestus und die suggerierte Ansprache. Die Gestalt, heruntergeholt auf die menschliche Betrachterperspektive, sitzt quasi predigend inmitten ihrer Zuhörer. Der überzeitliche, unantastbare und transzendente Charakter des Göttlichen erfährt eine Erweiterung und Ergänzung durch erfahrene Nähe und Zuwendung. Barlach versinnbildlicht so auf eine sehr moderne Weise nicht nur die mystische Vorstellung einer Erlösung durch die Menschwerdung Christi, sondern auch die Idee einer aufgeklärten, christlichen Humanitas:
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. [...]
Und das Wort ward Fleisch, und wohnete unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohns vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."
(Prolog des Johannes-Evangeliums, Joh. 1, 1 und 14).

Werkverzeichnis

Schult 373

Provenienz

Norddeutscher Privatbesitz

Literaturhinweise

Ernst Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, München (R. Piper & Co.) 1995, Abb. 8 (Gips getönt); Elmar Jansen (Hg.), Die Ernst Barlach Museen, Leipzig 1998, mit Farbabb. S. 54

Ausstellung

vgl. Berlin 1931/1932 (Galerie Alfred Flechtheim), Kat. Nr. 22; Arnheim 1952 (Internationale Tentoonstelling Beeldhouwkunst), Kat. Nr. 11; Delft 1958 (Nieuwe Religieuze Kunst), Kat. Nr. 68; Antwerpen 1994/1995 (Koninklijk Museum voor Schone Kunsten), Ernst Barlach, Kat. Nr. 191/I/373

Lot 620 D

Schätzpreis:
80.000 € - 90.000 €

Ergebnis:
71.400 €