Auktion 891, Moderne Kunst, 02.06.2006, 00:00, Köln Lot 651

Lovis Corinth, Porträt des Bildhauers Nikolaus Friedrich

Lovis Corinth, Porträt des Bildhauers Nikolaus Friedrich, 1912, Auktion 891 Moderne Kunst, Lot 651

Öl auf Leinwand 101,7 x 81 cm, gerahmt. Unten links in der Darstellung schwarz signiert und datiert LOVIS CORINTH 1912. - Rückseitig oben auf dem Keilrahmen mit mehreren Ausstellungsetiketten, darunter den Aufklebern der New Burlington Gallery, London ("Modern German Art", Nr. 51) und der Tate Gallery London ("Possible Purchase") sowie zweifach mit dem Stempel der "Schonemann Galleries", New York versehen.

Berend-Corinth 524

Provenienz

Sammlung Dr. Alfred Ganz, Luzern/St.Niklausen; Kunsthandlung Bühler, München; Galerie Meissner, Zürich; Busch-Reisinger Museum, Harvard University, Cambridge MA, USA; Westdeutsche Privatsammlung.

Ausstellungen

Berlin 1913 (Berliner Sezession), Lovis Corinth, Das Lebenswerk, Nr. 207 ("Der Bildhauer"); Dresden 1913 (Galerie Ernst Arnold), Deutsche Malerei im 19. Jahrhundert; Berlin 1918 (Berliner Sezession), Lovis Corinth, zum 60. Geburtstag, Nr.107; Zürich 1924 (Kunsthaus Zürich), Lovis Corinth, Nr. 22; Luzern 1947 (Kunstmuseum Luzern), Eine Luzerner Privatsammlung [Sammlung Alfred Ganz], Nr. 34; Schaffhausen 1955 (Museum Allerheiligen), Deutsche Impressionisten. Liebermann, Corinth, Slevogt, Nr. 54; Wolfsburg 1955 (Stadthalle Wolfsburg), Lovis Corinth Gedächtnis-Ausstellung, Zur Feier des hundersten Geburtsjahres, Nr. 99

Literatur

Hans-Jürgen Imiela, Die Portraits Lovis Corinths, (Diss.) Mainz 1955, vgl. S. 90, 93/94 und Fußnote 262, S. 208; Thomas Corinth (Hg.), Lovis Corinth, Eine Dokumentation, Tübingen 1979, vgl. S. 136)

Der Bildhauer Nikolaus Friedrich (Köln 1865 - 1914 Berlin), zunächst Meisterschüler bei Reinhold Begas in Berlin, war seit 1899 Mitglied der Sezession. Er hatte sich stilistisch entschieden für die klassisch geprägten Ideale eines Adolf von Hildebrand, des großen deutschen Antipoden zu Auguste Rodin. Corinths Gemälde, das den Freund - nach einem ersten, großformatigen und andersartigen Porträt von 1904 (Berend-Corinth 295) - nun in einer Ateliersituation zeigt, war 1913 in der Sezession unter dem Titel "Der Bildhauer" ausgestellt. Dies unterstreicht, daß das Werk, über das Individualporträt hinausgehend, motivisch ausgreift auf eine "idealtypische" Darstellung des Künstlers als Bildhauer, nicht klassisch-attributiv im Sinne einer Allegorie, sondern eher als Personifikation des modernen, "zeitgenössischen" Bildhauers schlechthin.

Die überzeugend lebendige Vorstellung des Freundes mit seinem sportlich-athletischen Habitus, das charakteristische Antlitz mit dem "kurzgeschorenen Kopfhaar und dem kurzen schwarzen Bart (von Friedrich selbst 'à la russischer Grossfürst' genannt)" (Imiela 1955, op. cit. S. 93/94) ist bei Corinth in unnachahmlicher Art erweitert um die individual-psychologische wie allgemeine Dimension: der Künstlerkollege mit dem Corinth'schen Spitznamen "Friedrich der starke Mann" verkörpert sinnfällig das schöpferische Potential, das ins Figürlich-Monumentale drängt. Die Pfeife und der helle Rollkragenpullover unterstreichen dabei den äußerst modern wirkenden Habitus, der noch im bildhauernden "Stiller" von Max Frisch (ein Protagonist der Spezies als segelnder Zigarrenraucher...) nachzuwirken scheint.

Corinth entschließt sich zu einer Malerei, die, stark von seinem Pinselduktus bestimmt, auf die Farbigkeit verzichtet. Entwickelt wird ein Interieur in tonal reich abgestuften Hell-Dunkel-Kontrasten mit der Dominanz weißer und schwarzbrauner Valeurs, bezeichnenderweise - wenn auch sehr wirkungsvoll - vermischt nur mit Farbanteilen. In dieser gedrängten Werkstatt kontrastieren Gips und Marmor zur dunklen Bronze (im Hintergrund ein Modell, das dem "Tauzieher", 1911 als Steinfigur am Rhein am Kölner Holzmarkt aufgestellt, verwandt scheint). In diesem Moment des formalen Kontrastes wie auch in der motivlichen Gegenüberstellung des Künstlers mit seinen überdimensionierten Objekten drängt sich die Bildhauer-Legende von Auguste Rodin auf, von diesem faunisch inspirierten Titan, dessen Werke im neuen Schwarz-Weiß-Medium der Fotografie bildmächtig auch in Deutschland ihre Verbreitung und Interpretation fanden (vgl. jüngst: Druet sieht Rodin, Photographie & Skulptur, Ausst. Kat. Nationalgalerie, Berlin 2005).

Das bedeutende wie qualitätvolle Gemälde "Der Bildhauer" erwarb Alfred Ganz, der Schweizer Industrielle und Sammler, der noch weitere Corinth-Arbeiten besaß und selbst 1921 von Corinth porträtiert wurde (Berend-Corinth 842). Seine Kunstsammlung hatte 1947 in Luzern eine eigene Ausstellung erfahren.

Unsere Webseite verwendet Cookies. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. OK