Emil Nolde - Marschhof

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Emil Nolde

Marschhof
1947

Öl auf Leinwand ca. 67 x 88 cm Gerahmt. Unten links zweifarbig, blau und schwarz, signiert E. Nolde sowie rückseitig auf dem Keilrahmen oben links mit dem Pinsel schwarz zusätzlich signiert und betitelt Emil Nolde: Marschhof. - Rückseitig auf dem Keilrahmen mittig mit Bleistift bezeichnet "Seebüll / Schleswig-Holstein" sowie oben rechts mit einem lose angehefteten Papieretikett von Marlborough Fine Art, London, maschinenschriftlich ausgefüllt und mit Inventarvermerken. - Der ursprüngliche Keilrahmen rückseitig mit den Farb- und Fingerspuren des Künstlers.

Im Oeuvre Emil Noldes sind die Landschaften des Nordens, des flachen, weiten Polder- und Marschgebietes zwischen den Meeren, ein immer wiederkehrendes Motiv. Die eigentümlichen, landschaftlichen Reize seiner Heimat forderten ihn zur Gestaltung von Anbeginn heraus. Die Naturbegegnung gepaart mit seinem künstlerischen Temperament und seiner Phantasie sollten im Malvorgang und in der Kunst zu einer Einheit verschmelzen, daran arbeitete er seit den ersten Bildern; so schreibt er etwa der jungen Ada am 7. August 1901 aus dem rauhen Jütland, begeistert wie selbstkritisch:
"Ich stand und malte zwei Häuser, die im Abendtrüb liegen, friedlich hinter den Dünen. Es begann zu wehen, die Wolken wurden wild und dunkel; es wurde Sturm und der graue Sand wirbelte hoch, hin über die Dünen und die kleinen Häuser, ein rasender Sturm - da plötzlich trieb ein machtvoller Pinsel durch das Leinen -, der Maler kam zu sich, er sah sich um, es war immer noch die stille, schöne Abendstunde, nur er selbst war so hingerissen rasend geworden und hatte sich hineingelebt in diesen Sturm. Das Bild war hin! Liebes Fräulein, so geht's mir..." (zit. nach: Martin Urban, Emil Nolde, Landschaften, Aquarelle und Zeichnungen, Köln 1969, S. 14).
Das vorliegende Gemälde "Marschhof" malte Nolde 1947, achtzigjährig, im Jahr seines eigenen Altersbildnisses mit der orangefarbenen Weste und dem leuchtend blauen Jackett (Urban 1304) und ein Jahr nach dem Tode Adas. Es handelt sich innerhalb des Oeuvres, das zu dieser Zeit immer noch stark geprägt ist vom figuralen Bildnis, vom Meer, von den Blumen - oft als Umsetzungen der aquarellierten "ungemalten Bilder" - um eine der letzten großen Marschlandschaften des Künstlers überhaupt.
In seinen Bildern sind oftmals die Gehöfte ferngerückt und nur farblich linear angedeutet. Hier wird, wie es der Titel beschreibt, der Gebäudekomplex hervorgehoben: zu einem Formmassiv zusammengezogen, lagert er als vorgeschobener Riegel vor dem hellen Horizont. Im Gegensatz hierzu bilden die ziehenden, sich türmenden Wolken darüber zusammen mit dem Stück Wasser im grauen Siel und dem gegenläufigen, linear wie farblich betonten Sandweg einen spitzen Winkel zu einem "Fluchtpunkt" außerhalb des Bildes. Durch diese Komposition entsteht Dynamik und eine atmosphärische Entgrenzung.
Den Bildaufbau beherrscht im übrigen die Farbe, ein sehr markantes, leuchtendes Maigrün in den Wiesen, ein helles Ziegelrot im Gehöft, blinkendes Weiß, Blau, Violett in den Fenstern, ein Gelb und Orange in der aufgehenden Sonne, die den Horizont entzündet und die noch jenseits des nach vorne drängenden, dunklen Wolkenfrieses den blauen Äther in ein gewagtes, grünliches Türkis taucht.
"Die Werke von van Gogh, Gauguin und Munch hatte ich kennengelernt, begeistert verehrend und liebend. Ich mußte mit diesen fertig werden." schreibt der Künstler im Rückblick. (Emil Nolde, Jahre der Kämpfe 1902-1914, Flensburg o. J., S. 71). Von diesen künstlerischen Vorläufern gewann er die Freiheit zur expressiven Gestaltung, die hier noch einmal ausgelotet ist: im abstrahierten Gegenstand, in der Vereinfachung und Zusammenfassung der Formen, in der Steigerung der Kontraste, in der "Spannung von Masse und Raum" (Matin Urban), und in der Farbgebung, Resonanz der menschlichen Emotion.

Werkverzeichnis

Urban 1294; im handschriftlichen Bilderverzeichnis des Künstlers Nr. 1930 "1947 Marschhof"

Provenienz

Nolde-Stiftung Seebüll; Marlborough Fine Art, London (1966); Privatsammlung

Literaturhinweise

Ludwig Rohling, Malerei in Schleswig-Holstein 1951, in: Kunst in Schleswig-Holstein. Jahrbuch des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, Flensburg 1950, S. 24/125 mit Abb. S. 12; Briefe Emils Noldes an Rudolf Probst, 27.3. und 7.4.1954, Archiv der Nolde-Stiftung

Ausstellung

Flensburg 1950 (Museum); Tonder 1952 (Museum); Odense 1956 (Fyns Stiftsmuseum), Nr. 37; London 1966 (Marlborough Fine Art) Nr. 5 mit Farbabb.

Lot 872 R

Schätzpreis:
800.000 € - 900.000 €

Ergebnis:
1.368.500 €