Otto Freundlich - Ohne Titel

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Otto Freundlich

Ohne Titel
Um 1935/1938

Mischtechnik auf Leinwand 100 x 49,7 cm monogrammiert - Mit Craquelé und kleineren Farbausbrüchen am Unterrand.

Bereits seit 1908/1909 arbeitet Otto Freundlich in der ihm eigenen Malweise, wie sie auch mit der hier angebotenen Komposition vorliegt: ähnlich einem Mosaik sind klar umrissene monochrome Farbkompartimente flächendeckend, d.h. formatfüllend zueinander gesetzt. Der Gegenstand - in diesem Fall die menschliche Figur - "wird zerlegt, aber die Farbflächen schließen sich zusammen" (Erich Franz, Otto Freundlich. Kräfte des Raumes - Kräfte der Farbe, in: Ausst. Kat. Otto Freundlich - Kräfte der Farbe, Münster/Liechtenstein 2001 (Westf. Landesmuseum/Kunstmuseum Liechtenstein), S. 17). Daraus entsteht eine eigentümliche 'Unfaßbarkeit', denn in demselben Moment, in dem man den Bildgegenstand zu erkennen meint, entzieht er sich auch - die Figur bewegt sich und 'verschwindet'. Die daraus resultierende Ambivalenz wirft einen auf das Sehen, den Sehvorgang selbst, zurück; in diesem Fall stärker noch, als bei Freundlichs ungegenständlichen, stärker rhythmisierten Farbfeldkompositionen. Nebenbei bemerkt ist Otto Freundlich ein guter Pianist. Doch eröffnet sich ihm mit der Malerei ein "konkretes" Ausdrucksmittel, das ihm weder Musik noch Sprache sein können.
"Gerade weil Freundlich Abstraktion nicht als Selbstzweck, sondern im Einklang mit gesellschaftlichen Entwicklungen und persönlichen Entscheidungen sieht, ersinnt er auf dem Umweg über bildnerische Ordnungen soziale Existenzformen. Solche 'kollektive Strukturen' verstehen sich als Modelle sozialen Kommunizierens, wie umgekehrt der Künstler, gemäß der geforderten Einheit von Theorie und Praxis, sich als Wegbereiter sozialer Veränderungen begreift." (Joachim Heusinger von Waldegg, Otto Freundlich - Ascension. Anweisung zur Utopie, Frankfurt 1987, S. 31)
Soziale Problemstellungen erreichen kosmische Dimensionen, mit denen Freundlich zunehmend auf Widerstand seiner Künstlerkollegen wie den Kölner "Progressiven" stößt, so bezeichnet Franz Josef Seiwert ihn 1925 als "utopischen Kommunisten unter den Künstlern (...), die glauben, in ihren Bildern Abbilder einer kommunstischen Weltgemeinschaft allen [sic] Seienden zu schaffen." (zit. bei Uli Bohnen, Unterwegs zum kosmischen Kommunismus - zu den Schriften von Otto Freundlich, in: Joachim Heusinger von Waldegg, Otto Freundlich. Monographie mit Dokumentation und Werkverzeichnis, Köln 1978, S. 53).
Die figürliche Komposition und das schmale längliche Panelenformat sprechen für den Zusammenhang mit dem Mosaiktriptychon "Hommage aux peuples de couleur" von 1938 und den entsprechenden Gouachen - ein Karton befindet sich heute, nachdem die Anschaffung durch zahlreiche Künstler 1938 unterstützt worden war, im Centre Pompidou, Paris (s. Joachim Heusinger von Waldegg 1978, op.cit., Wvz. 36, 177, 178, bzw. auch Abb. S. 32 in Ausst. Kat. Münster/Liechtenstein 2001, op.cit.).

Werkverzeichnis

Das Gemälde wird in das in Vorbereitung befindlich

Zertifikat

Mit einer Foto-Expertise von Edda Maillet, Pontoise, vom 25.7.1989
Das Gemälde wird in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen

Provenienz

Galerie René Reichard, Frankfurt (mit rückseitigem Rahmenaufkleber)

Ausstellung

Paris 1990 (Galerie Franka Berndt, Bastille), Otto Freundlich, o. Kat. Nr. mit ganzseitiger Farbabb.; Frankfurt 1994 (Galerie Reichard), Salon des réalités nouvelles 1946 1956, mit ganzseitiger Farbabb. S. 25

Lot 120 Dα

Schätzpreis:
45.000 € - 55.000 €

Ergebnis:
72.590 €