Max Beckmann - Lispelt leise süssen Frieden (Chor) - image-1
Max Beckmann - Lispelt leise süssen Frieden (Chor) - image-2
Max Beckmann - Lispelt leise süssen Frieden (Chor) - image-1Max Beckmann - Lispelt leise süssen Frieden (Chor) - image-2

Lot 236 Dα

Max Beckmann - Lispelt leise süssen Frieden (Chor)

Auktion 990 - Übersicht Köln
02.12.2011, 00:00 - Moderne Kunst
Schätzpreis: 25.000 € - 30.000 €
Ergebnis: 33.880 € (inkl. Aufgeld)

Schwarze Tuschfederzeichnung über Bleistift auf cremefarbenem gerippten Büttenpapier 24,7 x 17,5 cm, unter Glas gerahmt. Unten links mit schwarzer Tinte in Sütterlinschrift signiert Beckmann, bezeichnet und datiert A. 44 sowie rückseitig betitelt AKT I Lispelt leise süssen Frieden (Chor) II. - Das Papier sehr schwach gebräunt, die Ränder minimal unregelmäßig geschnitten und gerissen.

„Anmutige Gegend. Faust, auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig schlafsuchend. Dämmerung.“ Das ist Goethes Vorstellung vom Szenario. Beckmanns vorliegende Zeichnung übersetzt die Szene bildhaft und betitelt seine Zeichnung rückseitig „Akt I Lispelt leise süssen Frieden (Chor)“ weiter Goethes Beschreibung des Schlafenden Faust: „Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder, dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut! Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder wenn er gestärkt dem Tag entgegenruht. Vollbringt der Elfen schönste Pflicht: Gebt ihn zurück dem heiligen Licht!
Chor: Einzeln, zu zweien und vielen, abwechselnd und gesammelt.
Wenn sich lau die Lüfte füllen um den grünumschränkten Plan, süße Düfte, Nebelhüllen senkt die Dämmerung heran, lispelt leise süßen Frieden, wiegt das Herz in Kindesruh, und den Augen dieses Müden schließt des Tages Pforte zu.“ (zit. Nach J.W. Goethe, Faust Zweiter Teil, Frankfurt 1975, S. 10 ff.)
Georg Hartmann, Besitzer der Bauerschen Schriftgießerei und Verleger aus Frankfurt, hatte über die Vermittlung des mit Beckmann befreundeten Kunsthistorikers Erhard Göpel dem im Amsterdamer Exil lebenden Maler nicht nur die Illustrationen zur „Apokalypse“ (Joh.Offenbarung) 1941 in Auftrag gegeben, sondern auch in den folgenden Jahren die Faustillustrationen. Vom15. April 1943 bis 15. Februar 1944 arbeitete Beckmann kontinuierlich an den Zeichnungen zum Faust II.
An Lilly von Schnitzler schreibt Beckmann: „Ich bin viel am Faust, welches eine ganz gute Ablenkung ist, da man sich in diesem einzigen Buch von Göthe noch mit manchem selbst identifizieren kann“. (zit. Nach Christian Lenz, „…so viel Wesentliches“, Max Beckmann als Zeichner, in: Ausst. Kat. Max Beckmann […], Albstadt 2001, S. 20)
In der Tat werden die Identifikationsbestrebungen Beckmanns sinnfällig, liest man in seinem Tagebuch von der täglichen Misere, die die deutsche Besatzung Hollands mit sich brachte. Mit zahlreichen Skizzen und Zeichnungen widmete sich Beckmann dem Faust-Auftrag. „Die Bilder sind im Wechsel der Größe und des Formates, aber auch in der Zeichenweise von außerordentlicher Vielfalt. […] Wir finden die unmittelbar sinnliche Gegenwart ebenso gestaltet wie das atmosphärisch sich Verflüchtigende oder das schier Gedankliche. Vom Range her sind die Faust-Zeichnungen nur mit wenigen Gemälden Beckmanns zu vergleichen, in der Spannweite übertreffen sie notwendigerweise alle.“ (Lenz, ebenda, S. 21)
Christian Lenz unterscheidet in dem Korpus der Faustillustrationen vier Zeichenstile Beckmanns von der einfachen klaren Zeichnung ohne Binnenstruktur bis zur dreidimensional mittels Parallel- und Kreuzschraffuren differenzierten Modellierung. (Christian Lenz, Die Zeichnungen Max Beckmanns zum Faust, in: Ausst. Kat. Goethe in der Kunst des 20. Jahrhunderts […], Bonn/Frankfurt/Düsseldorf 1982, S. 101 f.) Zur ersten Kategorie zählt Lenz die bislang nur bekannte einfache umrißhafte Zeichnung, zu der es eine kleine vignettenhafte Vorzeichnung gibt (siehe Vergleichsabbildung).
Mit unserem Blatt ist nun eine dritte Zeichnung zu dieser Szene bekannt geworden, die der von Lenz genannten 3. bzw. 4. Zeichnungskategorie zugerechnet werden darf, in der Kopf und Gliedmaßen des schlafenden Faust mittels Kreuzschraffuren körperhaft ausgearbeitet sind (vgl. auch Rike Wankmüller/Erika Zeise, Max Beckmann, Illustrationen zu Faust II […], München/Münster 1984, S.8 f.). Diese bislang unbekannte Zeichnung schließt eine weitere Lücke in der Forschung zum Faustkorpus Beckmanns.

Zertifikat

Die Authentizität wurde von Christian Lenz, Max Beckmann Archiv, Mayen Beckmann und Siegfried Gohr nach Vorlage des Originals bestätigt, von Stefan von Wiese nicht.

Provenienz

Privatbesitz Holland

Literaturhinweise

Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, mit 143 Federzeichnungen von Max Beckmann, München 1970 (faksimilierte, originalgroße Abb.); Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Mit 143 Federzeichnungen von Max Beckmann, Leipzig 1982, S. 9, vgl. Abb. S. 8; vgl. Christian Lenz, Die Zeichnungen Max Beckmanns zum Faust, in: Goethe in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Weltliteratur und Bilderwelt, Bonn 1982, S. 82 ff., Abb. 75; Rike Wankmüller/Erika Zeise, Max Beckmann. Illustrationen zu Faust II, München/Münster 1984, S. 8 f., vgl. Abb. 2, 2a; Christian Lenz, "...so viel Wesentliches...", Max Beckmann als Zeichner, in: Ausst. Kat. Max Beckmann. Der Zeichner, Städt. Galerie Albstadt 2001, S. 18-25; Adolf Smitmans, Max Beckmann - Der Zeichner im Exil, in: ebenda, S. 133-147