Auktion 997, Moderne Kunst, 22.05.2012, 00:00, Köln Lot 220

Richard Martin Werner, Stehende

Richard Martin Werner, Stehende, 1929/30, Auktion 997 Moderne Kunst, Lot 220
Richard Martin Werner, Stehende, 1929/30, Auktion 997 Moderne Kunst, Lot 220
Richard Martin Werner, Stehende, 1929/30, Auktion 997 Moderne Kunst, Lot 220
Richard Martin Werner, Stehende, 1929/30, Auktion 997 Moderne Kunst, Lot 220

Bronzeplastik. Höhe 106,8 cm. Seitlich auf der Plinthe links monogrammiert RMW [MW ligiert]. - Mit schwarz-grünlicher, stellenweise leicht bronzefarben aufgehellter, schöner Patina.

Provenienz

Seit über 50 Jahren in Privatbesitz, Hessen

Literatur

Vgl.: Ursel Berger (Hg.), Nymphe und Narziss, Der Bildhauer Richard Scheibe, Georg-Kolbe-Museum Berlin 2004, u.a. S. 145; Das Städel/ Museum Giersch (Hg.), Von Köpfen und Körpern - Bildhauerei aus dem Städel, Ausst. Kat., Frankfurt 2006, Kat. Nrn. 88-90, S. 206-209

Einige Werke aus dem Oeuvre des Bildhauers Richard Martin Werner, von 1924 bis 1929 Meisterschüler von Richard Scheibe an der Frankfurter Kunstschule, befinden sich heute im Städel Museum - darunter auch die Büste seines Lehrers von 1926, dessen "Jünglingskopf" aus dem gleichen Jahr den Schüler darstellt (Bronze, Kunstsammlungen Chemnitz, vgl. Ursel Berger (Hg.), Nymphe und Narziss, op. cit. Berlin 2004, Kat. Nr. 34 mit Abb. S. 143). Man darf davon ausgehen, daß Werners Bronzen, die seltener ein Monogramm und keinen Gießerstempel aufweisen, Einzelstücke sind. Sie könnten bei A. Komo u. Sohn in Frankfurt gegossen worden sein, wo auch Richard Scheibe arbeiten ließ.

1929 erhielt der Künstler ein Stipendium der Villa Massimo in Rom und arbeitete danach als freier Bildhauer in Offenbach, Frankfurt und seit 1937 in Oberursel im Taunus. 1936 erhielt er eine Auszeichnung vom Internationalen Olympischen Komitee für ein Relief von Baron de Coubertin. Nach dem Kreig war er 1948 Mitbegründer des Künstlerbundes Taunus in Bad Homburg und leitete eine Bildhauerklasse in Biedenkopf/Lahn. Weite Verbreitung fand sein im letzten Lebensjahr entstandener Entwurf zum 1949 eingeführten neuen 50-Pfennigstück, das einen bis zu diesem Zeitpunkt verwendeten "Schein" ersetzte. Werner gewann den 1. Preis der Bank Deutscher Länder - jedermann kennt das Relief der Knienden mit dem Eichenlaubsproß, zu der seine Gefährtin Gerda Jo Werner (1915-2004), selbst Malerin und Kunsterzieherin, Modell gestanden haben soll.

Die vorliegende, aus langjährigem Privatbesitz eingelieferte große Bronze ist eine der schönsten des Künstlers: die Aktfigur eines jungen Mädchens steht im Kontrapost bei leicht gedrehtem Oberkörper und verschränkt die locker vor die Brust genommenen Arme. Die Gestalt verbindet eine natürliche, sehr feine sinnliche Ausstrahlung mit klassischem Ernst und formaler Konzentration. Auch der nach links gewandte, unmerklich geneigte Kopf zeigt ebenmässige, stille Züge. Individualisierende Details sind durch die geschlossene, idealisierte Form bewußt zurückgenommen, dennoch ist die vollplastische Bronze von räumlicher Wirkung, sie steht frei wie selbstbewußt. Sie scheint bei aller Glätte zu "atmen" und bezaubert durch eine schimmernde, zart bewegte Oberfläche.

Werner kommt hier dem bildhauerischen Ideal seines Lehrers Richard Scheibe durchaus sehr nahe. Ursel Berger charakterisierte dessen Kunst treffend: "Das ruhige Stehen seiner Figuren, die alles Übertriebene sowohl in der Form wie auch im Gefühlsgehalt vermeiden, ist für sein Werk von größter Wichtigkeit." (Ursel Berger, Hommage à Richard Scheibe, Georg-Kolbe-Museum, Berlin 1984, zit. in: Birk Ohnesorge, "Wir durften jederzeit an seine Türe klopfen - und taten es!", Richard Scheibe als Lehrer, Ausst. Kat. Nymphe und Narziss, op. cit. Berlin 2004, S. 140). Insbesondere Scheibes Doppelfiguren der "Schwestern" im Städel-Museum (Bronze 1930, H. 150 cm, vgl. Edwin Redslob, Richard Scheibe, Berlin 1955, S. 25 mit Abb.) scheinen Werners "Stehender" unmittelbar verwandt.

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