Joseph Beuys - Sonnenkreuz

Joseph Beuys - Sonnenkreuz - image-1
Joseph Beuys - Sonnenkreuz - image-1

Joseph Beuys

Sonnenkreuz
1947/1948

Bronze mit braungrauer, partiell goldfarbener Patina. ca. 36,5 x 20,5 x 5 cm. Eines von wenigen bekannten Exemplaren.

Die Sonnenkreuze wurden - laut Eva Beuys - in nur wenigen Exemplaren vom Kunstgießer der Düsseldorfer Kunstakademie gegossen. Sie unterscheiden sich geringfügig voneinander, da jeder Guss von Beuys ziseliert und nachgearbeitet wurde.


Das beeindruckende Sonnenkreuz von 1947/48 gilt als eine der frühesten erhaltenen Arbeiten von Joseph Beuys, entstanden zu Beginn seines Studiums der Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Seit 1947 besuchte er die Klasse Josef Enselings, bevor er schließlich im Jahr 1948 zu Ewald Mataré wechselte, der ungleich größeren Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung nehmen sollte. Umso mehr erstaunt der bereits ausgereifte und selbstbewusste Entwurf des Sonnenkreuzes, das laut Eva Beuys vom Kunstgießer der Düsseldorfer Kunstakademie gegossen wurde. Nur einige Exemplare der Kleinplastik sind bekannt, von denen der Künstler jedes Einzelne nach dem Guss individuell ziselierte und ihnen somit einen unikalen Charakter verlieh.
Das Sonnenkreuz markiert den furiosen Auftakt zu einer Reihe von frühen Kreuzigungsdarstellungen - es folgen etwa das Bronzekreuz (1948) und das Vortragekreuz (1949) - die jedoch alle hinter der Expressivität des Sonnenkreuzes zurückstehen: Hier wird der konventionelle Darstellungstypus mit dem auf den Kreuzbalken aufliegenden Leib Christi zugunsten einer zugespitzten Körperlichkeit aufgegeben. Das Marterinstrument existiert lediglich imaginativ und wird durch den schwungvoll herabhängenden Corpus des Gekreuzigten assoziiert, dem das Haupt auf die Brust gesunken ist. Zwischen den V-förmig emporgestreckten Armen erstrahlt schließlich nimbusartig ein großes Sonnenrad, dessen weit in den Raum ausufernde Strahlen für die Kraft der Sonne stehen können, zugleich aber auch die quälenden Spitzen der Dornenkrone implizieren. Leiden und Tod sind in dieser Plastik somit ebenso präsent wie Energie und Wiederauferstehung.
Beuys setzte sich während seiner gesamten Schaffenszeit wiederholt mit religiösen Thematiken auseinander, wobei ihn weniger das Christentum in Form der Institution Kirche, sondern vielmehr der Glaube auf einer existenzialistischen Ebene beschäftigte: „Wenn Du einfach so glaubst, bist Du kein Christ. Du mußt versuchen, >exakt< zu >glauben<; Du mußt erst Deinen Glauben verlieren, so wie Christus für einen Augenblick seinen Glauben verloren hat, als er am Kreuz war. Das heißt, der Mensch muß diesen Vorgang der Kreuzigung, der vollen Inkarnation in die Stoffeswelt durch den Materialismus hindurch, selbst auch erleiden. Er muß selbst sterben, er muß völlig verlassen sein von Gott, wie Christus damals vom Vater in diesem Mysterium verlassen war. Erst wenn nichts mehr ist, entdeckt der Mensch in der Ich-Existenz die christliche Substanz und nimmt sie ganz real wahr. Das ist eine Erkenntnis. Die ist so exakt, und sie muß sich so exakt vollziehen wie ein Experiment im Labor.“ (Joseph Beuys im Gespräch mit Friedhelm Mennekes in: F.J. van der Grinten, Friedhelm Mennekes, Menschenbild - Christusbild. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Stuttgart 1984, S.106.)

Provenienz

direkt vom Künstler erworben und seitdem, seit 1961, in Familienbesitz

Mit beiliegendem handgeschriebenen Brief von Joseph Beuys vom 28.08.1961 an den Sammler:
"[...] Sollten Sie noch Interesse an dem bewussten Kreuz haben, so würde ich Sie bitten in der nächsten Zeit einmal bei mir vorbeizukommen. [...] Ich habe eine unbearbeitete Fassung da, die meines Erachtens noch schöner ist als diejenige die Sie damals gesehen haben [...] Ihr Josef Beuys"

Literaturhinweise

vgl. Wouter Kotte, Ursula Mildner, Das Kreuz als Universalzeichen bei Joseph Beuys. Ein Requiem, Stuttgart 1986, S.60 mit Abb.

Ausstellung

vgl. Kleve 1991 (Städtisches Museum Haus Koekkoek), Joseph Beuys, Kat.Nr.75, S.65 mit Farbabb.
vgl. Düsseldorf 1991/1992 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen), Joseph Beuys, Natur Materie Form, Kat.Nr.39 mit Farbabb.
vgl. Krefeld 1991 (Kaiser Wilhelm Museum), Joseph Beuys, Plastische Arbeiten 1947-1985, Kat.Nr.1 mit Abb.
vgl. Berlin 1988 (Martin-Gropius-Bau), Joseph Beuys, Skulpturen und Objekte, Kat.Nr.1 mit Farbabb.
vgl. Aachen 1985 (Suermondt-Ludwig-Museum), Kreuz + Zeichen, Religiöse Grundlagen im Werk von Joseph Beuys, Kat.Nr.1, S.24 mit Abb.

Lot 521 D

Schätzpreis:
180.000 € - 200.000 €

Ergebnis:
244.000 €