Öl auf Leinwand 27 x 35 cm. Rückseitig auf der Leinwand signiert, datiert und beschriftet Richter, 1988 (H.M.) sowie mit der Werknummer 686-9 versehen.
Elger 686-9
Abstraktes Bild entstand im Zusammenhang mit Gerhard Richters bedeutendem, im Jahr 1988 entstandenen Bilderzyklus 18. Oktober 1977 (The Museum of Modern Art, New York), in dem er sich mit den Ereignissen des „Deutschen Herbstes“ auseinandersetzte. Als Vorlage für Abstraktes Bild diente ihm eine Photographie des toten RAF-Terroristen Holger Meins (vgl. Abb.), der 1974 nach mehrwöchigem Hungerstreik aus Protest gegen seine Haftbedingungen verstorben war (die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und der in Wittlich in Rheinland-Pfalz inhaftierte Holger Meins hatten u.a. eine Zusammenlegung gefordert). Bei Abstraktes Bild hatte Richter das Photo bereits auf die Leinwand übertragen und das Ergebnis später wieder übermalt. Die grau-schwarzen Schemen des ursprünglichen Bildes sind unter der Übermalung erkennbar und fügen sich mit dem weißen, fast pastosen Farbauftrag zu einer neuen und eigenständigen Komposition. Insgesamt drei weitere Fassungen aus dem Zyklus sind bekannt, die ebenfalls überarbeitet oder zerstört wurden: ein Bild der erhängten Gudrun Ensslin (Decke, 1988, Privatsammlung), ein Bildnis des toten Andreas Baader und das Bildnis des verhungerten Holger Meins.
Abstraktes Bild ist als eigenständiges Gemälde anzusehen, dokumentiert aber gleichzeitig den Arbeitsprozess Gerhard Richters an einem seiner wichtigsten Werkkomplexe:
An Stelle der ursprünglich 18 in der Literatur bekannten Gemälde nahm Richter schließlich 15 Bilder in den endgültigen Zyklus auf. Obwohl der Titel 18. Oktober 1977 zunächst ein konkretes Datum, den Tag, an dem sich die RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der JVA Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen, fokussiert, bündelt die Bildfolge mehrere Ereignisse, die teils Jahre auseinanderliegen. Die fünfzehn Schwarz-Weiß-Gemälde, denen jeweils eine aus der Presse bekannte Fotografie zugrunde liegt, zeigen etwa ein bürgerliches Bildnis der jungen Ulrike Meinhof, deren Freitod durch Erhängen im Jahr 1976 ebenfalls thematisiert wird. Zwei Bilder widmen sich der Festnahme von Holger Meins, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader, allerdings ohne die Protagonisten ins Zentrum zu rücken. Der lebenden Gudrun Ensslin widmet Richter sogar drei Porträts, umso bedrückender wirkt dann schließlich das Bild ihres leblos am Fenster hängenden Körpers. Zwei Bilder zeigen den auf dem Boden liegenden Andreas Baader, nachdem er sich selbst gerichtet hat, zwei weitere Bilder eine Ansicht seiner Zelle und den Plattenspieler, in dem angeblich die Waffe in die Zelle geschmuggelt wurde. Chronologisch endet die Bildfolge mit der Beerdigung der Terroristen; zu sehen sind die Särge inmitten einer großen Menschenmenge. Über das Dargestellte hinaus implizieren die Bilder aber auch die Gesamtentwicklung des „Deutschen Herbstes“, schließlich war der Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe eine Reaktion auf die gescheiterte Flugzeugentführung in Mogadischu in der Nacht zum 18. Oktober, ebenso wie die Ermordung des seit 43 Tagen als Geisel gehaltenen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am selben Tag mit diesen beiden Ereignissen zusammenhing. Diese Tage waren schließlich der dramatische Höhepunkt des „Deutschen Herbstes“, sie bedeuteten aber auch das Ende der seit 1968 wiederholt auftretenden Terrorakte der ersten Generation der RAF, die das Land in eine innenpolitische Krise gestürzt hatten.
Als Richters Zyklus im Frühjahr 1989 - gut zehn Jahre danach - erstmals im Museum Haus Esters in Krefeld ausgestellt wurde, zeigten die zum Teil sehr heftigen Reaktionen von Presse und Öffentlichkeit, wie sehr die damaligen Ereignisse die deutsche Gesellschaft getroffen hatten und wie aktuell der Aufarbeitungsprozess immer noch war (vgl. dazu ausführlicher Robert Storr, Einführung, Plötzliche Erinnerung, in: Robert Storr, Gerhard Richter, 18. Oktober 1977, Ausst.Kat. The Museum of Modern Art, New York 2000, S.4-9). Richter leistete zu dieser Aufarbeitung der deutschen Nachkriegs-Geschichte mit seinem Zyklus einen wichtigen Beitrag, der auch international wahrgenommen wurde: Nach der Krefelder Ausstellung wurden die Gemälde u.a. im Museum Boymans-van Beuningen in Rotterdam und im Institute of Contemporary Art in Boston gezeigt. 1995 kaufte das Museum of Modern Art in New York den kompletten Zyklus an.
Der Künstler stand wiederholt in der Kritik, er habe die Terroristen durch seinen Zyklus zu Märtyrern stilisiert. Richter wies diesen Vorwurf stets weit von sich. Er hatte zwar durchaus Bildvorlagen mit Schockpotential verwendet, aber entschieden eine Ikonisierung der Dargestellten vermieden: „Alle Bilder sind dumpf, grau, meist sehr unscharf, diffus. Ihre Präsenz ist das Grauen und die schwer erträgliche Verweigerung einer Antwort, einer Erklärung und Meinung. Ich bin nicht so sicher, ob die Bilder >fragen
Werkverzeichnis
Elger 686-9
Provenienz
direkt vom Künstler; Privatsammlung, Deutschland
Literaturhinweise
Ortrud Westheider, Eine Idee, die bis zum Tod geht, Der Zyklus 18. Oktober 1977, in: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, Ausst.Kat. des Bucerius Kunst Forum, Hamburg 2011, S.175 mit Farbabb. Robert Storr, Gerhard Richter, October 18, 1977, The Museum of Modern Art, New York 2000, S.96 mit Farbabb.94
Gerhard Richter, Werkübersicht, Catalogue raisonné 1962-1993, Ausst.Kat. der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, vol. III, Bonn 1993, Nr. 686-9 mit Farbabb.