Heilsgeschichte in a Nutshell
Immer kleiner! Downsizing war in der Handwerks- und insbesondere der Schnitzkunst zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein großes Thema. Miniaturen und Miniaturschnitzereien loteten die Grenzen technischer Möglichkeiten aus, was in einer Zeit des Machbarkeitswahns der Renaissance große Faszination ausübte. Die Entwicklung optischer Linsen gewann in der Renaissance rasant an Schwung. So konnten Fehlsichtigkeiten ausgeglichen werden, es konnte insbesondere aber auch unter den verbesserten Vergrößerungsgläsern in Dimensionen gearbeitet werden, die bisher dem menschlichen Sehen kaum zugänglich waren. Die daraus entstandenen, bisher nicht gesehenen Produkte der Miniaturmalerei und der Mikroschnitzerei fanden ein Publikum aus altem Adel und vermögend gewordener Bürger, deren Repräsentationsehrgeiz diese kleinen Wunder herausforderten.


Solche Möglichkeiten und Bedürfnisse trafen auf die Bewegung der Devotio Moderna. Diese geistliche Reformbewegung hatte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts in den Niederlanden und besonders in den Gebieten des heutigen Deutschlands verbreitet und trat für eine persönlichere, stärker innerliche Haltung ein. Im Zuge dessen gewann eine Haltung an Einfluss, die sich aus der Liturgie und aus den akademischen Diskussionen der bis dahin vorherrschenden Scholastik zurückzog und der die individuelle Reflexion der Gläubigen zunehmend wichtig war. Dabei gewann das kontemplative Gebet verstärkt an Bedeutung. Die private, innerliche Andacht wurde wichtiger; die hierzu passende und im Alltag leicht mitzuführende Ausstattung war oft eine Miniaturversion eines Altars als Symbol des anwesenden Christi oder noch feiner und kleiner ausgearbeitet: eine Betnuss, oft als Anhang an einem Rosenkranz.
Diese Preziosen zu fertigen erforderte die besten Leistungen der fähigsten Handwerker der Zeit. Sie waren nur den höchstgestellten und wohlhabendsten Menschen ihrer Zeit erreichbar und entsprechend selten sind Exemplare zu finden. Die Sammlungen der kunstsinnigen Könige und Fürsten enthielten und enthalten daher Beispiele dieser großen Leistungen der Microschnitzerei. Berühmt wurde etwa jene, die der englische Kardinal Wolsey an Heinrich VIII. als Geschenk gab. Aus höchst adeligem Besitz kommt auch die Betnuss der Maria von Burgund, Ehefrau des späteren Kaisers Maximilian I., eine der bedeutendsten ihrer Art, war erst nach siebenjähriger Arbeit vollendet und befindet sich heute im Bergbau- und Gotikmuseum Leogang. Sogar 18 Jahre soll der Meister Hieronymus Faber für das berühmte Exemplar in der Schatzkammer der Münchner Residenz benötigt haben. Die meisten weiteren Beispiele von Betnüssen schmücken die Sammlungen des Metropolitan Museum in New York, des British Museums in London, des Kunsthistorischen Museums in Wien und vielen weiteren. Wenige solcher Preziosen sind noch in Privatbesitz.
Ein prachtvolles Exemplar mit einer Darstellung der Sieben Werke der Barmherzigkeit wird bei Lempertz in der Auktion am 20. November aufgerufen. Im Inneren einer vollplastischen geschnitzten Frucht eröffnet sich eine hohe spätgotische Hallenkirche sowie das Treppenhaus eines Renaissancepalastes, die der biblischen Thematik eine Bühne bereiten.
Auktionsdaten
Auktion
Skulpturen, Kunstkammer, Möbel
Vorbesichtigung
Vernissage
29.10.2026, 18–21 Uhr
Vorbesichtigung
30.–31.10.2026, 11–17 Uhr
MÜNCHEN
Vernissage
09.11.2026, 18–21 Uhr
Vorbesichtigung
10.–11.11.2026, 10–18 Uhr
KÖLN
Matinée
14.11.2026 (Uhrzeit folgt)
Vorbesichtigung
14.–20.11.2026
Katalog
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