Morita Shiryū und Deutschland
Morita Shiryūs Werke kommen beim Kunsthaus Lempertz immer wieder zur Auktion – und das hat Geschichte. Bereits in den 1960er Jahren begann man in Deutschland, den Meister der japanischen Kalligraphie und sein modernes Verständnis der Schrift zu entdecken. Es waren vor allem zwei Ausstellungen, die das deutsche Publikum mit dieser Kunstform und mit Morita Shiryū bekannt machten.
Die Entstehung der modernen Kalligraphie in Japan und ihre internationale Rezeption
Die moderne japanische Kalligraphie entstand in Kyōto im Umfeld des Kalligraphen Ueda Sōkyū, dessen Schüler sich 1952 in der Gruppe Bokujin-kai (墨人会) zusammenschlossen; Morita Shiryū war einer der Schüler Uedas und Gründungsmitglied der Gruppe. Die Bokujin-kai stand auch im Zentrum der Bemühungen, diese Kunstform international bekannt zu machen, besonders durch eine Reihe von Wanderausstellungen in Europa und den Vereinigten Staaten in den späten 1950er Jahren. Künstler der Gruppe nahmen zudem an mehreren Biennalen in São Paulo sowie der documenta II 1959 in Kassel teil.
Werke von Morita Shiryū kamen bei Lempertz immer wieder zur Auktion – und das hat eine Vorgeschichte.
Einem breiten Publikum in Deutschland wurde das Werk Morita Shiryūs und seiner Mitstreiter in der Ausstellung Sinn und Zeichen – Kalligraphien japanischer Meister präsentiert, die 1962 in der Mathildenhöhe Darmstadt gezeigt wurde. Ein Jahr später folgte die Ausstellung Schrift und Bild in der Kunsthalle Baden-Baden, die eine Reihe von Kalligraphie-Künstlern zusammen mit Werken westlicher Künstler zeigte, die sich in ihrer Malerei mit der Schrift auseinandersetzten. An beiden Ausstellungen war Irmtraud Schaarschmidt-Richter als Kennerin der japanischen Kunst maßgeblich beteiligt. Morita Shiryū nahm an beiden Ausstellungen teil. Seine herausragende Rolle innerhalb der Künstlerschaft zeigte der Umstand, dass er es war, der einen Essay (Wie Kalligraphie entsteht) im Katalog der Darmstädter Ausstellung beisteuerte. Zeitgleich entdeckte auch der deutsche Kunsthandel diese Künstler erstaunlich früh. Der Galerist Rudolf Zwirner zeigte bereits in den 1960er Jahren Arbeiten von Inoue Yūichi und Morita Shiryū.
Die japanische Kalligraphie – eine abstrakte Kunst?
Die Teilnahme des Künstlers Yūichi an der documenta II erklärt, warum die moderne japanische Kalligraphie auf ein begeistertes und interessiertes Kunstpublikum in Deutschland traf: Sie wurde im Kontext der alles beherrschenden abstrakten Malerei rezipiert, in der Werner Haftmann, Begründer der documenta, bekanntermaßen die neue „Weltsprache“ der Kunst sah. Entsprechend wurden Arbeiten der japanischen Kalligraphen mit Werken etwa von Franz Kline oder Pierre Soulages verglichen. Es war allzu naheliegend, in deren von breiten schwarzen Pinselstrichen beherrschten abstrakten Bildern eine künstlerische Verwandtschaft, ein gleiches Kunstwollen zu den japanischen Kalligraphen zu sehen, die auch in der Teilnahme von Inoue Yūichi bei der documenta II mündete.
Diese Rezeption der Kalligraphie als einem japanischen Beitrag zur globalen Abstraktion war jedoch ambivalent. Die Texte jener Zeit oszillieren zwischen der Suche nach formalen Ähnlichkeiten zwischen westlicher Abstraktion und östlicher Kalligraphie auf der einen Seite und der Betonung der Andersartigkeit und Eigenständigkeit der Kalligraphie als asiatischer Kunstform auf der anderen Seite. So waren die Kuratoren und Veranstalter – nicht zuletzt auch die Künstler selbst – darum bemüht, die lange Tradition, die religiösen Ursprünge und den philosophischen Gehalt der japanischen Kalligraphie zu betonen und – wie es Morita Shiryū in seinem Darmstädter Katalogbeitrag tat –, die Unterschiede zwischen der, wie er sie nannte, allgemeinen bildenden Kunst und der Kalligraphie zu erläutern.
Das semiotische Zusammenspiel aus Schriftzeichen, Form und Bedeutung lässt sich nachvollziehen an den Werken Morita Shiryūs, die bei Lempertz versteigert wurden.
En (円) – Kreis
Kan (観) – Betrachtung
Chū (冲) – Aufstieg (in den Himmel)
Ki (木) – Baum
Heijō (平常) – Geist des Alltags
Schriftzeichen wie En (円, Kreis) zeugen deutlich von der Verwurzelung in der Tradition des Zen-Buddhismus, in der Morita Shiryūs Kunst stand. Ein gleichermaßen aufschlussreiches wie außergewöhnliches Dokument der Rezeption Morita Shiryūs in Deutschland wurde ebenfalls bei Lempertz versteigert: ein vom Künstler bemalter Fächer, den er Rose Hempel, Kuratorin des Museums für Kunstgewerbe in Hamburg, als Geschenk darbrachte. Der Fächer trägt das Schriftzeichen Shizuka (静) – Stille.


